Foto: Thomas Peter

Unglaublich wie chillig das Gurten in diesem Jahr bis zu diesem Zeitpunkt ist. Man bekommt alles ohne nervige Wartezeiten – egal ob Duschen, Gurtenbahntransfer nach oben oder unten. Ausserdem lacht die Sonne mit dem Festival als wolle sie sich für das Vorjahr entschuldigen und die Künstler sind durchweg einfach gut drauf. Charlie Winston war vom Gurten sogar so angetan, dass man überlegte das morgige Konzert in Barcelona abzusagen und stattdessen nach ihrem Auftritt lieber noch ein wenig Gurtenatmosphäre zu schnuppern. Wenn das mal keine Auszeichnung für die Institution Gurtenfestival -mittlerweile übrigens komplett ausverkauft- ist. Die Fans in der Hauptstadt Spaniens hören das aber wohl eher ungern.

Doch von vorne. Mein Zeltplatz ist in diesem Jahr einfach spitze. Er ist relativ eben gelegen und wird auf der morgendlichen Sonnenseite von zwei mit Folie bespannten Bauzäunen eingerahmt. Heute morgen konnte ich also chillig im kühlen Zelt gammeln, während andere die Hitze schon aus dem eigenen getrieben hatte.
Gegen 10 Uhr raffte auch ich mich hoch, ging in eines der neuen, schnieken Grossraumduschzelte und wusch den Schweiss des gestrigen Tages den Berg hinunter. Im Anschluss gings zum Einkaufen und Geldwechsel in die Stadt. Bei der Gelegenheit wurden auch ein paar mehr oder weniger schöne Postkarten für die Daheimgebliebenen organisiert. Ob ich es dieses Jahr schaffe sie auch abzusenden?

Ziel des Unterfangens war es, pünktlich zum Start von Skindred mit Foto in der Hand wieder an der Zeltbühne zu stehen. Und das gelang souverän, weil das Warten an der Talstation der Gurtenbahn nicht wie von mir gedacht 1 Stunde dauerte, sondern wieder nur 10 Minuten. Wann bloss kommen die ganzen Menschenmassen nach droben?
Skindred Frontmann Benji Webbe war mit den ersten Reaktionen des Publikums unzufrieden. Aber schon beim zweiten Versuch brachte er die hitzegeplagten Festivalisten meist auf Kurs. So entwickelte sich ein munteres Treiben aus Geben und Nehmen ohne die von ihm bekannten „Predigten“. Zumindest so lange wie ich da war gab es keine Schimpftriaden gegen das Internet, lediglich gegen seinen Nachbar. Der konnte mit der lauten AC/DC-Mukke leider nie etwas anzufangen, vermeldete Webbe und entlockte Gitarrist Jeff Rose damit ein kurzes Hommage-Riff der australischen Heroen.

Der bereits erwähnte Charlie Winston wurde vom Bühnenmoderator als eines der heimlichen musikalischen Highlights angekündigt und der Resonanz beim Publikum zu Folge hatte er Recht. Aller Schwitzigkeit zum Trotz hingen die Leute an Winstons Lippen. Ob die Band nun wirklich dageblieben ist? Ich weiss es nicht.

Ganz ehrlich: Die Musik der Engländer von The Cribs empfinde ich nicht als das Non-Plus-Ultra. Dennoch bin ich hin um ein paar Bilder mitzubringen und sie zu „kreuzen“. Bisher nämlich war das parallel laufende Alternativprogramm auf anderen Festivals immer verlockender. Da aber am Gurten die Bühnen im Wechsel bespielt werden, hat man viel Zeit vorhandene Ressentiments abzubauen. In dem Fall eher weniger gelungen ;)

Sie rülpst, entschuldigt sich danach mit einem fachgerechten „Schulz“. Sie stellt ihre Unsportlichkeit zur Schau wenn sie einen Badeball hinter sich zum Drummer kickt statt ins Publikum und es kümmert sie einen Scheissdreck. Die gewichtige Beth Dito ist alles, nur nicht als normal zu bezeichnen. Am Gurten ist sie zusammen mit ihrer Band der wohl sehnlichst erwartete Act (sieht zumindest 20 Minuten online so). Am Zuspruch der Besucher vor der Hauptbühne gemessen muss man wohl zu einem ähnlichen Urteil kommen. Die Stimmung brodelt, jeder Quadratzentimer Stehfläche ist umkämpft.
Vor dem Bühnengraben herrschte vor dem Auftritt ein dermassen starker Fotografenauftritt, dass ich mich freiwillig zurückzog. Ob ich vor Faith No More dort wieder anstehe oder Mike Patton und Co lieber von einem anständigen PLatz aus feiere lasse ich zu diesem Zeipunkt offen. Tendentiell müsst ihr aber auf Faith No More Illustration per DSLR verzichten.

