Raus aus der heimischen Komfortzone und hinein in ein Festivalwochenende der Extreme – so oder so ähnlich könnte das Motto des am vergangenen Wochenende stattgefundenen Highfield lauten. Geboten wurden einerseits brütende Hitze, ein Gelände, das einer Savanne glich, aufwirbelnde Staubmassen und kühler Badespaß im Störmthaler See. Demgegenüber stand ein zum Vorjahr eher verhaltenes musikalisches Line Up.

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Kreative Heihfieldtisheirts

Es ist mein ganz persönliches Highfield-Highlight, als ich am späten Sonntagnachmittag in der tobenden Menge vor der Green Stage meinen Ausbruch aus dem tristen Alltag feiere, mitspringe und meine Mittelfinger gen Himmel strecke (Mittelfinger Hoch!). Es ist einer jener vergleichsweise seltenen Momente an diesem Wochenende, in denen die Stimmung mindestens so heiß wie die Temperatur ist. Aufwirbelnder Staub vom Springen und Moshen legt sich schwer auf die Lungen, während der Körper bei der Wärme bis an den Rand der Leistungsfähigkeit getrieben wird. So ergeht es auch dem kurz vorm Hitzekollaps stehenden Casper, der sich davon allerdings nicht beirren lässt und durchweg 200 Prozent gibt. Das verlangt eine Menge Respekt ab. Und als zum Finale auch noch Kraftklub auf die Bühne kommen und im Rhythmus von So Perfekt oben ohne mithüpfen, ist Caspers Auftritt mehr als perfekt. Der Künstler aus Bielefeld verdeutlicht: Sein Rap kann durchaus mehr rocken als so mancher Act des Line Ups.

Casper

Jenes wartet auf nur noch zwei Bühnen mit weniger und vor allem deutschen Künstlern auf. Neben den Headlinern Beatsteaks und Sportfreunde Stiller sind es unter anderem der erwähnte Casper, aber auch bekannte Rockpopbands wie Kettcar, Jupiter Jones und Bosse, die die Nachmittage füllen. Dem gegenüber stehen Bands der härteren Gangart wie etwa Kvelertak, Bullet for my Valentine oder Agnostic Front, bei denen man bis zuletzt das Gefühl hat, sie passen nicht so recht aufs Highfield und nehmen Slots ein, auf denen im vergangenen Jahr noch etliche bekannte (Alternative) Rockbands spielten. Zugkräftige, internationale Namen wie Foo Fighters und 30 Seconds to Mars sucht man 2012 vergeblich.

Headliner: Blue überzeugt vor Green Stage

Labrassbanda

Vielleicht entpuppen sich deshalb in diesem Jahr gerade die Headliner der kleineren Blue Stage als die heimlichen Stars des Highfield. So können bereits am späten bayrischen Freitagabend die lässigen Sportfreunde Stiller, die zwar ein aufwändiges, headlinerwürdiges Bühnenbild mitbringen, nicht dieselbe ausgelassene Partystimmung wie die zeitgleich spielenden LaBrassBanda erzeugen. Lustig bayrisch verkündet die Truppe, deren Stil irgendwo zwischen Blasmusik und Techno liegt, nach drei Liedern ihr Vorhaben die Green Stage zu crashen, wo in wenigen Minuten die Sportis auftreten sollen. Sänger und Trompeter Stefan Dettl fragt scheinheilig: „Könnt ihr mi versteh’n?“ Das Publikum kann. In Windeseile bildet sich eine Polonaise aus Bandmitgliedern und Zuschauern, die geschwind zur Hauptbühne hinübertänzelt, allerdings nach einer Runde auf dem Gelände wieder zurückkehrt.

Ähnlich sieht es am Sonntag aus: Für Placebo entwickelt sich der Headlinerslot zum Trauerspiel. Obwohl die Band rund um Frontmann Brian Molko eine interessante Setlist mitbringt, die Live-Raritäten wie I know, Teenage Angst und Slave to the Wage beinhaltet, gelingt es ihnen leider nicht, das Publikum mitzureißen. Placebos Auftritt wirkt lustlos; drei Tage zuvor hatten sie ihre Performance beim Frequency nach nur einem Song abgebrochen. Die wenigen, immerhin deutschen Ansagen von Molko tragen nicht dazu bei, die Mauer zwischen Zuschauern und Band einzureißen. „Wir wollen hüpfen!“, brüllen vereinzelt Leute, andere setzen sich hin – die wohl größte Abstrafung für eine Musikgruppe dieses Formats. Lediglich Drummer Steve Forrest scheint das anders zu sehen, wenn er zwei Tage später twittert: „Great Gig the other night Leipzig…“

The Gaslight Anthem

Zeitgleich liefern auf der Blue Stage The Gaslight Anthem mit drittem Gitarristen im Schlepptau eine mitreißende, rockige Show ab. Sänger Brian Fallon zeigt sich an diesem Abend besonders engagiert und ebenso begeistert von der gewachsenen Zuschauerzahl. Während es von dem Album American Slang nur der gleichnamige Song auf die Setlist schafft, wird besonders viel von der Scheibe ’59 sound´ gespielt. Überraschung: Sogar Señor and the Queen und Blue Jeans & White T-Shirts! Dass die US-amerikanische Band  an diesem Abend besonders gut drauf ist, zeigt sich spätestens beim grandiosen Abschluss mit In the Backseat.

Beatsteaks

Einzig die Beatsteaks vermögen auf dem Headlinerslot am Samstagabend den eng gefüllten Platz vor der Hauptbühne zum Kochen zu bringen und durchweg für ordentliche Stimmung zu sorgen. Wenn auch mit satten fünfzehn Minuten Verspätung, da Sänger Arnim sich zunächst nicht von Frittenbude lösen kann, die er sich vom Rand der Blue Stage ansieht. Spätestens mit Automatic verwandelt sich das Publikum in ein tobendes Durcheinander, das nur hier und da von einem Mosh- oder Circlepit unterbrochen wird. Doch das reicht den Berlinern nicht: „Ihr könnt wilder Highfield! Für die nächsten 90 Minuten gehört euer Arsch uns!“ Gesagt, getan. Und so kürt Sänger Arnim den Gig gegen 1:30 Uhr zum Besten, den die Beatsteaks diesen Sommer gespielt haben. Zum ohnehin gelungenen Auftritt der gutgelaunten Berliner Band gibt es zum Finale noch ein Sahnehäubchen obenauf: Die Jungs schließen ihr Set mit einem starken Cover von Sabotage der Beastie Boys.

In Teil 2 erwarten euch weitere Highlights des Highfield 2012.