Alle Fotos: Joscha Häring

Dieses Jahr konnte ich das Rheinkultur-Festival mit einem sehr guten Gefühl im Bauch verlassen. Allerdings lag das in erster Linie nicht an den Bands.
Nachdem das Festival im letzten Jahr der Fußball WM und einem schweren Unwetter zum Opfer wurde, hat sich ein tiefes Loch in die Kasse des Festivals geschlagen. Nach Retter-Offensiven und Spenden durch den Rheinkultur Förderverein wurde ein Schuldenberg von 40.000€ gebändigt und Rheinkultur konnte auch 2011 stattfinden.
Deswegen war ich mehr als erfreut als ich gesehen habe, was für ein Erfolg die 29te Rheinkultur wirklich war. Bereits um 19:00 Uhr vermeldete der Veranstalter dass das Festivalgelände mit 160.000 Besuchern seine maximale Kapazität erreicht hat. Der Einlass wurde somit gestoppt und man verkündete dass niemand mehr anreisen soll.

Während die Festivalbänder, die man für 2€ erwerben konnte, schon um 18:00 Uhr restlos ausverkauft waren, gingen die T-Shirts massenweise über die Merchandise-Theke. Auch die Möglichkeit seinen Becherpfand (1€) zu spenden wurde von sehr vielen Menschen genutzt um das Festival zu unterstützen. Deswegen sagt mir mein Gefühl, dass ich mir keine Sorgen machen brauche ob Rheinkultur 2012 sein 30-jähriges Jubiläum feiert.

Alle Bilder vom Rheinkultur 2011

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Der Award des „Unfairen Mitspielers“ ging dieses Jahr an die Stadtwerke Bonn, die die öffentlichen Verkehrsmittel in Bonn und Umgebung regeln. Mit der Begründung der Veranstalter sei auch für das sichere Anreisen der Besucher verantwortlich, forderten diese kostenlose Helfer an den Bahnhaltestellen. Diese Helfer mussten allerdings Jacken der Stadtwerke anziehen. Ein geschickter Trick, sich kostenlose Arbeitskräfte zu beschaffen.

Die maßlos überfüllten Bahnen haben ihre Zielstation zum Teil nicht erreicht und die Passagiere wurden auf halber Strecke rausgeschmissen. Der Bonner Hauptbahnhof musste zwischenzeitlich gesperrt werden weil Sorge bestand, dass die Bahnsteige zu voll werden und Menschen auf die Gleise stürzen würden. Der Kölner Hauptbahnhof vermeldete ebenfalls Überfüllung was jedoch auch auf das zeitgleich stattfindende Summerjam Festival in Köln zurückzuführen war. Die Infrastruktur zum Festival ist leider immernoch ein großer Schwachpunkt, der sich aber schwer verbessern lässt. Ich bin gespannt wie das in Zukunft geregelt wird.

Aber genug Rahmeninformationen schließlich ging es bei dem Festival ja um Musik. Für manche begannen die Auftritte schon vor dem Eingang. Dort spielte das Bonner Musikkollektiv Blümchenknicker einen ihrer berühmten Straßenauftritte. Das schaffte schon Stimmung bevor man überhaupt auf dem Gelände war.

Als ich drin war, ging es zu einer Band an der man bei kaum einem Festival dieses Jahr vorbeikommt: Kraftklub. Die Stimmung war, wie erwartet, fantastisch. Es wurde getanzt, gesungen, hingesetzt und ausgezogen. Letzteres zumindest von Seiten der Band. Die Jungs aus Karl Marx Stadt hatten sichtlich Spaß, das Publikum sowieso. Diese Band kann ich mir noch 100 Mal ansehen und mir wird nicht langweilig.

