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So wars beim Melt! Festival 2011

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Irgendwie ist alles etwas anders beim Melt!, so das Fazit meines ersten Besuchs auf dem selbsternannten Underdog unter den Festivals im Ferropolis bei Dessau. Die Bässe sind lauter, die Lichter sind bunter, die Menschen sind hübscher. Man legt Wert auf Stil, wo andernorts an drei Tagen mehr oder minder gewolltes Chaos ausbricht. Es ist ein Festival für die In Crowd, für coole Leute, für Erwachsene. Das sonst omnipräsente 5,0er-Dosenbier, wildes Helga-Geschrei oder Klamotten, die eigentlich nur noch von Panzertape zusammengehalten werden, sucht man hier vergebens. „Die erste Pflicht im Leben ist es, eine Pose einzunehmen“, wusste schon Oscar Wilde. Auf dem Melt! lebt man dieses Zitat.

Der Freitag

Soviel war schon beim Abholen des Pressepasses klar, denn dank kurzer Schlange hatte man genügend Zeit sich den bereits online angekündigten Hipster-Aufmarsch aus der Warteschlange von Nahem anzusehen. Frisch mit Bändchen ausgestattet und bei zuziehendem Himmel, wurden die etwas von der sonstigen Norm abweichenden Prioritäten bei der Ankunft auf dem Zeltplatz weiter verdeutlicht: Eile sei geboten, wenn Technik, Outfits, Zelt und Mensch – „in order of importance“, so mein Zeltnachbar selbstsicher – trocken bleiben sollen. Dass der Regenguss ausblieb, stellte sich freilich erst heraus nachdem ich mich in Blitzgeschwindigkeit eingerichtet hatte. Sei’s drum; wenigstens war so genügend Zeit sich vom Zeltplatz stressfrei auf das Hauptgelände zu begeben.

Everything Everything

Erster Act des Tages für mich waren die England zuletzt sehr gehypten Everything Everything. Was zunächst etwas befremdlich anmutete – die Herren tragen einheitlich graue Overalls, Armbinden und finstere Gesichtsausdrücke – entwickelte sich glücklicherweise schnell zu einer lockeren Party. Gitarrist Alex Robertshaw feierte Geburtstag; das obligatorische Ständchen liefert die Band daher gleich mit. In den ersten Reihen tanzten Hipster und Hippies gleichermaßen vor den Kameras von ZDFkultur, die uns das ganze Wochenende durchgehend begleiten sollten.

Im Anschluss hieß es, sich etwas genauer mit dem Gelände zu beschäftigen. Die Anlagen des ehemaligen Tagebaus, heute Museum und Veranstaltungsort extraordinaire, bieten nach wie vor eine Kulisse, die ihres gleichen sucht. Das wissen auch die Großen: Metallica, Linkin Park und Oasis waren schon da; seit 2009 gastiert auch das Splash Festival zwischen den gigantischen Baggern. Werden Gemini, Mad Max und Co., wie sie der Insider nennt, dann noch von diversen Licht-DJs in Szene gesetzt, kann sich kaum jemand einem anerkennenden Oh oder Ah erwehren.

In ist auch “grün” zu sein. Kein Wunder also, dass das Melt! den meisten Festivals auch hier eine Nase voraus ist. M!eco heißt die vom Veranstalter zu diesem Zweck gegründete Initiative, deren Maßnahmen Schirmherrin Finja Götz und Kollegen bei der anschließenden Pressekonferenz vorstellten. So gab es 2011 das Electric Hotel, in dem das Handy mittels eigener Muskelkraft in Form von Radfahren aufgeladen werden konnte. Teile der Lichttechnik an den Baggern wurden mit vor Ort erzeugter Solarenergie gespeist. Andere sind noch umweltbewusster: Statt sich auf den benzinbetriebenen fahrbaren Untersatz zu verlassen, schwangen sie sich auf etwas futuristisch anmutenden Drahtesel und radelten ganze einfach die knapp 400 Kilometer von Hamburg nach Gräfenhainichen. Unsereiner, der im Shuttle vom Zelt zur Bühne fährt, übte sich in stillem Respekt.

