Jede Bewegung braucht ihr Festival, jedes Publikum will bedient werden. Im Hipstertum ist es das Melt! Festival, auf das die Gemeinde schaut und sich an vier Tagen im regennassen Juli 2012 selbst feiert. Fasziniert von der unbedingten Coolness, immer auf dem schmalen Grat zur Arroganz, riskieren daher zum 15. Jubiläum des Melt!s auch die Festivalisten Sven, Dennis und Julia einen Blick auf die Tanzflächen und hinter die Kulissen der größten Hipster-Sause Deutschlands.

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Frisch ist es am Samstag und dank Kälte, Regen und einer schlaflosen Nacht auf gleichnamigen Floor sind zu Konzertbeginn auf der Mainstage erste Ausfälle zu beklagen: Aus der sanft wogenden, noch recht überschaubaren Menge heraus beginnt der Tag mit dem unermittelten Sprung eines intoxikierten Melt!ers über die Barriere der Hauptbühne. Eine Leistung, die ihm eine gebrochene Nase einbringt und der hartgesottenen Security einen kurzen Moment der Verwunderung beschert. Stunts wie diese werden auf Rock-Festivals erwartet, nicht vom kulturschätzenden Publikum vor Ort. Glücklicherweise soll es der einzige größere Unfall des Wochenendes bleiben.

Steven Ansell, Blood Red Shoes

Von den Vorgängen im Graben völlig unbeeindruckt geben sich derweil Blood Red Shoes. Wie könnten sie auch anders – ist doch das leicht entrückte Auftreten von Frontfrau Laury-Mary Carter unlängst zum Aushängeschild der Band geworden. Eine Masche, die bisher bestens funktioniert hat und auch auf dem Melt! von Erfolg gekrönt ist. Nach gefühlten fünf Jahren auf Tour stellt sich der geneigte Zuschauer gerne die Frage: „Was kann diese Band noch abliefern, das dieses Set von allen anderen unterscheidet?“ Die Antwort: Alles. Denn auch der zynischste Beobachter muss zugeben: Sie liefern immer ab, und zwar eine gekonnte Mischung aus dem, was alle hören wollen und dem, was keiner erwartet. Allürenfrei, straight und genau deshalb noch nicht in den Mühlen des Indie-Markts zerrieben.

Casper

Im Anschluss die Rückkehr von der Insel in heimische Gefilde: Casper steht auf dem Plan und regt zu charmanten Diskussionen allerorten ein. Da sind jene, die den Rapper auf dem Melt! für völlig deplatziert halten und Reißaus Richtung Gemini Stage nehmen. Andere erhoffen sich ein interessantes Experiment. Am Ende sollen beide Gruppen im Unrecht bleiben, denn die Show funktioniert reibungslos. Von den vorab höchstselbst gebaktikten Uniformen aus blaurosa T-Shirts bis hin zum Überraschungsauftritt mit Thees Uhlmann liefern die Wahl-Berliner ein wasserdichtes Set, das entgegen aller Bedenken vor dem kritischen Publikum bestens besteht.

Alex Trimble, Two Door Cinema Club

Danach ist Reminiszenz angesagt: Zwei Jahre ist es her, dass Two Door Cinema Club hier ihr Debüt gaben; im Nachmittagsprogramm, als Geheimtipp. Jetzt ist die Menge doppelt so groß, das Grinsen von Sänger Alex Trimble dreimal so breit und die Band mindestens vierfach so bekannt. Die Herren haben ihre Nische auf dem Melt! gefunden und wissen diesen Vorteil gekonnt auszuspielen. Die Menge ist verzückt angesichts solch purer Freunde am Spiel – und siehe da, sie können es doch, diese Hipster: Kaum erklingen die ersten Töne von „I Can Talk“ entsteht plötzlich eine Circle Pit, wo sonst nur mehr oder minder sanft von rechts nach links geravet wird. Drei smarte Jungs aus Irland can do.

Die Erwartungen bleiben nach diesem Auftritt hoch, wie immer beim Headliner des Abends; gerade auch, weil Gossip’s Frontfrau Beth Ditto dafür bekannt ist einmal im Monat eine zickige Phase zu durchleben, unter der ihre Bühnenpräsenz leidet – wie unlängst beim Auftritt am Ring beobachtet. An diesem Abend ist es aber ein Zuschauer, der seine Tage oder vielmehr seine fünf Minuten Ruhm bekommt. Dank Schaumstoffkostüm als überdimensional große blutige Binde verkleidet, dauert es keine vier Songs bis Beth die Security bittet den hocherfreuten Fan auf die Bühne zu holen und sich prompt nach allen Regeln der Kunst an ihm vergeht. Ein Anblick, einem Autounfall gleich, der vom Publikum mit einer unentschlossenen Mischung aus Ekel und Humor beobachtet wird, bis beim Gesangssolo der menschlichen Binde schließlich alle Dämme brechen und frenetischer Jubel einsetzt. Von da an geht es auf und davon durch die Klassiker und das neue Material, immer untermalt mit einem flotten Tänzchen des neuen Sidekicks der Band. Frau Ditto scheint so beeindruckt vom Gräfenhainicher Publikum, dass sie prostet und prostet bis sie sich berufen fühlt sich ihres „kleinen“ Pinken zu entledigen und den Auftritt in ihrer figurformenden schwarzen Unterwäsche fortzusetzen. Anwesende Frauen jubilieren angesichts diesem weiblichem Selbstvertrauen; anwesende Männer plädieren einmal mehr auf das Autounfall-Phänomen, lassen sich aber nicht von Anfeuerungsrufen abschrecken. Kein Wunder also, dass Gossip gar nicht gehen wollen, als mit „Heavy Cross“ das Finale besungen ist. Erst nach einem Rundgang durch Menge und Backstage-Bereich beschließt Beth den Abend dank Funkmikrofon mit einem herzzerreißenden „I Will Always Love You“ und sogar die widerwilligsten Zuschauer werden beim Mitsingen erwischt. Glück gehabt, da hatte jemand einen guten Tag.

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(wird fortgesetzt)