Beinahe vier Jahre nach ihrem drittem Studioalbum melden sich die Herren Kettcar, zwischendrin fast schon tot geglaubt, mit einem neuem Longplayer zurück. Das neue Werk trägt den Titel „Zwischen den Runden“. In gut 40 Minuten beweisen Kettcar, dass sie immer noch die besten Geschichten erzählen; büßen zugleich aber an musikalischem Temperament ein.

Mit den letzten Alben haben die Hamburger Musiker von Kettcar eindrucksvoll bewiesen, dass sie von gemäßigter Pop-Ballade bis zum energiegeladenen Punkrock-Song so ziemlich alles können. Textlich hat sich die Band um Sänger Markus Wiebusch zudem nie gescheut die ernsthaften Themen am Schopf zu packen. Folglich zeigten Kettcar auf anspruchsvolle Art und Weise in ihren Songs immer wieder Schicksale zwischen bitterer Verzweiflung und Gefühlsüberschwang auf.

Das Vorgängeralbum „Sylt“ aus dem Jahr 2008 erwies sich in jeder Hinsicht als außerordentlich vielfältig. In ausgewogener Mischung machten die verschiedenen musikalischen Facetten durchaus Spaß. Die euphorischen Momente, sonst Begleiterscheinung eines Kettcar-Albums, hatte man damals kurzer Hand durch sozialkritische Inhalte ausgetauscht.

Vor einiger Zeit ließ Markus Wiebusch gegen über der Main-Post wissen, dass es bei Kettcar nicht Philosophie ist bei der Entstehung neuer Songs auf altbekannte Muster zurückzugreifen. Vielmehr läge die Kunst darin Neues zu wagen und damit zu zeigen, dass „man mehr drauf hat“. Und tatsächlich: Das Quintett erfindet sich auch auf  „Zwischen den Runden“ ein Stück weit neu. Bereits beim Opener Rettung macht sich dieser Eindruck erstmals breit: Eigentlich eher ungewohnt, und dennoch zu Kettcar passend, ertönen die ersten Klänge der Platte. Um ehrlich zu sein: Dass sich direkt zu Beginn Blasinstrumente auf dieser Platte verlieren würden, damit hatte man nicht gerechnet. Trotz alle dem fügen sie sich gut ins Gesamtkonstrukt des Songs ein. Rettung ist ein Opener, der gefällt. Denn Kettcar sagen hier, was sich vorher keiner getraut hat zu sagen: Im Rahmen einer bösartig endenden Trinknacht machen Sie klar: Liebe ist nicht das, was man empfindet, sondern das, was man tut.

Der darauffolgende Song Im Club macht keinen minder hochqualitativen Eindruck. Blickt man etwas zurück, fällt schnell auf, dass der Track wie eine Anlehnung an die eigene Hymne Landungsbrücken raus wirkt. Es geht bei Im Club – ganz banal gesagt – um schlaflose Nächte und gescheiterte Pläne; ein Thema, das jeder dann doch irgendwie kennt. Entsprechend schnell freundet man sich mit dem Song an, der irgendwo in den Indierock-Bereich einzuordnen ist. Auch hier nimmt man als Hörer eine „Verlagerung“ des Instrumenteneinsatzes wahr, der für das ganze Album gilt: Piano und Streicher sind in den Vordergrund gerückt, die E-Gitarren immer verstummen immer mehr. Ebenfalls leicht ersichtlich ist, dass Zwischen den Runden generell von einer positiveren Stimmung geprägt ist als es das Album „Sylt“ zuletzt war

Schwebend ist der dritte Song des Albums. Es ist eines dieser Lieder, die eigentlich gar keine Erwähnung wert sind. Zu monoton wirkt doch der Gesangspart und zu auch gewöhnlich der instrumentale Teil; in der Gesamtheit ziemlich einschläfernd. Als Hörer mag man sich sich nun zum ersten Mal die bis zum Ende währende Frage stellen: Sich neu erfinden, schön und gut! Aber muss Neu auch gleich immer besser sein? Die Liste der ermüdenden, anstrengenden Songs wird nämlich nach kurzer Zeit immer länger. Weil ich es niemals so oft sagen werde, In deinen Armen und Erkenschwick reihen sich – obwohl inhaltlich viel mitreißender – in die Riege dieser ein.

Dazwischen finden sich allerdings auch immer wieder ein paar wirkliche gelungene Songs. Vor allem zu nennen sind hierbei R.I.P. sowie Der apokalyptische Reiter und das besorgte Pferd. Das Schöne dabei ist, dass Kettcar immer noch in ihrer eigenen metaphorischen Sprache erzählen, die am Ende doch jeder versteht. So wissen Textzeilen wie: Ich wollte nicht ertrinken/ Ich fing langsam an zu sinken/ Mit meinen Schwimmflügeln aus Blei/ Und alles Leichte schwamm vorbei/, zu begeistern.

Während nun Zwischen den Runden mit Zurück aus Ohlsdorf, einer der besseren Balladen des Albums, ausklingt, gibt es in der Deluxe-Edition noch drei Bonus-Tracks dazu. Zwei von ihnen, nämlich 3:26 und 6 Stockwerke nach Unten lassen sich zwar nett anhören, sind ansonsten aber eher dem gesunden Mittelmaß zuzuordnen. Ein Zimmer dagegen ist mehr als nur hörenswert und erzählt, gut untermalt durch Klavierkompositionen, die bewegende Geschichte vom Smalltalk auf der Sterbestation.

Abschließend bleibt zu sagen, dass Kettcar mit Zwischen den Runden ein immer noch recht beachtliches Album entwickelt haben. Dabei sticht die verwendete Themenvielfalt in den Songs heraus. In meinen Augen – das mag ganz einfach daran liegen, dass ich Kettcar vor allem für die lauteren Songs schätze – stellt es dennoch das bisher schwächste Kettcar-Album dar. Die Durchschlagskraft, die man von älteren Nummern wie Nullsummenspiel oder Stockhausen, Bill Gates und Ich kannte, ist schlichtweg auf der Strecke geblieben. Daran, dass Bassist Reimer Bustorff erstmals als Texter mitgewirkt hat liegt das gewiss nicht; er schreibt sogar einige der besten Songs.