Weniger still war es bei der anschließenden Lesung von Eric Pfeil. Die Introkneipe steht an diesem Wochenende nämlich nicht nur für Pressekonferenzen zur Verfügung, sie sorgt auch dafür, dass für den geneigten Zuhörer/-schauer die Literatur und Filmkunst nicht zu kurz kommen. Bei Anekdoten über übertriebenen Substanzmissbrauch und dessen Folgen oder die Käseaffinität der Beatles lacht der sonnengeplagte Hipster laut auf, öffnet auf dem Smartphone die amazon.de-App und legt “Komm’, wir werfen ein Schlagzeug in den Schnee” in den Warenkorb.

The Naked And Famous

Als nächstes im Programm folgten die Quoten-Kiwis des Lineups - The Naked And Famous. Ja, sie wachsen ans Herz die Nackten und Berühmten. Vor allem Sängerin Alisa Xayalith, die durch ihr bezauberndes Wesen mühelos vereinnahmt. Da kümmerte es auch niemanden, dass außer “Dankeschön” und “Tschüß” keine großen Worte gewechselt wurden; ihr charmanter Akzent und zierliches Lächeln machen jedes Lied zum Blumenstrauß für das Publikum.

So lässig, dass man sie eigentlich für Kalifornier hält, das sind die New Yorker The Drums. Jonathan Pierce wirbelte von A nach B über die Bühne wie die Windräder, die Robyn später als Bühnendekoration zum Einsatz bringen würde. Viel Neues war dabei, denn das nächste Album ist, wie wir erfahren, seit ein paar Tagen fertig. ‘Money’ von selbigem mauserte sich kurzerhand zum Liebling der Meute in Sachen Tanzbarkeit.

Nach dem zugegeben etwas Indie-lastigen Nachmittag auf der Main Stage wurde anschließend endlich klar, warum das Melt! das größte Elektrofestival Ostdeutschlands ist. Robyn‘s beeindruckender Beat – und beeindruckend muss er auch sein, denn die Dame hat gleich zwei Schlagzeuge im Gepäck – lockte die Melt!er aus den Zelten in die frische Nachtluft. Für ein Set so knallig und gewagt wie ihr Outfit galt die Devise: Wenn schon, dann bitte mit Stil.

Zum Glück hat Robyn davon mehr als genug.

Der Samstag

Es war eine kurze Nacht. Getanzt wird auf dem Melt! nämlich bis in die frühen Morgenstunden – wer will, auf dem Sleepless Floor sogar rund um die Uhr. Ich erwachte zu hämmerndes Techno-Beats um 6 Uhr in der Früh und fragte mich, wie ich es immer wieder schaffe ausgerechnet neben der Zeltgemeinschaft zu campen, die notorisch partysüchtig ist und es unterhaltsam findet, den gesamten Campingplatz zu unchristlichen Zeiten mit noch unchristlicherer Musik zu beschallen. Denn Fakt ist: Gegen diesen Elektrosmog half auch kein Ohrenschutz. Doch während auf anderen Festivals derartige Lärmbelästigung auf dem Zeltplatz zum Alltag gehört und einfach hingenommen wird, ist der Durchschnitts-Melt!er „ganz nah bei sich“: Man verbittet sich die unsanfte Weckung im höflichen Vieraugengespräch – und siehe da, von Samstag auf Sonntag war Ruhe.

Über dem Gelände strahlte Stunden später die Sonne. Bei 25 Grad war Modenschau angesagt: Bei den Mädels ward das Mini-Blumenkleid mit Lederstiefeln und Stirnband kombiniert; die Herren rollten die gestreiften Hemdärmel an die Ellenbogen hoch und holten die Ray Bans hervor. Zu kühlen Drinks und allerlei Feinkost aus Teilen der Erde, von denen die meisten Ringrocker wahrscheinlich noch nie gehört haben, wurde viel Englisch gesprochen. Denn beim Melt! kommt ein stolzes Drittel der Besucher aus dem Ausland. Dennoch schlich sich bei mir das Gefühl ein, die meisten Runden bestehen hauptsächlich aus Deutschen, die lieber ihr Sprachtalent zur Schau stellen möchten als tatsächlich einem ausländischen Festivalbesucher eine Gesprächseröffnung anzubieten. Hin und wieder fühlte man sich wie auf der Berliner Fashion Week oder wie es @othertimes auf Twitter so schön formulierte, fast etwas „mental underdressed“.

