Dass der Festivalmarkt einen Boom erlebt, ist schon lange kein Geheimnis mehr. Mit einem neuartigen Konzept versuchte nun auch das in diesem Jahr erstmals ausgerichtete Greenville Festival Fuß zu fassen. Umweltverträglich und nachhaltig sollte es sein – und mit einem LineUp versehen, dass sich insbesondere in Anbetracht der erstmaligen Ausrichtung durchaus sehen lassen kann. Von den Punk-Legenden Iggy & The Stooges über Grime-Künstler Dizzee Rascal bis hin zu den Hip-Hop-Ikonen The Roots und den Dauerbrennern von Deichkind stellte Creative Talents ein Lineup auf die Beine, das an Vielfältigkeit kaum zu überbieten ist.

>>Teil 2 des Reviews

Knapp 20 Kilometer vor den Toren Berlins, im idyllischen Paaren im Glien, wurde also der dortige Erlebnispark als Veranstaltungsgelände auserkoren – eine ausgezeichnete Wahl, wie sich herausstellen sollte. Mit zwei Freiluftbühnen, die abwechselnd bespielt wurden,  sowie einer Indoor Stage hatte man sich auf Veranstalterseite für die Erstausgabe einiges vorgenommen. Geprägt war das Festivalgelände in erster Linie durch kurze Wege. Den Fußmarsch zwischen den beiden Freiluftbühnen konnte man in weniger als fünf Minuten absolvieren – inklusive Auffüllen des Getränkevorrats (wenn das unsägliche Token-System nur nicht gewesen wäre, dazu später mehr). Und auch die in der Brandenburghalle untergebrachte überdachte Bühne, war nicht weiter als ein Steinwurf entfernt.
Bemerkenswert war ebenfalls, dass man auf riesige Werbeflächen für Großsponsoren verzichtete. Wo andernorts Werbebanner für Großbrauereien oder Tabakkonzerne prangen, dominierten auf dem Greenville eher „Amnesty International“, „Kein Bock auf Nazis“ sowie eine reichhaltige Auswahl an Imbissbuden.

Bereits vor Beginn des Festivals gab es für mich eine Hiobsbotschaft. Der am Freitag für 18:15 Uhr angesetzte Auftritt der Flensburger Punkrocker Turbostaat musste leider krankheitsbedingt abgesagt werden. Das alleine hätte ich verkraften können – zum einen weil ich Turbostaat schon einige Male gesehen hatte, zum anderen weil ich aufgrund beruflicher Verpflichtungen sowieso erst später hätte anreisen können. Das Ziel war für mich also klar: erster Act sollte Olli Schulz werden, für 19:45 Uhr stand sein Gig auf dem Timetable. Leider wurde aber aufgrund der Absage Turbostaats Olli Schulz auf den freien Slot auf der Second Stage verlegt. Für mich persönlich ein derber Nackenschlag.
Als ich also gegen 18:30 Uhr das erste Mal durch Paaren im Glien fuhr, schien die Sonne, leise vernahm ich ein wild zusammengestelltes Medley, das Olli Schulz zum Besten gab. Perfektes Festivalwetter hatte sich eingestellt: Sonnenschein, 27°C – Festivalidylle, wie sie im Buche steht. Nach dem Aufbau des Zeltes und den ersten Gerstenkaltschalen mit den Nachbarn, standen für mich an diesem Abend noch fünf Bands auf dem Programm: Bodi Bill, Egotronic, The Flaming Lips, Gogol Bordello sowie Deichkind.
Leer war das Festivalgelände an diesem Freitagabend und der erste Gedanke, der mir in den Sinn kommt ist: „Ist das wirklich schon alles?“ Wie sich später herausstellen sollte: Nein, das war nicht alles. Probleme mit der Organisation der Shuttle-Busse vom Bahnhof Brieselang hatten offenbar dafür gesorgt, dass viele mit dem Zug anreisende Festivalgäste erst zu späterer Stunde anreisen konnten.

