Selbst mit dem Abstand einer Nacht im Hostel hat sich meine Euphorie rund um das 27. Gurtenfestival noch nicht gelegt. Seit 3 Jahren komme ich nun schon hierher und 2010 markiert mein stimmungsvollstes und schönstes Gurten bis dato.

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Best-Of-Album in chronologischer Folge. Alle unsere Bilder der diesjährigen Ausgabe findet ihr gesammelt hier.

Dass viele Zuschauer eine ähnlich hohe Meinung vom Gurten haben zeigt allein der Vorverkauf: Mit 12.000 Besuchern am Donnerstag und jeweils 20.000 an den restlichen 3 Tagen war das Open Air bereits im Vorfeld restlos ausverkauft. Die Stimmung in alpiner Atmosphäre ist friedlich und wohlwollend. Daran konnten auch die kurzen Regenunterbrechungen des sommerlichen Wetters am Freitag und Samstag nichts ändern.
Auch die Festivalleitung zeigte sich zufrieden: Das Event lief komplikationslos ab, man konnte sich dem bunten Treiben am Berg erfreuen und auf viele Konzerthiglights zurückblicken.

Am Eröffnungstag überragte beispielsweise die emotionsgeladene Show der Babyshamles. „Für uns ist es keine Frage dass Pete Doherty kommt“ sagte Macher Micha Günther im Vorfeld. Und er sollte Recht behalten. Gut aufgelegt, sing- und spielfreudig präsentierte Doherty sich den Fans in Bern. Zu Recht wurde er samt Band gefeiert – und das von der ersten bis zur letzten Note. Mit ihrem wohl bekanntesten Song, „Fuck Forever“, gab Doherty im wahrsten Sinne des Wortes das Mikro ab. Er warf es ins Publikum und alles was nicht niet- und nagelfest war hinterher. Zum Beispiel die Sonnenblumendeko der Bühne. Das muss Rock sein!

Highlight des 2.Tages waren meines Erachtens ganz klar die Editors, die als Abschlussact der Hauptbühne zu Höchstform aufliefen. Selten zuvor habe ich Tom Smith und Co so befreit und in engem Austausch mit dem Publikum erlebt. Es war ein Geben und Nehmen wie in einer Symbiose – und Band wie Publikum wussten in dieser Nacht wirklich viel zu geben.
Als weiteres Highlight müssen Rodrigo Y Gabriela genannt werden. Was die beiden Virtuosen ihren Gitarren an Sounds entlocken ist schier unglaublich. Auch die Geschwindigkeit und das Herzblut ihres Tuns ist überwältigend.
Hervorheben muss man auch die Shows meiner Heroen Faith No More und Gossip. Faith No Mores Show krankte etwas an ausgefallener Technik. Das wiederum sorgte für leichten Verdruss bei Sänger Mike Patton und letztlich zur Kaperung der vorgelagerten TV-Kamera – der Kameramann war mässig begeistert. Weiterer Erinnerungsmoment: Patton war immer versucht, die Zuschauer zu mehr Stimmung zu animieren. Einmal führte ihn sein Weg daher ins Publikum, er wollte Crowdsurfen um noch intensiver mit der Menge zusammenzukommen. Soweit so gut. Doch als er die Runde schon fast beendet hatte und auf der Welle zurück zum Publikum war, lies man ihn doch tatsächlich fallen. Mehrfach! Sowas habe ich noch nie miterlebt und muss daher an dieser Stelle nochmal explizit herausgestellt werden.

Tag 3 war geprägt von Biffy Clyro, dem James Butler Trio und Headliner Groove Armada. Letztere brachten den Berg zum beben. Kein anderer Act schaffte es dermassen viele Zuschauer zum tanzen zu animieren – und das obwohl sie als letzter Act auf der Hauptbühne standen und die Festivalisten während des schweisstreibenden Tages schon einiges an Energie gelassen hatten. Mit ihrer Musik und den unglaublichen Bühnenpräsenz der Sängerin SaintSaviour zog das Disco-, Funk- und House-Act aus England die Zuschauer in den Bann und lies sie erst gegen 2 Uhr morgens wieder los.
Am Nachmittag hatten Biffy Clyro ihre Gurtenpremiere gefeiert – gewohnt unkonventionell und unangepasst. Es macht einfach immer wieder Spass dem Treiben auf der Bühne zuzuschauen. Nach seiner herausragenden Show vor 2 Jahren hatte man den Ausnahmekönner John Butler nun für die grosse Bühne gebucht. Auch er schaffte es mit seiner variantenreichen Musik spielend die Hörer auf seine Seite zu ziehen. Wie überzeugt die Crowd von seinem Auftritt waren zeigte letztlich auch die Autogrammstunde. Der Titel „Längste generierte Warteschlange“ heimste der smarte Australier mit Leichtigkeit ein.