Patrick Wolf

Zum Glück war ich hier, um Bands zu sehen und das very Britishe Lineup der Main Stage am Samstag ließ mich nicht im Stich. Patrick Wolf hatte bereits in der Pressekonferenz vor seinem Auftritt einen Aufruf zu mehr Toleranz gegenüber Minderheiten gestartet und betont, dass gerade die kleinen Unterschiede zwischen Menschen ihn immer wieder zu Musikschreiben inspirieren. Das transportierte er auch auf der Bühne. Farbenroh und ungehemmt präsentierte er sein Talent an unzähligen Instrumenten. Es war das erste Mal, dass ich bei einem seiner Festival-Auftritte das Gefühl hatte, das Publikum akzeptierte ihn nicht nur aus politischer Korrektheit, sondern weil es tatsächlich hinter ihm stand. In dieser Beziehung schlägt der Hipster andere Festivalgänger.

Liam Gallagher von Beady Eye

Weiter ging’s mit den heiß erwarteten, weil Deutschland-exklusiven Beady Eye. Liam’s Folgeprojekt, aus Bandmitgliedern der durch den Bruderzwist entzweiten Oasis zusammengesetzt, klang deutlich rauer als alles, was man vorher aus dem Hause Gallagher/Gallagher kannte. Rock für die Arbeiterklasse im Stile der 60er Jahre – nur leider etwas mittelmäßig. Der Funke wollte live nicht so recht überspringen. Noel’s Akustik-Klampfe mag man nicht vermissen, als Songwriter fehlt er allemal. So beschränkten sich die Reaktionen mit Ausnahme der Hardcore-Fans in der ersten Reihe auf rhythmisches Kopfnicken.

Auch für The Streets war es in Bezug auf Deutschland ein besonderer Abend. Die Band nimmt nach Abschluss der Tour ihren Hut; das Melt! ist der letzte Auftritt auf einem deutschen Festival. Also gab Mike Skinner alles. Dekorierte die Bühne um, kletterte auf Verstärker, dirigierte Circle Pits („It’s the one thing German crowds do best!“), riss sich das T-Shirt vom Leib und schickte am Ende sogar den frisch von der Freundin verlassenen Bassisten Blue Stu zum Liebkosen-per-Crowdsurfen in die Menge. Fan oder nicht, man hatte das Gefühl Teil von etwas Großem geworden zu sein.

Editors

Den Headliner-Slot füllten an diesem Abend Editors. Eine etwas umstrittene Besetzung, wie ich vorab im Pressebereich erfahre: Den einen sind sie zu elektronisch; das neue Album sei der gescheiterte Versuch einer Indie-Band neue Märkte zu erschließen. Wieder anderen sind sie noch längst nicht elektronisch genug, um hier zur Prime Time aufzuspielen. Umso schöner zu sehen, wie Tom Smith und Kollegen sie letztlich doch alle überzeugten. Sicher verführen Editors etwas subtiler als der offenherzige Mike Skinner, aber nicht weniger wirksam: Tom ist naiv-charmant, ein kleines bisschen verrückt und ein großes bisschen spastisch. Die Jungs mischen gekonnt geschätzte Nummern wie Bones, Munich und The Racing Rats mit Klassikern wie Camera und einigen neuen Arrangements, die Ausblick auf das Potential dieser Band geben. Das kommt an und hinterher ist doch irgendwie jeder Skeptiker wieder ein Fan.

