Schon bei der Verpflichtung Sizzla’s für den diesjährigen Chiemsee Reggae Summer rechneten die Veranstalter mit Protest. So distanzierten sie sich in einem Atemzug mit der Bekanntgabe des Aufritts von jedweder Homophobie. Welch ungeheuere Dimensionen der Protest nunmehr angenommen hat, wurde erst unlängst bekannt durch einen Beitrag der Süddeutschen Zeitung. Demnach habe die Deutsche Bahn kurzzeitig erwogen, die langjährige Partnerschaft mit dem Chiemsee Reggae Summer wegen dem polarisierenden Thema aufzugeben. Fraktionsübergreifend wird zum Boykott des Festivals – zu weiterem Protest – aufgerufen. Nutzer im Forum des Chiemsee Reggae Summers warnen vor möglichen Attacken mit Buttersäure während dem Konzert. Ausmaße eines Protestes, die wohl in dieser Ausformung auch vom Veranstalter nicht erwartet worden waren. Und doch halten diese am Auftritt des umstrittenen Sizzla Kalonji fest, was sicherlich Mut und Standhaftigkeit abverlangt. Doch wie wird diese anhaltende Diskussion überhaupt geführt? Ist diese in einer solchen Form überhaupt gerechtfertigt? Rechtfertigungen – wie sieht es damit aus, gehen diese nicht am eigentlichen Kernpunkt vorbei? Die Brisanz des Themas erfordert viel Feingespür und sorgfältige Abwägungen: Wie weit soll Toleranz gehen, und wo endet die Kunstfreiheit? Ein wertender Überblick.

„Wir sind für Kunstfreiheit, wir sind für Meinungsfreiheit, den Respekt vor anderen Kulturkreisen und wir sind gegen verfassungswidrige Zensurbestrebungen. Selbstverständlich achten wir und alle auftretenden Künstler darauf, dass beim Chiemsee Reggae Summer die Gesetze der Bundesrepublik Deutschland eingehalten werden.“, so kündigt der Veranstalter den kommenden Auftritt Sizzla’s in einer Pressemeldung an.

Kunst- und Meinungsfreiheit. Respekt. Grundlegende Werte, die in unserer westlichen Wertgesellschaft als selbstverständlich – ja, absolut notwendig – angesehen werden. Doch steht der geforderte „Respekt vor anderen Kulturkreisen“ nicht im krassen Gegensatz zu einer Einladung eines Künstlers, der eine gesellschaftliche Minderheit nicht respektiert – ja womöglich aus seiner Überzeugung heraus nicht respektieren kann? Es besteht kein Zweifel daran, dass zumindest Auszüge aus Sizzla’s musikalischem Schaffen deutlich homophob sind. Ob Passagen in den Liedern als Mordaufrufe interpretiert werden können, wie stellenweise behauptet, oder vielmehr „Übersetzungen aus Liedern des Künstlers, die vor vielen Jahren veröffentlicht wurden, die komplett aus dem Zusammenhang gerissen sind und nicht 1:1 aus dem jamaikanischen Patois übertragbar sind“ (Newsbeitrag auf chiemsee-reggae.de vom 10. Mai) bewusst dazu genutzt werden, um eine gezielte „Hetzkampagne“ zu initiieren und Sizzla – ja eine ganze Szene – in ein falsches Licht zu stellen, ist letztlich nur am Rande von Bedeutung. Es ist sicherlich sehr schwierig ein abschließendes Urteil darüber zu bilden, wo die Grenze liegt zwischen freier Meinungsäußerung und einem unrechtmäßigem Gewaltaufruf. Fakt ist: Homosexualität in Jamaika und deren offenes Ausleben ist mit einem nicht unbeträchtlichen Risiko verbunden, zumal homosexuelle Handlungen dort strafbar sind. Weitaus schlimmer ist jedoch die fehlende gesellschaftliche Toleranz und deren Folgen, die von psychischer Demütigung, bis zu extremer körperlicher Gewalt reichen. Diese Homophobie in Jamaika ist tief verwurzelt und kann sicherlich nicht Sizzla angelastet werden. Dass jedoch Musik mit deutlich homophoben Inhalten bestehende Aggressionen weiter anheizen können steht außer Frage. Und Sizzla als toleranten Schwulenfreund darzustellen, oder seine Haltung als natürlich abzutun, (Homophobie sei schließlich eine Phobie – also Angst) wie das im Zuge zahlreicher Forendiskussionen geschehen ist, führt sicherlich auch nicht zu einer akzeptablen Synthese.

An diesem grundlegenden Umstand können nun die Veranstalter des Chiemsee Reggae Summers wenig ändern, ganz unabhängig von der Einladung eines solchen Künstlers. Es stellt sich nun die Frage, was überwiegt: Das rein künstlerische Werk Sizzlas, der nach wie vor zahlreiche Fans – auch in Deutschland – hat, oder weit verbreitete Haltung keinen Künstler mit einer solchen Grundhaltung zusätzlich zu unterstützen. Sicherlich: Sizzla publizierte zahlreiche Alben, nur wenige davon enthalten homophobe Inhalte. Das ändert aber wenig an dessen homophober Grundüberzeugung. So scheint auch das Versprechen der Veranstalter, von „sämtlichen homophoben Äußerungen“ würde Sizzla am Chiemsee Reggae Summer die Finger lassen, (Sizzla sei schließlich „kein Idiot.“, so Sprecher Buchholz gegenüber der SZ) wenig tröstlich.