Gefolgt wurden Kraftklub von meinem persönlichen Highlight des Festivals. Ich durfte Gallows schon am Vorabend in Dortmund sehen, was meine Vorfreude enorm steigerte. Sänger Frank Carter war die Bühne wohl zu hoch weswegen er sich gleich zu Beginn des Auftritts ins Publikum begab und vom zweiten Wellenbrecher aus schrie.
Ein paar Songs später ließ er sich allerdings wieder auf die Bühne tragen. Ich ließ mich von meiner Kamera nicht stören und begab mich direkt in die Menge. Die Engländer freuten sich sehr dass sie so gut ankamen. Als sich ein paar „verdammt coole“ Metaler dazu entschließen sich mitten im Innenraum hinzusetzen, erhielten sie von Frank Carter eine kleine Predigt, dass das Festival umsonst sei und sie nicht gezwungen seien vor der Bühne zu bleiben und dass es den Leuten unfair gegenüber sei, die das Konzert genießen wollen und Rücksicht auf diese Sitzenden nehmen müssen. Ich war erstaunt wie wenig Schimpfwörter er dabei verwendete.

Sehr erschlagen machte ich mich danach Richtung Pressebereich um dort an der Pressekonferenz teilzunehmen. Leider verspätete sich der Geschäftsführer Holger Schmidt immer mehr sodass ich nach 30 Minuten wieder ging um weiter Fotos zu machen. Dies war wohl auf den Vorfall an der Hip Hop Bühne zurückzuführen. Näheres dazu später.

Glücklicherweise war die blaue Bühne gleich nebenan, wo Blumentopf ihr bestes gaben. Ich war sehr begeistert, wie sie es schafften das Publikum mitzureißen. Für meinen Geschmack war es etwas zu viel Freestyle, aber trotzdem ein absolut gelungener Auftritt.

Dann folgte leider ein sehr bedauerlicher Vorfall. Als ich zur Hip Hop Bühne gehen wollte kamen mir aus der Richtung sehr viele Menschen entgegen. Ich schloss daraus, dass dort im Moment einfach niemand auftrat. Im Nachhinein erfuhr ich jedoch, dass das Programm dort abgebrochen wurde. Während dem Auftritt vom Essener Rapper Favorite gab es im Publikum Probleme zwischen zwei rivalisierenden Besuchergruppen. Die laut Veranstalter und Polizei stark aggressiven Fangruppen verursachten eine Unterbrechung des Auftritts. Da die besagten Personen den Bereich nicht verließen musste der Veranstalter den folgenden Auftritt von Rapper Haftbefehl absagen. Daraufhin flogen Flaschen und einige Besucher stürmten die Bühne. Auf dieser wurden Rauchbomben und Bengalos gezündet sowie Boxentürme ins Publikum gestoßen. Die Polizei musste teilweise Pfefferspray einsetzen. Endergebnis war, dass das Programm der Bühne komplett abgebrochen wurde.

Im folgenden Video äußert sich Haftbefehl zu den Vorfällen, stellt die Situation allerdings etwas anders da als es von Veranstalter und Polizei geschildert wurde. Ihm ist anscheinend sehr wichtig zu sagen dass er 1. nicht „aufs Maul“ bekommen hat und 2. auftreten wollte. Von den Pöbeleien vorher sagt er nichts.

 

Veranstalter der Hip Hop Bühne ist nicht Rheinkultur selbst sondern Mixery. Bandbuchungen werden von Mixery durchgeführt. Warum man sich ausgerechnet „Gangster-Rapper“ buchte, ist mir unverständlich. Bei manchen hätte im Vorfeld bekannt sein müssen, dass sie aggressive Fangruppen haben. Ich selbst bin kein Fan von dieser „Ich ficke deine Mutter“-Generation. Ich hoffe dass die Rheinkultur Veranstalter im nächsten Jahr die Buchungen selber durchführt und bin gespannt wie das Problem Hip Hop Bühne gehandhabt wird.

Da die Hip Hop Bühne nicht mehr zugänglich war habe ich dem Tanzberg einen Besuch abgestattet. Mir schien es als ob 80% der Leute dort ihre Getränke reingeschmugelt haben da irgendwie jeder mit mitgebrachten Flaschen rumlief. Wie auch immer, beim Tanzberg wurde ausgelassen zu House Musik getanzt. Was die Stimmung anging konnte es dort gar nicht besser sein. Ich war allerdings nicht so auf Elektromusik gestimmt – also war mein Aufenthalt nicht von langer Dauer.

