Ungewohnte Höhe: Die Donots auf der 4,5 Meter hohen Woodstock-Bühne
Ungewohnte Höhe: Die Donots auf der 4,5 Meter hohen Woodstock-Bühne

Vom 04. bis 06. August lud die polnische Stadt Küstrin (pl. Kostrzyn nad Odr?) bereits zum 17. Mal zum alljährlichen und kostenlosen Festival Haltestelle Woodstock (Przystanek Woodstock) ein. Mit Bands wie Heaven Shall Burn, Zebrahead, H-Blockx und The Prodigy lockten die Veranstalter wieder mehrere hunderttausend Menschen in das kleine Städtchen, das nur wenige Minuten hinter der deutsch-polnischen Grenze liegt.

Zelten in 100m Entferung zu Centerstage
Zelten in 100m Entferung zu Centerstage, alle Bilder: Arabell Walter

Laut der Homepage sollte es genau an dieser Grenze die ersten Ausschilderungen zum Festivalgelände geben. Allerdings waren diese nicht auffällig genug, was dazu führte, dass wir uns, wie viele Musikfans aus aller Herrenländer erst einmal in einen fünf Kilometer langen Stau einreihen mussten. Nichtsdestotrotz erreichten wir am späten Nachmittag den Parkplatz und zahlten dort mit zwei Euro eine mehr als humane Parkgebühr. Den Weg auf das Festivalgelände erreichten wir innerhalb von fünfzehn Minuten zu Fuß und zu unserer eigenen Überraschung ohne eine einzige Taschen- oder Personenkontrolle.

Der nächste Hauch von Anarchie versprühte das Camping – wer ein Zelt hatte, schlug es genau dort auf, wo er sich wohl fühlte. Das war bei den einen direkt am Straßenrand, bei den nächsten im angrenzenden Wald und bei anderen wiederum in 100m Luftlinie zur Hauptbühne. Was auf den ersten Blick wie das totale Chaos wirkte, entpuppte sich als harmonische Feier unter dem Motto „Peace, Love & Music“. Als schließlich bei der polnischen Reggaeband Raggafaya auch noch SKA-P-Entertainer Pipi auf der Bühne stand, bewegte sich eine Millionen Beine zu den Takten von „Cannabis“. Und all die Menschen, die sich bis zu diesem Moment am Matschloch rund um die Freiluftdusche herum vergnügt hatten, tanzten eine ausgelassene Polonaise im Dreck.

Ungebrochene Tradition des Woodstocks: Matschbaden
Ungebrochene Tradition des Woodstocks: Matschbaden

Kurz vor acht Uhr konnte man immer mehr deutsche Stimmen wahrnehmen, aus denen allesamt eine gewisse Vorfreude auf den bevorstehenden Auftritt der Donots herauszuhören war. Eben jene betraten die Bühne mit leichter Verzögerung und eröffneten ihren Abend ungewöhnlicherweise nicht mit „Changes“, sondern mit „Calling“.

In Anbetracht der anwesenden Menschenmassen war dies ein weiser Schachzug. Es dauerte nur wenige Takte, bis sich das Publikum dem Rhythmus der Musik voll und ganz hingab. Die ersten dreißig Reihen vor der viereinhalb Meter hohen Bühne verwandelten sich erneut in einen einzigen feiernden und pogenden Mob. Wer das Geschehen auf der Bühne lieber mehr oder weniger ungestört beobachten wollte, musste sich hingegen seitlich oder in einem ungewohnten Abstand zu den Musikern positionieren. Doch ganz gleich, wo man letzten Endes stand; dank mehrere Kameras und zwei riesiger Bildschirme, welche die Bühne sozusagen einrahmten, hatte man das Wichtigste immer im Blick.

Auch die Allerjüngsten waren mit von der Partie
Auch die Allerjüngsten waren mit von der Partie

Nicht nur die Kulisse, auch die heimischen Festivalbesucher sorgten dafür, dass einem dieser Abend noch lange in Erinnerung bleiben wird. „It’s the first time I see them. I like them so much“, erzählte uns eine aufgeregte Polin, als sie bemerkte, dass wir sämtliche Songtexte mitsingen konnten. Eine Hand voll Liedern später lagen wir uns auch schon gemeinsam mit rund dreißig weiteren Musikfans aus aller Welt bei „Stop the Clocks“ in den Armen. Ein wirklich schöner Anblick.

„This is amazing“, schmetterte uns Sänger Ingo von der Bühne aus entgegen und ließ es sich bei „We’re not gonna take it“ tatsächlich nicht nehmen, sich von selbiger in die Tiefe zu stürzen. Mit einem letzte „Good-Bye Routine“ verließen die fünf Westfalen nach einer guten Stunde den Ort des Geschehens.

Da zumindest einer von uns am nächsten Morgen früh raus musste, begaben wir uns auf dem Rückweg zum Auto. Auf ein abkühlendes Bier des offensichtlichen Sponsors Carlsberg verzichteten wir aufgrund der langen Schlangen vor den Theken und den Ständen, an denen Bargeld in Festivalchips eingetauscht werden. Auf dem Rückweg stach uns neben dem ein oder anderen Opfer der Alkohols vor allem noch einmal die riesige Wasser- und Badestelle ins Auge, die auch nach Einbruch der Dämmerung noch eifrig in Betrieb ist.

Am Parkplatz wurden wir noch kurz nach unserem Eindruck vom Festival gefragt, ehe wir Gelände und Nachbarland ohne eine einzige Kontrolle hinter uns ließen! Unser Fazit ist ganz klar: Das Woodstock Festival muss man einmal mitgemacht haben; wer sowieso schon mit größeren Festivals à la Rock am Ring sympathisiert wird auch nicht davon abgeneigt sein, mehrere Tage in Küstrin zu verbringen – alle anderen sollten zumindest einmal für einen Tag vorbei sehen!

Zeitgleich veröffentlicht bei Lieblingstape.