Ins Flugzeug für ein Konzert? Nach Liverpool? Eher ungewöhnlich: Dennoch geschehen, um ein großes Idol live zu erleben. Steffen Neumeister mit einem Reisebericht der etwas anderen Art.

Alle Fotos: Steffen Neumeister

Es hätte sehr viel schiefgehen können im Vorfeld dieser Reise. In Deutschland herrschte ein vorweihnachtliches Winterchaos. Frostig und schneereich. Viele Flughäfen in ganz Europa waren lahmgelegt. Sei es durch die Wetterquerelen, Fluglotsen- oder auch Pilotenstreiks. Doch dies sollte für die, für meine Reise relevanten Flughäfen (Amsterdam und Liverpool), nicht gelten. Alles schien gut zu laufen. Doch 2 Tage vor meiner Abreise gab es eine schlechte Nachricht auf Frank Turners Website:

After two shows of battling voice problems and general cold-induced sickness, I feel like a pile of arse today and the doctor says no shows for me.

Das war natürlich ein Schock. Was, wenn er nicht rechtzeitig gesund geworden wäre? Hotel und Flug waren gebucht und die Konzertkarten gekauft. Im Endeffekt musste aber nur ein Konzert seiner Tour dran glauben und es ging schnell weiter.

Also ging es Donnerstag Abend mit dem Zug von Arnsberg in Richtung Hamm, um dort bei meiner Reisebegleitung Tim die Nacht zu verbringen, damit es am nächsten Morgen zeitig losgehen konnte. Da wir uns aufgrund des heftigen Schneefalls entschieden, ziemlich früh loszufahren, machten wir uns ohne Schlaf auf den Weg. Der Straßenzustand war katastrophal und wir kamen nur sehr langsam voran, je weiter es jedoch in Richtung Westen ging, desto weniger Schnee war zu sehen. Hinter der holländischen Grenze war er so gut wie ganz verschwunden. So kam es, dass wir ca. 4 Stunden zu früh am Flughafen Schiphol in Amsterdam ankamen. Die Wartezeit wurde mit der Suche nach kostenlosen W-Lan Schnittstellen und dem schlendern durch die zahlreichen Duty Free Shops verkürzt. Irgendwann ging es aber dann aber los und nach etwa einer Stunde Flug erreichten wir den Airport in Liverpool.

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Das großartig ausgebaute Nahverkehrssystem brachte uns zügig zu unserem Hotel und danach hieß es erst mal City angucken. Ein Tagesticket für Bus und Bahn kann man in Liverpool für günstige 3,30 Pfund (ca. 4€) erstehen. Das perfekt funktionierende Nahverkehrsangebot ermöglicht schnell an viele interessante Ecken der Stadt zu gelangen. So verbrachte man auch den nächsten Tag, doch gegen Abend ging es nochmal kurz in Richtung Hotel, man stärkte sich, steckte die Konzertkarten ein und machte sich auf in Richtung O2 Academy.

Es war schon dunkel, es herrschte viel Trubel auf den Straßen und auf einmal kam uns auf dem Bürgersteig eine große Kapuzengestalt mit zwei Begleitern entgegen. Irgendwie kam er mir doch sehr bekannt vor und ja, er war es tatsächlich, Frank Turner! Eigentlich wollte er sich gerade was zu Essen holen, aber für einen kurzen Fanplausch war doch noch Zeit. Sehr sympathisch der Mann. Das Ganze machte natürlich noch mehr Vorfreude auf das Konzert. An der Halle angekommen, sah man schon die ersten Fans auf den Einlass warten. Wie es in England so üblich ist, reihte man sich in die Schlange ein und wartete mit. Pünktlich um 19Uhr öffneten sich die Pforten und die Menge strömte ein. Um in den eigentlichen Konzertsaal zu kommen, musste man erst mal einige Stufen zum zweiten Stockwerk erklimmen. Oben angekommen betrat man eine schöne, längliche Location, relativ schlicht, aber doch mit Stil.

Um 19:20Uhr betraten die Indie Rocker von Dive Dive aus Oxford die Bühne. Sie legten direkt mit ziemlich viel Power los und begeisterten die noch relativ eingefrorene Menge. Immer Mehr Köpfe begannen zu Nicken und mit ihrem letzten Stück Liar, ihre aktuelle Single, wurden auch schon die ersten Tanzbeine geschwungen. Schlagzeuger, Gitarrist und Bassist von Dive Dive sind übrigens auch in Frank Turners Liveband vertreten. Nach relativ kurzen und kurzweiligen 20 Minuten konnte ein Fazit gezogen werden: Empfehlenswert!

Nach kurzer Umbaupause ging es mit dem zweiten Support weiter. Ed Harcourt, Solokünstler und Expressionist, brachte nochmal etwas Ruhe ins Publikum. Er arbeitete mit vielen verschiedenen Instrumenten von Banjo bis Klavier und entlockte diesen auch einige interessante Töne. Die Musik kann man am besten als ‚Psychodelic‘ bezeichnen, vielleicht etwas zu anstrengend für das geneigte Frank Turner Publikum. Die 40 Minuten Spielzeit streckten sich jedenfalls ganz schön. So wuchs allerdings die Vorfreude auf den Hauptact des Abends.

Als Frank Turner mit seiner Band die Bühne betrat, brodelte die mit 1500 Gästen ausverkaufte O2 Academy über. Wie schon auf den Sommerfestivals startete er sein Set mit Eulogy, allerdings in etwas modifizierter Version gegenüber dem Sommer mit kompletter Band. Es folgte Hit auf Hit und die Stimmung im Publikum wurde immer überwältigender. Kurz bevor das Treiben aber zu bunt wurde ging Frank etwas vom Gas und spielte 2 neue Songs, Peggy, ein Song über seine Großmutter die, wie er sagte, bestimmt viel cooler sei als unsere Großmütter. Direkt danach, gab es The Ballad Of Steve, ein Song über einen amerikanischen Fallschirmspringer mit ungewohnten Tönen. Sprechgesang von Frank Turner? Interessant und auch verdammt gut! Und weiter ging es im bunten Reigen, Frank ging aufs Ganze und sprengte die Halle fast in die Luft. Wenn man darüber nachdachte, dass man sich im zweiten Stockwerk befand, bekam man doch Sorgen ob der Stabilität des Bodens, so tanzwütig war das Liverpooler Publikum. Der absolute Gänsehautmoment für mich persönlich und wahrscheinlich auch für die meisten vor Ort war wohl Long Live The Queen, ein Song über eine verstorbene Freundin von Frank. Die komplette Halle sang wie aus einem Mund das komplette Lied inbrünstig mit und selbst die Band war anscheinend verwundert über die enorme Lautstärke der Fans. Abgeschlossen wurde der Abend mit dem Evergreen Photosynthesis. Zu diesem Anlass wurde der wohl jüngste Konzertbesucher des Abends auf die Bühne geholt und durfte mitsingen, ein sehr süßer Anblick. Nach 1 ½ Stunden war der Spaß auch schon wieder vorbei und die Reihen in der O2 Academy lichteten sich langsam. Ich blickte in die zufriedenen Gesichter vieler Konzertbesucher und auch ich wurde mein Grinsen für diesen Abend nicht mehr los.

Ca. 2000km Weg für 1 ½ Stunden Konzert. Und es hat sich gelohnt!

1 KOMMENTAR

  1. Aus umweltpolitischer Sicht natürlich eine Katastrophe – aber es scheint ja Spass gemacht zu haben.

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