Für uns und Euch waren Dennis, Julia und Sven beim Melt! unterwegs. Ihre Eindrücke und Fotos findet ihr in den folgenden Zeilen.

Die Jubiläumsausgabe des Melt! wurde im Vorfeld mit hohen Erwartungen verbunden. Endlich wieder ein ganz großer Bandname, darauf hofften viele. Es gilt schließlich Künstler wie Björk und Oasis in den Schatten zu stellen und was eignet sich dafür besser als die 15. Ausgabe?! Dementsprechend ernüchternd war das schlussendliche Line Up mit Acts wie Bloc Party, Gossip, Justice oder Nero. Zudem monierten viele die Kommerzialisierung des ach so individuellen Independent Festivals als etwa bekannt wurde, dass Casper, Frittenbude oder auch Lana Del Rey auftreten werden. Unmut und Kritik im offiziellen Forum und laut Wettervorhersage ein verregnetes und nasses Wochenende – würde dieses Jahr Ferropolis für viele also zur Qual werden?

Für mich ganz sicherlich nicht! Schlechte Stimmung im Vorwege hin oder her. Die Eindrücke der atemberaubenden Kulisse mit den beleuchteten Baggern und die pulsierende Stimmung des letzten Jahres sind mir noch immer im Gedächtnis. Zudem ist das Melt! eigentlich nie das Festival der großen Namen gewesen. Vielmehr zählt hier Qualität, Individualität und die Möglichkeit Künstler zu entdecken, die einem bis dato kein Begriff waren. Es steht eher die Verschmelzung von Indie- und Electrokünstlern, die dieses Jahr ein deutliches Übergewicht hatten, im Vordergrund. Ein Konzept, das in dieser Form selten anzutreffen ist und dadurch Menschen aus allen Teilen der Welt in die „Stadt aus Eisen“ lockt.

Es wirkt dieses Jahr ein wenig, als stehe das Melt! unter dem Motto „Geschenke“. Nicht für sich oder direkt für das Publikum, sondern eher für die Künstler. Neben den bekannten Größen des Festivals wie Markus Kavka als Opener oder Ellen Allien in der Nacht zum Montag, die auch wieder mit von der Partie sind, gibt es vor allem ein Präsent an Modeselektor, die neben der von ihnen seit Jahren kuratierten Strandbühne, auf der sie einen festen Slot haben, auch auf der Hauptbühne nach Gossip spielen dürfen. Ähnlich verhält es sich mit Schluck den Druck, die letztes Jahr noch auf dem Campingplatz eine spontane Raveparty starteten. Sie finden sich nun am Samstag auf der Gemini Stage offiziell im Line Up wieder. Casper, der letztes Jahr noch selbst als Gast auf dem Gelände war, kann dieses Jahr die Hauptbühne bespielen. Zudem waren einige Künstler da, die das Melt! Festival als eines ihrer liebsten bezeichnet, wie etwa Mike Skinner oder Beth Dito. Es wird aber auch an alte Freunde gedacht: So erhalten The Whitest Boy Alive trotz Zweifel der Kritiker die Ehre auf dem Slot am Sonntag vor Justice zu spielen.

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Donnerstag:

Ein guter Start ins Festival-Wochenende sieht anders aus: Auf der Autobahn in der Nähe von Dessau entsteht der Eindruck, man fahre nicht zur ausgelassenen Party sondern vielmehr direkt in Richtung Weltuntergang. Eine gigantische schwarze Wand mit gelegentlichen Blitzen und Starkregen bestätigt offenbar das zuvor angekündigte festivaluntaugliche Wetter. Als das Auto jedoch geparkt ist, hat der Regen glücklicherweise aufgehört und zu aller Überraschung kommt sogar noch die Sonne raus. Dass es sich beim Melt! um ein sehr internationales Festival handelt, wird schon anhand der Autokennzeichen am Parkplatz deutlich und verstärkt sich auf dem Zeltplatz umso mehr. Nur wenig Deutsch wird gesprochen, stattdessen höre ich Englisch und vor allem Holländisch. Eine schöne Atmosphäre und perfektes Wetter zum Zelte aufbauen, in den Campingstuhl setzen, die Sonnenbrille aufzuziehen und den Grill anzuwerfen. Das Festival kann beginnen.