 

Der Sonntag

 

Aus Fehlern lernt man. Kein plumper Spruch für mich, sondern feuchtfröhliche Realität am Sonntag. Hatte mich und eine Freundin auf dem Rock Im Park noch die Faulheit besiegt, was zu einem klatschnassen Zelt fünf Minuten vor der geplanten Abfahrt führte, raffte ich mich dieses Mal schon am Vormittag auf Zelt und Gepäck im Auto zu verstauen. Ich sollte für die Mühe belohnt werden: Sechs Stunden Dauerregen verwandelten den Kessel vor der Hauptbühne in eine Badewanne, den Rest des Geländes in einen Sumpf.

Aber einen echten Festivalisten hält Wetter bekanntlich nicht auf. Für ein Melt!er hat Regen den positiven Nebeneffekt, dass auch die Designer-Gummistiefel zu ihrem großen Auftritt kommen. So tanzten die Hartgesottenen im Regen: Erst bei Cold War Kids, dann bei Frittenbude, für die es als Plan B-Ersatz nach der Pre-Show am Donnerstag bereits der zweite Auftritt an diesem Wochenende war. Für die wasserscheueren Besucher sorgten Bag Raiders, Crocodiles und Fotos in den vollgestopften Zeltbühnen für kuschelig-warme Atmosphäre.

In der Intro Kneipe standen währenddessen die Abschlusskonferenz mit dem Melt!-Machern an, bei der jeder Fragen stellen kann – Pressevertreter und Festivalbesucher gleichermaßen. Die gute Zusammenarbeit mit der Bauhaus-Fakultät, die dieses Jahr erstmalig Workshops mit einigen Bands angeboten hat, und das Engagement der M!eco wurden gelobt. Kritische Fragen blieben ebenfalls nicht aus: Auch 2012 wird der Ticketpreis nur durch die vermehrte Präsens von Sponsoren haltbar sein. Die Abschaffung der 2-Tages-Campingtickets sei nötig geworden, nicht etwa weil man sich Mehreinnahmen verspreche, sondern weil sonst der Platz für die 3-Tages-Camper fehle. Man sei zudem in der komfortablen Situation keine 1-Tagestickets mehr anbieten zu müssen. Auf die Frage nach potentiellen Headlinern für das kommende Jahr, mit der speziellen Betonung auf einem möglichen Auftritt von Daft Punk, scherzt man: „Sie sind finanziell nicht außerhalb des Bereichs des Möglichen – wenn sie denn jemals wieder auftreten.“ Möglich ist es wohl, denn auch das Gurten – das etwa gleichzeitig mit dem Melt! stattfindet – spricht von Verhandlungen mit dem Duo.

Draußen zeigten sich derweil White Lies völlig unbeeindruckt vom Wetter. Logisch, in Großbritannien gehört widriges Wetter ja quasi zum Lineup. Das übliche Danke für’s Ausharren gab es trotzdem. Auch wurde Sänger Harry McVeigh während des gesamten Sets nicht müde, die Werbetrommel für den nachfolgenden Headliner Pulp zu rühren. Als ob jene diese Art von Zuspruch nötig gehabt hätten. Sympathisch macht es ihn aber allemal, denn zuviel versprach er nicht. Die frisch wiedervereinigten Poprockstars der alten Schule spielten hierzulande exklusiv auf dem Melt! und lieferten genau das, worauf ihr großer Name hoffen ließ: Eine Show der Spitzenklasse. Legendär-schrill gebärdete sich Jarvis Cocker auf der Bühne und ließ erkennen, warum seine Band zu Recht als Kult bezeichnet wird. Sogar der Regen gab jeden Protest auf als er schließlich zu Disco 2000 ansetzte und 20.000 Menschen in Euphorie zergingen. Hipster, Rocker, Raver oder Stubenhocker – egal. Beim krönenden Abschluss sind alle gleich und plötzlich blitzt es doch mal wieder durch, dieses Gefühl des gemeinsamen Ausrastens unter Gleichgesinnten, wie es nur ein Festival erzeugen kann. Vielleicht ist doch nicht alles anders auf dem Melt!, vielleicht ist es nur hübscher verpackt.

Wer sich selbst ein Bild davon machen möchte: Highlights vom Melt! Festival gibt es noch bis 25. Juli täglich um 19.00 Uhr auf ZDFkultur zu sehen.

 

Unsere Bilder vom Melt! Festival

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