Zu Rodigro Y Gabriela ins Zelt zu gehen war eine gute Entscheidung. Und das in mehrerlei Hinsicht. Zum einen natürlich sind die beiden absolute Virtuosen an ihren Gitarren. Das Programm ist zwar mehr oder minder altbekannt, doch es zieht immer wieder in den Bahn. Man fragt sich wie die beiden diese Verrenkungen in dieser Geschwindigkeit hinbekommen und wie es schaffen ihren Instrumenten auch noch den Drumpart zu entlocken.
Aber gestern war es auch deshalb eine gute Wahl das Duo zu besuchen weil nach kaum 10 Minuten Spielzeit die Schleussen am Himmel sich ordentlich zu öffnen begannen und alle im freien in kürzester Zeit durchweichten. Erinnerungen ans letzte Jahr wurden wach. Nach einer knappen Stunde war der Spuk vorbei und laut Vorhersage bestand nochmal um 23 Uhr die Gefahr einer Wiederholung.

Um die Zeit wären dann Faith No More in ihren letzten Zügen gewesen. Etwas verspätet schafften es die Art-Rock-Heroen auf die Hauptbühne und hatten von Anfang an mit kleineren technischen Macken zu kämpfen. So wollte weder Mike Pattons kleines Verzerrergadget richtig arbeiten, noch das von ihm so sehr geschätzte Megaphon. Auf den Bildern des Abends kann man klar sehen dass seine Laune deswegen nicht die ultimativ beste war, was er mit Sätzen wie „You sse Boys, its all going down“ artikulierte. Auch nicht sonderlich gefallen haben dürfte ihm, dass man ihn als „old men“ beim Stagediven auf dem Weg zurück doch tatsächlich hat fallen lassen. Autsch!
Klammert man diese kleinen Störfaktoren aus war es ein Konzert mit einigen Höhepunkten. Als Patton beispielsweise mit der Publikumsresonanz unzufrieden war und uns mit Belgiern verglich („Are we in fucking Belgium? Are you made of Stone? Why are you here? Waiting to go to the mmmtzmmmtz?“) stimmte er ein Liebeslied an. Als Angebetete suchte er sich aber keine Frau aus, sondern die mobile Kamera vor der Bühne. Der Kameramann war not amused, aber eas sollte er machen ausser einfach mitspielen und zu versuchen Schaden von seinem Arbeitsgerät fernzuhalten. Die Pattonschen Begattungsversuche des Objekts jedenfalls waren alleine den Besuch des Konzerts wert.
Dass es nicht zum Prädikat besonders wertvoll reichte war den technischen Problemen und der etwas sonderbaren Setlist zu verdanken. Viele der Songs kannte selbst ich als Fan nicht wirklich und ich denke so ging es vielen vor Ort. Das geforderte Mitsingen war also einfach oftmals schwierig bis unmachbar.

Zum eigentlichen Höhepunkt des Tages sollten sich die Editors aufschwingen. Von der ansonsten oft erlebten Distanz zwischen Publikum und Band – insbesondere dem als unnahbar geltenden Tom Smith war an diesem Abend aber so rein garnix zu spüren. Immer wieder wandte er sich direkt ans Publikum und bedankte sich zum Abschied mehrfach – „Its been a pleasure“. Auch Bassist Russell Leetch war angetan. Fast nach jedem Lied stemmte er den Daumen in den Himmel.
Und die Gurtenfans hatten in den 90 Minuten auch alles gegeben um den Editors eine schöne Zeit zu bereiten. Im Gegensatz zu Faith No More wusste man von Beginn an das Publikum im Rücken und forcierte das Tempo um sie bei der Stange zu halten. Die Show bei Rock am Park war gut, aber wurde durch die gestern zelebrierte Fannähe der Band definitiv ausgestochen. Erleben wir gerade die Geburt eines neuen Headlinerkandidaten auch auf deutschem Boden?

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