Doch auch die Argumentation und Reaktion der Kritiker ist wenig produktiv. Der Einsatz von Buttersäure radikal, ein Aufruf zum Boykott wenig zielführend: Denn – wirklich empfindlich kann dem Festival so nicht geschadet werden. Das wäre auch fehl am Platz, schließlich kann man dem Chiemsee Reggae Summer rein rechtlich tatsächlich nichts vorwerfen. So sind auch sämtliche Forderungen eines Auftrittsverbotes fehlgeleitet. Sicherlich kann man den Veranstalter bitten, die Verpflichtung aus rein moralischen oder Gewissensgründen zu überdenken; alle weiteren darüber hinaus geforderten Zwangsmaßnahmen entbehren jedoch jedweder rechtlicher Grundlage.

Keine Toleranz gegenüber den Intoleranten – eine weitverbreitete Ansicht, die auch im Bezug auf Sizzla immer wieder zum Ausdruck kam. Ob der Aufritt Sizzlas nun angebracht ist, oder als Affront gegenüber der Schwulen- und Lesbengemeinschaft verstanden werden muss, muss  letzlich jeder selbst entscheiden. Die Veranstalter des Chiemsee Reggae Summers haben sich deutlich für Sizzla entschieden und diese Haltung auch nachdrücklich verteidigt. Stellenweise wirken die Begründungen fadenscheinig, vom Thema abweichend. Das stoppt aber nicht beim Chiemsee Reggae Summer selbst. Die entfachte Diskussion wird von Gegnern großteils unsachlich,  emotional und wenig produktiv geführt. Wenig überzeugende Argumente werden ohne viel Hintergrundwissen ins Netz geschleudert.

Und nicht zuletzt zeigt sich das Verhalten vieler Kritiker inkonsequent. Gibt es nicht in Wirklichkeit regelmäßig Aufritte zweifelhafter Persönlichkeiten auf deutschem Boden? Während bei Sizzla großer Aufschrei herrscht, wird vieles anderes stillschweigend akzeptiert. Während diese Diskussion überhitzt und überzogen geführt wird, bleiben andere Probleme ähnlicher Natur der Öffentlichkeit verborgen. So fragt man sich, ob diese aufgewendete Energie für eine Diskussion, die letztlich – gerade in ihrer momentanen Form –  nicht zu Ende geführt werden kann, nicht sinnvoll eingesetzt die tatsächlichen Lebensumstände jener, die mangels Gleichberechtigung unter Repressionen leiden, verbessert werden könnten.

2 KOMMENTARE

  1. […] Shantel und Sizzla. Letzterer auch nur, weil aufgrund der homophoben Äußerungen in seinen Songs Protest gegen seinen Auftritt aufkam. Da ich diesen Protest berechtigt finde, werde ich seinem Auftritt fernbleiben. Bei Samy […]

  2. Ein sehr guter Artikel zu dem Thema!

    Ich bin der Meinung, man sollte die Entscheidung des Veranstalters akzeptieren, solange er glaubhaft versichern kann, dass es im Rahmen des Festivals nicht zu solchen Äußerungen kommen wird. Der Protest, der diese Entscheidung begleitet, ist jedoch keineswegs falsch und sollte nicht verstummen. Natürlich nur unter der Voraussetzung, dass er einen gewissen Rahmen einhält. Die Drohung den Auftritt durch beispielsweise Angriffe mit Buttersäure zu sabotieren, überschreitet diese Grenze und ist damit kontraproduktiv.
    Dass der Veranstalter versucht hat den Sachverhalt zu beschönigen, ist sicherlich eine Fehlentscheidung gewesen. Man muss ihm jedoch zugestehen selbst valide Entscheidungen treffen zu können und diese akzeptieren, auch wenn sie nicht der eigenen Meinung entsprechen.
    Wie man sich dann als Zuschauer verhält, ist wiederum eine andere Frage. Man hat eben die Wahl: Bleibt man dem Auftritt oder gar dem ganzen Festival einfach fern? Wenn das für einen nicht in Frage kommt oder zu wenig ist, kann man sich auch überlegen, ob man seine Meinung während des Auftritts äußern will. Den Auftritt zu Sabotieren ist jedoch nicht der richtige Weg. Man sollte vielmehr darüber nachdenken wie man seine Meinung so äußern kann, dass Festivalbesucher, die den Auftritt verfolgen wollen, nicht daran gestört werden. Ich denke, dass man mit klug gemachten Schildern oder Transparenten dem Künstler ohne den Auftritt groß zu beeinflussen zeigen kann, welche Meinung man vertritt.

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