In den Abschlusstag mischte sich ein wenig Wehmut. Der wurde allerdings zumeist von der Rückkehr der Sonne und den Shows von Xavier Rudd, Florence And The Machine, Skunk Anansie, Gurtenliebling Amy Macdonald und den extrovertierten Gogol Bordello beseite gewischt.
Xavier Rudd generierte mit seinen Didjeridus einen Bass, der einen färmlich aus dem Fotograben geblasen hat. Und bei Florence And The Machine muss man einfach stehen bleiben, zuhören und staunen. Man ist verzückt von der Aura, die die britischen Singer-Songwriterin Florence Welch über der Bühne aufspannt. Stimme, wallendes Haar, die zerbrechlichen Bewegungen – alles passt harmonisch ins Bild. Die Zeit verfliegt geradezu während man aus dem Staunen nicht mehr herauskommt – und vor lauter Faszination vergisst man fast dass nach 3 Songs der Graben geräumt werden muss.
Mehrmals hatte ich das Comeback von Skunk Anansie auf diversen Festivals verpasst. Auch diesesmal standen die Sterne nicht gut, galt es doch iurgendwann das Gepäck ins Tal zum Hostel zu bringen. Schon bei der Abfahrt mit der Gurtenbahn schwahnte mir, dass es sehr sehr knapp werden würde bis zur Show vor die Hauptbühne zu kommen. Unten angekommen erhärteten sich meine Bedenken. Bis runter zur Bändchenausgabe standen die Festivalisten auf die Auffahrt wartend – prognostizierte Wartezeit von dort aus rund 1 Stunde. Mit Einsatz meines Fotopasses konnte ich -entgegen meiner Natur- den VIP-Vorteil nutzen und schaffte es so doch noch pünktlich an die Bühne. Für den Fotograben allerdings war ich rund 3 Minuten zu spät. Nexte Chance: Taubertal. Skin samt Band habe ich zuletzt in den 1990er Jahren auf dem Bizarre Festival am Butzweiler Hof in Köln erlebt. Und in de 11 Jahren die Seitdem ins Land gezogen sind hat die Frontfrau nichts, aber auch gar nichts, an Charisma eingebüsst. Sie springt umher, sie schreit, sie kennt keine Tabus und reibt sich auch schonmal am Kameramann – kurzum: Es ist ein Erlebnis Skunk Anansie performen zu sehen.
Doch der Sonntag sollte noch mehr Perlen bereithalten. Ebenfalls vor 2 Jahren lud man Amy Macdonald ein und musste feststellen, dass sie nach der Bestätigung in der Schweiz einen massiven Popularitätsschub erfahren hatte. Folglich platzte das Zelt aus allen Nähten. Seither hat sie kein Bisschen ihrer Beliebtheit eingebüsst, im Gegenteil. Und so war es nur konsequent die niedliche Schottin als würdigen Abschlussact der Hauptbühne zum Gurten zu holen. Sie brachte als Intro eine schottische Kapelle mit. Die Dudelsäcke der klassisch gewandeten Band generierte genau die feierliche Stimmung, die man sich für den Abschluss gewünscht hatte.
Ganz zu Ende war das Festival aber noch nicht. Gogol Bordello war es vorbehalten die letzte Schicht im Zelt zu übernehmen. Gewohnt souverän hatten sie die Massen schnell ins Schwitzen gebracht. Letzte Energien wurden bei dieser Show abgebaut.

Für mich war es Mitte des Gogol Bordello Konzerts Zeit Abschied zu nehmen. Kurz stellte sich die Frage ob man runterlaufen oder die Warteschlange an der Bahn in Kauf nehmen sollte. Aus dem Vorjahr wusste ich, dass der Weg abwärts nach Festivalende durchaus eine Herausforderung darstellt. Man läuft teils im Dunkeln, teils in enger Herde und das knapp 40 Minuten. Daher zog ich es in diesem Jahr vor auf dieses durchaus intensive Bergerlebnis zu verzichten und reihte mich in die Schlange der wartenden ein. Später erkannte ich, dass auch hier ein Cheat mit dem VIP-Ticket möglich gewesen wäre. Dennoch zog ich in diesem Moment das „Gemeinschaftserlebnis“ vor.

Mein subjektiv-persönliches Fazit: Das Gurten 2010 war einfach klasse. Zwar findet man die generell von mir bevorzugten härteren Bands so gut wie nicht im Programm – aber das macht nichts. Denn für alle, die bereit sind ihren Horizont etwas zu öffnen hält das Lineup Jahr für Jahr Perlen der Musikbranche bereit. Begnadete Musiker, die entdeckt werden möchten.
In Sachen Stimmung und Sauberkeit macht dem Festival keiner was vor. Auch bei den ohnehin guten Sanitäreinrichtugen hat man durch die Grossraumduschen einen erneuten Schritt nach vorne gemacht. Die Dreck Bag Crews waren den ganzen Tag über unterwegs um auch das kleinste bisschen Müll sofort aufzusammeln. Kostenlose Wäscherei und Haarschnitt gehören seit Jahren zum guten Ton, genau wie neuerdings ein Shiazu-Massagezelt.

Kurzum: Ich freu mich schon jetzt auf das 28. Gurtenfestival , das gestern auf den 14.-17.Juli terminiert wurde. Nach Möglichkeit will ich dann mit einem „Wingman/woman“ anreisen um die dichte Atmosphäre noch besser packen zu können. Wer Lust hat bei der Berichterstattung über das Gurten 2011 im Vorfeld und dann am Festival mitzuwirken darf sich gerne melden.