Bodi Bill spielten demzufolge vor einem vergleichsweise überschaubaren Publikum, das den Elektropop der Berliner jedoch durchaus zu würdigen wusste. Optisch wusste vor allem das Federkleid zu punkten, das in der Band herumgereicht wurde. Der letzte Funke Begeisterung vermochte für meinen Geschmack dann aber doch nicht auf das Publikum überzuspringen, sodass ich mich entschied bei Egotronic zumindest mal reinzuschauen.

Was ich dann dort erlebte, war ziemlich ernüchternd. Bereits vor Beginn des Sets stand die Band auf der Bühne und erledigte den Soundcheck. Ansatzlos begannen sie dann mit den ersten Songs – vor einem Publikum, dass zumindest zu Beginn vermutlich nicht einmal die Dreistelligkeit erreichte. Dementsprechend gelaunt zeigte sich auch Frontmann Torsun, der ja ohnehin immer wieder Gegenstand kontroverser Debatten ist. Nachdem der bekannteste Song „Raven gegen Deutschland“ bereits an dritter Stelle auf der Setlist stand, war mir klar, dass hier in weder musikalisch, noch lyrisch, noch fotomotivtechnisch viel zu holen ist.

Das war aber alles kein Beinbruch. Denn mit The Flaming Lips stand nun das erste richtig große Highlight auf dem Programm. Zugegeben: Vor der Ankündigung für das Greenville als exklusiver Headliner hatte ich noch nie vor der Band gehört. Und demzufolge, was ich auf dem Gelände so aufschnappte (selbstverständlich erhebe ich keinen Anspruch auf Repräsentativität), war ich mit diesem Schicksal nicht alleine. Das Set begann mit Konfettiregen und einem überdimensionalen Ball, in dem sich Frontmann Wayne Coyne über das Publikum tragen ließ. Doch auch die musikalische Darbietung wusste zu begeistern. Mit „Do You Realize??“ beschlossen die Amerikaner ihr Set und spätestens jetzt hatten sie fast das gesamte Publikum begeistert, was dem tosenden Applaus zu entnehmen war. Einzig die auf dem Campingplatz auserkorenen Damen, die am Bühnenrand platziert wurden, wirkten zuweilen etwas unbeholfen. Auch wenn sie zweifelsohne hübsch anzuschauen waren.

Auf der Second Stage beendeten schließlich Gogol Bordello den Freitag. Wer großen musikalischen Anspruch hat oder Virtuosen an ihren Instrumenten erwartet, ist bei den Gypsy-Punkern sicherlich falsch. Geht es aber um Tanzen, Spaß haben und ums ausgelassene Feiern, gehört Gogol Bordello zweifellos zu den ersten Adressen.

Den Schlusspunkt auf einen gelungenen Freitag setzten schließlich Deichkind. Ja, Deichkind polarisieren angesichts ihrer fragwürdigen Texte. Ja, die Mischung aus Elektro-Punk und Rap trifft nicht jedermanns Geschmack. Aber: Was Deichkind live auf die Beine stellen, bringt selbst mich als jemanden, der der Band sehr kritisch gegenübersteht, zum Schwärmen. Eine vom ersten bis zum letzten Lied durchchoreografierte Show. Eine Setlist, die keinen Abschnitt der Bandgeschichte auslässt (von „Bon Voyage“ über „Remmidemmi“ bis hin zu „Bück dich hoch“) – davor kann man nur den Hut ziehen. Oder um es mit den Worten der Band zu sagen: „Leider geil.“
Deichkind erwiesen sich als würdiger Headliner und verabschiedeten das Publikum in die Nacht, nicht ohne vor dem herannahenden Unwetter zu warnen. Blitze waren zwar aus einiger Entfernung zu vernehmen, im Wesentlichen beschränkte es sich aber auf einen mittelschweren Regenschauer. Oder alles weitergehende habe ich aufgrund meines tiefen Schlafes nicht mehr mitbekommen – das kann auch sein.

(wird fortgesetzt)