Wie inzwischen auf vielen Festivals gibt es auch beim Melt! eine Pre Party am Abend bevor das eigentliche Open-Air beginnt. Der erste Act auf meinem Zettel ist das DJ-Set von Mike Skinner, dem Ex-Frontman der Streets, die letztes Jahr beim Melt! ihren letzten Deutschlandauftritt gaben. Als ruhig wirkender DJ, der ununterbrochen am rauchen ist, macht er dieses Jahr eine gute Figur mit einem sehr electrolastigem Set, das wenig Überraschungen bietet, aber dennoch die Massen zum tanzen bringt. Überraschend stark und motiviert waren anschließend Reptile Youth, die das Intro Zelt zum Leben erwecken. Die Dänen, deren erste Veröffentlichung noch dieses Jahr erscheinen soll, überzeugen mit ihrem Sound, der mal rockig, mal elektronisch aber auf jeden Fall immer tanzbar ist; auch für die, die Band nicht kennen. Den Abschluss bildet erneut eine Band aus Dänemark. WhoMadeWho, die schon die Melt! Hymne für 2010 geschrieben hatten, verleiten nun auch die letzten Gäste zum feiern. Ein sehr überzeugender Auftritt mit viel Stimmung, zwei Zugaben und einem guten Warm up für die kommenden Tage Festival.

 

Freitag:

Matt Safer von The Rapture

Passend zum ersten Act des Tages scheint die Sonne über Ferropolis: The Rapture stehen heute auf meinem Plan und spielen um 20 Uhr vor einer überraschend vollen Hauptbühne einen guten Auftritt. Auch wenn die Band um Luke Jenner eher wortkarg bleibt, wissen sie dennoch die Menge für sich zu begeistern. Einziger Wehrmutstropfen: „Come back to me“ steht nicht auf dem Set, dafür aber eine starke Version von „How deep is your love?“ mit viel Publikumsunterstützung. Die ersten Wasserbälle fliegen, die Glitzerschminke wird ausgepackt und die Knicklichter am Handegelenk in die Höhe gestreckt. Das Melt!-Feeling kommt auf, Harmonie und Unbeschwertheit liegt in der Luft.

Auf dem Weg zur Strandbühne geht es vorbei an Little Boots auf der Gemini Stage, bei der man unweigerlich für ein paar Songs stehen bleiben muss. Mit ihrer Mischung aus Pop und Electro wirkt sie im Vorfeld etwas deplatziert, begeistert jedoch das anwesende, relativ große Publikum vor Bühne. Nichtsdestotrotz ist mein Ziel aber Brandt Brauer Frick. Diese spielen am Freitag ohne ihr Ensemble, dafür aber mit umso mehr Bass. Bei einem malerischen Sonnenuntergang tanzt der Strand zu den minimalistischen Klängen des dreiköpfigen Techno-Trios. Die Berliner haben im Laufe des letzten Jahres in diversen Clubs von sich Reden gemacht und avancierten schnell zu einem Geheimtipp der Szene, was wohl auch die sehr gut gefüllte Stage erklärt. Zwar ist das Wetter nicht mehr ganz so schön, für einige reicht es aber trotzdem noch, um einen kurzen Sprung in den Gremminger See zu wagen.

Weiter geht es zu der wohl schlechtesten Bühnenwahl des Wochenendes. M83 spielten auf der halb-überdachten Gemini Stage, obwohl sie definitiv das Potential haben, um auf der Hauptbühne zu spielen. Zwar ist die clubähnliche Atmosphäre stimmig, jedoch angesichts der Fülle vor und neben der Bühne sowie hinter den Treppen ist der Auftritt eher unglücklich platziert. Die fünfköpfige Dreampop Band zeigt dann aber auch, warum so viele Menschen sie sehen wollen. Eine beeindruckende Lichtshow, hochmotivierte Künstler, die spätestens bei Midnight City das ganze Publikum in ihren Bann ziehen. Für alle, die nicht unter dem Dach stehen, gibt es parallel noch eine perfekt abgestimmte Feuershow auf dem Bagger links zu betrachten. Ein Gänsehautmoment, wie es ihn noch öfters an diesem Wochenende geben soll.

Mittlerweile ist es 23 Uhr und das Gelände füllt sich allmählich. Caribou stehen auf der Hauptbühne bereit. Anstatt die ganze Breite auszunutzen macht es sich Daniel Snaith mit seiner Band in einem kleinen Quadrat in der Mitte gemütlich. Die hohen Erwartungen an diesen Auftritt werden für meine Begriffe noch getoppt. Die Vorschusslorbeeren gab es zurecht. Das Publikum wird von der Spielfreude mitgrissen und feiert auch die etwas unbekannteren Nummern genauso gebührend wie das Finale mit „Odessa“ und „Sun“.

