Chiemsee Reggae Summer – das steht seit vielen Jahren für tobende Bässe und chillige Musik. Karibik Flair vor Alpenpanorama. Morgen geht das Festival am Chiemsee in eine neue Runde und lockt mit einem internationalen Aufgebot. 25.000 sollen es wieder werden, die für 3 Tage an den Chiemsee pilgern, um dem tristen Alltagsstress zu entfliehen. Zur Erholung? Keineswegs, denn wer auf ein Festival fahren will, erwartet Action. Das ist auch am Chiemsee Reggae Summer nicht anders.

„Grüner Wohnen“

Für jene, die nicht mitten in der Nacht mit verstörenden Klängen der „Atzen“ beschallt werden möchten, präsentieren die Veranstalter dieses Jahr eine Neuerung: „Grüner Wohnen“ nennt sich jener Campingplatz, der Besucher vor solch anstrengendem Partyvolk verschonen kann. Daneben soll auch die Müllproblematik auf diese Weise bekämpft werden. Grüner Wohnen – eine Spielwiese für FKP Scorpio, denn: Das wird sicher auch bald auf anderen FKP Festivals erprobt werden.

Eine schlammige Party?

Die Schlammschlacht hat am Chiemsee Tradition. Ob es auch dieses Jahr dazu kommen wird, bleibt abzuwarten. Einerseits haben sich die Geländebefestigungen des vergangenen Jahres durchaus positiv auf die Trockenheit des Geländes ausgewirkt. Andererseits verspricht der Wetterbericht ein durchaus angenehmes Festivalwetter. Falls Petrus Badewetter hervorzaubert, bietet sich auch dieses Jahr wieder die nahegelegene Ache Abkühlung. Die soll aber auch schon zur Reinigung vom Schlamm missbraucht worden sein.

Das musikalische Rahmenprogramm – Oder: Smash Homophobia

Mehr als 40 Bands werden am Chiemsee Reggae Summer auftreten. Doch einer stellt alle in den Schatten. Sizzla ist der – im Bezug auf den Chiemsee Reggae Summer – meistgehörte Künstler. Seine Einladung hat heftige Kontroversen hervorgehoben, jenseits aller Rationalität.  Proteste wurden angekündigt, Informationsstände inbegriffen. Auch warnten Nutzer im Reggae Forum vor Buttersäure-Anschlägen während des Konzertes. So zogen die Veranstalter nun , einen Tag vor Beginn der Veranstaltung, Konsequenzen und sagten den Aufritt ab. Ein Ersatz steht bisher nicht fest.

So kann der Fokus nun auf die anderen auftretenden Künstler gerichtet werden.Eröffnet wird das Festival dieses Jahr urig mit bayrischer Gemütlichkeit. Die Überseer Blaskapelle darf ihr Programm vor internationalem Publikum auf der Hauptbühne präsentieren. Hat was von Wacken und wird die meisten Clichées vom typischen Bajuwaren aufrechterhalten.

Gentleman ist in diesem Jahr nach 3 Jahren Pause zurück am Chiemsee. Ein oft und gern gesehener Gast am CRS, zuletzt 2007. Dieses Jahr bringt er als Freitagsheadliner „Diversity“ – sein neues Album – mit. Auch das hat lange auf sich warten lassen, landete aber prompt auf Rang 1 der deutschen Albumcharts und kann daher schon jetzt als großer Erfolg bezeichnet werden. Dass das Album livetauglich ist, wird Gentleman um 23:30 auf der Hauptbühne beweisen müssen.

Shantel darf schließlich das Freitagsprogramm auf der Zeltbühne spät Nachts um 2:45 abschließen. „Disko Partizani“ hat ihm die große Bekanntheit gebracht. Ihn dagegen auf diesen einen Song zu reduzieren wäre falsch. Den selben Stil kann man aber auch durchaus in seinen anderen Werken wiederfinden: Modern interpretierte osteuropäische Tanzmusik. Kurz: „Balkan Pop“

Am Samstag hat eine Grassauer Nachwuchsband einen gewaltigen Heimvorteil. Rubber Cell sind der Dorfjugend aus zahlreichen Aufritten im eher kleinen Rahmen bekannt. Ihre ersten Gehversuche als Band machten sie auf den kleinen Jugend-Parties der Region. Mit Rubber Cell setzt sich damit eine Tradition der Veranstalter fort, auch kleinen lokalen Bands eine Plattform zu bieten. Bradleys H aus Übersee waren bereits auf der Hauptbühne gewesen und LaBrassBanda haben seit ihrem letztjährigen Aufritt einen gewaltigen Bekanntheitsschub erfahren. Wer weiß also wo die Ska-Kapelle von Rubber Cell (myspace) in einigen Jahren stehen wird.

Wie immer werden am Reggae Summer auch Bands eingeladen, die der breiten Öffentlichkeit bekannt sind und auch durch Charterfolge in Deutschland glänzen können. Neben Gentleman sind das dieses Jahr vor allem Fettes/Brot und Culcha Candela. Gerade letztgenannte können sich an großer Popularität erfreuen. Ihre Mischung aus Reggae, Dancehall und HipHop ist beliebt. „Hamma!“ wurde zum großen Charterfolg und auch ihr neustes Album aus dem Jahr 2009 („Schöne neue Welt“) wurde von den Fans durchaus angenommen. Ihre Live Aufritte sind streng choreographiert, wobei die meisten Fans am Reggae Summer wohl eher auf viele alte Lieder hoffen werden.

Fettes Brot hat im Laufe der Jahre auch einige Erfolge gesammelt. So wurden sie von den MTV Europe Music Awards 2008 als „beste deutsche Band“ ausgezeichnet. Ihr Lied „Emanuala“ ist Kult, daneben gibt es von ihnen aber auch weitere Klassiker. Da wären „Jein“ oder „An Tagen wie Diesen“. Ihre Live-Qualitäten sind unbestritten. Man darf sich also auf ihren Aufritt freuen, auch wenn die Buchung eines solchen HipHop-Acts im Forum des Reggae Summers – wie gewohnt – umstritten war.

Am Sonntag wird es mit The Wailers historisch. Mit dem Großmeister aller Reggae Musik Bob Marley haben sie eine Legende unter ihren Gründern. Seit nunmehr 40 Jahren stehen sie auf der Bühne und werden auch am diesjährigen Reggae Summer Klassiker von Bob Marley darbieten.

Am Ende des Sonntags steht derzeit noch ein großes Fragezeichen. Wer könnte Sizzla ersetzen? Die Spekulationen reichen von Capleton bis Patrice. Wie überhaupt ein Musiker von diesem Format – ist es doch immerhin der Sonntags Headliner – in dieser kurzen Zeit gefunden werden kann, wird ein Geheimnis des Veranstalters bleiben.

Ganz unabhängig davon, präsentiert sich das diesjährige Programm als vielseitig und sehenswert. Nicht zuletzt deshalb, weil sich im gesamten Aufgebot auch Musiker verstecken, die in den meisten Vorberichten wohl vernachlässigt werden. Sei es nun Martin Jondo, Mono & Nikitaman, Jamaram oder Jahcoustix. Über 40 Künstler werden es sein – die Festivalisten vor Ort werden versuchen möglichst viele lebendige Impressionen davon einzufangen. Bilder vom Festival gibt es hier.