Auf der roten Bühne spielten zu dem Zeitpunkt Die Apokalyptischen Reiter. Auch wenn die Musik nicht mein Fall ist, muss man schon sagen dass die Laune beim Publikum verdammt gut war. Ich hatte das Gefühl dass der Sänger gerne wie Till Lindemann von Rammstein wäre, da er zwischenzeitlich im gleichen Outfit (oben ohne und Hose mit Hosenträgern) auftrat und seine Aussprache sehr an Rammstein angelehnt war.

Dann ging es rüber zur blauen Bühne wo Razorlight ihre Show zum besten gaben. Während die eine Hälfte damit beschäftigt war Wire to Wire aus ihrer Position mit Handys und Kameras zu filmen, hat die andere Hälfte einfach das Konzert genossen und mitgesungen. Da ich Razorlight ebenfalls am Vorabend in Dortmunde gesehen hatte und der Konzertsaal dort nur zur Hälfte voll war, freute ich mich für die Band dass sie nun vor ca 40.000 Menschen spielen durften.
Razorlight spielten in den wunderschönen Sonnenuntergang und für mich näherte sich der größte Bandkonflikt des Tages: Zeitgleich spielten The Subways und Dick Brave and the Backbeats. Ich entschied mich dafür zu pendeln. Mit der Dunkelheit kam auch meine Sorge dass die folgenden Fotos alle nichts werden. Mein Wechselobjektiv für schlechtere Lichtverhältnisse war im Rucksack eines Freundes. Diesen hatte ich jedoch am Mittag verloren und vom Handynetz war keine Spur. Also musste „das schlechtere“ Objektiv herhalten. Glücklicherweise klappte das besser als ich vorher vermutet hatte.

Da ich bei The Subways in den Graben wollte bekamen diese den Vortritt. Und was soll ich sagen… Ich war nun schon bei sehr vielen Rheinkulturen, aber so eine Stimmung habe ich noch nie erlebt. Wer bei der Show noch still stand, muss taub gewesen sein. Ich hatte echt Spaß Fotos zu machen, da die Band immer so aktiv ist. Sie springen ständig herum und animieren das Publikum immer wieder mitzusingen.

Nach ein paar Liedern ging ich dann zu Dick Brave and the Backbeats. Der lang verschollene Sänger hat es nach sieben Jahren wieder auf deutsche Festivalbühnen geschafft. Dazu gab er neben alten Hits einige neue Lieder zum besten. Anfangs schien das Publikum etwas eingefroren aber das besserte sich nach und nach. Rock ’n Roll ist ja schließlich auch zum Tanzen da.

Ein letztes Mal fuhr ich noch mit dem Bungeeturm hoch (der im dunkeln von oben irgendwie höher wirkt) um nochmal einen Überblick über das Gelände im Dunkeln zu haben. Ein paar Fotos später und wieder unten spielte Dick Brave seine letzten Takte und das Rheinkultur 2011 fand sein Ende.

Es ist und bleibt mein liebstes Festival und ich zähle die Tage zum RhEINKULTUR Jubiläum 2012.

5 KOMMENTARE

  1. Ohne Die zusätzlichen Gelder von Mixery hätte das Rheinkultur wahrscheinlich ein noch größeres Loch in den Kassen gehabt fürchte ich… Das Line-up auf der Hip-Hop stage war aber trotzdem fragwürdig.

    • Ohne Mixery hätte es vermutlich keine Hip Hop Bühne gegeben bzw eine viel kleinere. Ich will ja nicht dass Mixery verschwindet ich will nur dass das Lineup was kritischer betrachtet wird. Allerdings bin ich auch nicht im Rheinkultur-Team drin und weiß also nicht genau wie es abläuft…

  2. Oh das war dann mein Fehler. Ich dachte Dick wäre Ami und kein Kanadier.

    @Sven: Ich hab nicht von Sasha sondern von Dick Brave geschrieben ;)

  3. @Sven wo steht das denn? Hab’s irgendwie überlesen anscheinend.
    Dabei wissen wir doch dass dick Kanadier ist ^^

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