Wir schreiben das Jahr 2012. Vor ziemlich genau 12 Monaten sollten Blink-182 in der Essener Grugahalle ein Konzert spielen. Aufgrund des noch nicht fertiggestellten Albums verschoben die Pop-Punker das Konzert um ein Jahr. Heute war es also an der Zeit das nachzuholen worauf viele schon lange warteten.

Die riesige Schlange vor der Essener Grugahalle erinnert mich irgendwie an dieses Computerspiel, welches ich als Kind gerne gespielt habe. Rollercoaster Tycoon hieß es und es gibt viele Parallelen zu entdecken. Neben der Schlange für die Hauptattraktion finden sich auch viele Probleme des Spiels wieder. Fehlender Getränkenachschub, Toilettengang, schmerzende Füße, all dies nehmen die Blink-Fans auf sich auf nur um ihrer Band besonders nahe zu sein.

Während des Einlasses scheint sich die riesige Schlange in eine Horde von hüpfenden Flöhen zu verwandeln welche Freudestrahlend, teils kreischend in die Halle eindringt.
Royal Republic sind die ersten, die an diesem Abend die alte Dame unter den Konzerthallen zum Schwingen bringen. Solides 30 Minuten-Set, alle Hits, den Zuschauern gefällt es.
Im Foyer, direkt unter dem Zuschauerraum herrscht reges Treiben. Während die Infobildschirme, die an der Decke hängen bedrohlich durch die Gegend schwingen, deckt sich das Konzertvolk nochmal mit allen möglichen Leckereien von Popcorn bis Weingummi ein. Immer wieder ein amüsanter Anblick, diese Punkkonzerte in großen Arenen.

Während viele noch an ihrem Süßkram knabbern, macht sich bereits der zweite Support auf, die Bühne zu betreten. The All American Rejects kennt man ja durch den einen oder anderen Radiohit, aber mehr gibt’s da auch nicht zu hören. Der Sänger macht sich als schlechte Jared Leto-Kopie zum Affen und der Applaus aus der Konserve gibt den Rest dazu. 45 Minuten Spielzeit, die schnell zu gefühlten Jahren werden.

So langsam macht sich nun aber eine undefinierbare Spannung in der Halle breit. Besucher, die die Vorbands von der Tribüne aus beobachteten, machen sich nun runter in den Innenraum, welcher dadurch immer voller wird. Der glänzende Parkettboden ist bald kaum noch zu sehen als das Licht in der Halle ein letztes Mal ausgeht. Diesmal für den Hauptact des Abends.
Die Bühne ist mittlerweile von einem riesigen, schwarzen Vorhang verhüllt. Lange bleibt der aber nicht oben, denn ohne Intro und zu den ersten Tönen von „Feeling This“ fällt eben genau dieser. Lautes Mädchengekreische übertönt die Band fast komplett. Die lässt sich aber nicht aus der Ruhe bringen und spielt unbeirrt weiter. Ein paar Meter hinter den kreischenden Mädels der ersten Reihen tut sich ein Schlachtfeld auf und auch auf der Tribüne können sich die meisten nicht mehr auf ihren Sitzen halten.
Weiter hinten scheinen sich die Eltern platziert zu haben, die ihre Kinder hierhin begleichten. Aber auch in den ersten Reihen sieht man schon die eine oder andere Falte im Gesicht der Konzertbesucher. Eine bunte Mischung also und genau das scheint die Grugahalle heute auch so zum Brodeln zu bringen.

Nach all der Anfangseuphorie kann wird das Auge auch mal empfänglich für das Bühnenbild. Eine bühneneinnehmende LED-Wand dominierte eben dieses. Bunte Animationen und verfremdete Livebilder der Band, kombiniert mit einer stimmungsvollen Lichtshow machen den Anblick der Bühne allein schon zu einem Erlebnis.
Hinzu kommt natürlich der peitschende Punkrocksound und die süßen Zuckerwattemelodien von Blink-182. Innerhalb kürzester Zeit verschmilzen die Individuen zu einer wobenden, blubbernden Menschensuppe aus der der Dampf an die Decke der halle emporsteigt.
Für eine kurze Verschnaufpause sorgen immer wieder die pubertären Ansagen der Meister des Fäkalhumors Tom DeLonge und Mark Hoppus. Von der Mutter der Bandkollegen bis zur Penisgröße des Lichtmannes bleibt nichts verschont und selbst der eine oder andere mitgereiste Elternteil kann sich ein schmunzeln nicht verkneifen.

Die Setlist donnert durch die gesamte Karriere der Band. Natürlich hauptsächlich am aktuellen Album orientiert, hält sie aber auch immer wieder mal an der einen oder anderen Klassiker-Haltestelle. Spätestens bei „All The Small Things“ zeigt die Band nochmal wer der Chef im Ring ist. Pogo vor, hinter und gefühlt auch auf dem Wellenbrecher. Auch die Tribüne springt und gröhlt und feiert wie von Sinnen. „Josie“ setzt dann auch erstmal den Schlusspunkt vor der Zugabe. Viele, anscheinend unerfahrene Konzertbesucher verlassen jetzt schon den Saal, sprinten aber zu den Tönen von Barkers spektakulärem Drumsolo wieder zurück. Sie hätten auch was verpasst. Neben dem Solo gibt es nämlich auch noch Kracher wie „Dammit“ zu hören. Den endgültigen Abschluss bildet dann der nicht ganz familienfreundliche Song „Family Reunion“. Aber ein Konzert welches mit den Worten „I fucked your mom.“ endet kann doch so schlecht gar nicht sein.
Im Gegenteil, Blink-182 zeigten sich in Bestform und wer die 2010er Reuniontour im Kopf hatte, dem wurde gezeigt, dass das auch anders geht. Drei Musiker, die ihre Instrumente und Stimmen beherrschen und auch ohne Vollsuff witzige und anstößige Ansagen von sich geben.

 

Alle Bilder von Steffen Neumeister