Kele Okereke von Bloc Party

Pünktlich zum ersten Ton von Bloc Party beginnt es zu regnen. Frontman Kele Okereke, warum auch immer, entschuldigt sich hierfür. Es gibt leider nur wenig vom neuen Album „Four“ zu hören, auf welches jedoch des Öfteren hingewiesen wurde. Der Auftakt mit der neuen Single „Octopus“  (im Remix von RAC auch Melt! Hymne 2012), kommt leider nicht so gut an und funktioniert als Opener eher mäßig. Allgemein wirken die Eindrücke vom neuen Album eher monoton, wohingegen die alten Hits wie „Helicopter“ oder „Flux“ die Stimmung voran treiben. Beeindruckend für mich ist während des einstündigen Sets die Drum-Performance von Matt Tong, der live sehr überzeugen kann. Abgerundet wird der Auftritt von wirklich innovativen Visuals in Form von Lasern, die ich so nicht erwartet hätte. Der anschließende Rundgang auf dem Gelände zeigt die modischen Trends, die dieses Jahr das Melt! bestimmen. Neben dem klassischen Jutebeutel und den Knicklichtern sind vor allem Glitzerschminke, Haarbänder (Vorzugsweise mit Indianerschmuck kombiniert) und Seifenblasen schwer angesagt. Gut gekleidet auf der einen Seite mit Sakko, Lackschuhen und dem halben Katalog von Urban Outfitters am Körper, befindet sich auf der anderen Seite auch eine Fülle von diversen Kostümen. Eine bunte Mischung zwischen Hippiestyle und Trash. Beim Thema Essen verhält es sich ähnlich. Neben den Klassikern wie Pizza, Döner und Chinesisch wird hier auch viel Vegetarisches und Veganes angeboten. Das Melt! ist bunt – in allen möglichen Facetten.

Auf ins Intro Zelt zu I Heart Sharks, die dieses Gefühl zwischen Hip und Trash für die Indiefans vereinigen. Die Berliner Band setzt sich aus einem Deutschen, einem Engländer und einem Amerikaner zusammen. Sie singen hauptsächlich auf englisch, lassen aber ab und an auch mal ein paar deutsche Sätze mit einfließen und sind in den letzten Monaten wohl fast überall präsent. Sie wirken ein bisschen wie die Lieblinge der Intro und haben deshalb wohl auch einen so hohen Slot bekommen, den sie aber mit einem sehr guten Auftritt rechtfertigen. Das Publikum kennt die Songs, feiert sie und tanzt dazu, trotz 3 Uhr früh. Wer nur vor dem Regen ins Zelt geflüchtet ist, wird aber schnell mitgerissen von der guten Stimmung.

Langsam setzt die Müdigkeit ein und die Beine werden nach 7 1/2h auf dem Gelände schwer. Trotzdem will ich mir den letzten Act des Abends, das DJ Set der Bloody Beetroots, nicht entgehen lassen. Waren sie schon live beim Southside 2010 eines der absoluten Highlights, sind die Erwartungen dieses Jahr natürlich enorm hoch. Bevor die Italiener die Bühne betreten, habe ich noch Gelegenheit die letzten 3 Lieder von Nero zu hören, der auf einer gigantischen Schaltzentrale thront und mit einer sehr stimmsicheren Sängerin die Massen zum Pogen und Springen bringt. Die halbe Stunde Umbaupause im Regen zieht sich wie eine Ewigkeit dahin, bis dann der Schriftzug der Bloody Beetroots vor dem Set aufleuchtet und das erste mal der wummernde Bass dem Publikum entgegenpeitscht. Es sind nicht mehr viele, die sich jetzt vor der Hauptbühne versammelt haben. Deshalb ist die extreme Lautstärke wirklich übertrieben und fehl am Platz. Das ist auch nicht mehr mit „Es sind die Bloody Beetroots, die müssen laut sein“ zu rechtfertigen. Nach einer halben Stunde ist dann Schluss für mich. Was bleibt ist der Eindruck eines soliden Auftritts mit „In-Die-Fresse“-Elektro und viel Zerstörung.

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>Bloc Party 

(wird fortgesetzt)