Raus aus der heimischen Komfortzone und hinein in ein Festivalwochenende der Extreme – so oder so ähnlich könnte das Motto des am vergangenen Wochenende stattgefundenen Highfield lauten. Geboten wurden einerseits brütende Hitze, ein Gelände das einer Savanne glich, aufwirbelnde Staubmassen und kühler Badespaß im Störmthaler See. Demgegenüber stand ein zum Vorjahr eher verhaltenes musikalisches Line Up.

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Jupiter Jones, Bilder: Sven Morgenstern

Es ist so: Bei nahezu 40 Grad in der Sonne und einem weitläufigen Gelände das nur spärlich Schattenplätze spendet, zieht Live-Musik schon mal im Angesicht der Natur den Kürzeren. Dem Nachmittagsprogramm auf beiden Bühnen wohnen so gerade am Samstag und Sonntag verhältnismäßig wenige der insgesamt 20.000 Besucher bei. Das mag zum einen an der drückenden Hitze liegen, zum anderen auch an den eher weniger aufregenden, aufspielenden Bands. So füllt sich das Gelände meist erst gegen 16 Uhr. Vorher ist Chillen unter Pavillons in Zeltlagern oder Planschen im anliegenden Störmthaler See angesagt.

Baden versus Live-Musik

So erfüllen am Samstag erst die H-Blockx – mit ihrem neuen Album HBLX (zwischen RHCP und RATM) im Schlepptau – den Platz vor der Green Stage zum Leben: „Wir sind heute mal vorbeigekommen, um euch ordentlich den Arsch aufzureißen“, tönt Sänger Henning Wehland. Seinen Worten lässt die Band aus Münster mit einem durchweg rockigen Set Taten folgen und verlangen ihren Fans bei der Gluthitze alles ab. Mit Erfolg: Schon beim ersten Song des Sets Move Ya! beginnt die Menge ausgelassen zu hüpfen, sodass schon bald aufgewirbelter Staub die Sicht auf die Bühne erschwert.

Me First And The Gimme Gimmes

Die Punkrock-Coverband Me First & The Gimme Gimmes hält die Stimmung im Anschluss weiter über dem Siedepunkt mit Songs wie Somewhere over the Rainbow, Country Roads oder I believe I can fly. Währenddessen hat mit Bosse, Jupiter Jones und Kettcar deutscher Pop-Rock die Blue Stage fest im Griff und kann das Publikum zumindest in Teilen zum Tanzen bewegen. Bosse, der sichtlich mit der Hitze zu kämpfen hat, hat seinen besten Moment während des Songs Frankfurt/Oder als alle „Ich bin froh, dass du da bist“ singen. „Es muss bei euch auf schöne Art explodieren. Ich zähle bis Drei, dann tanzt, schreit und springt ihr alle!“, ruft der Braunschweiger. Einen ähnlich ausrastenden Moment des Publikums können auch Jupiter Jones verzeichnen, die während Das war das Jahr in dem ich schlief zu einer Wall of Death aufrufen.

Magic und tragic Moments

The Wombats

Am späten Freitagnachmittag verbreitet sich eine magische Atmosphäre, als die von der Kritik vielfach gelobten The Shins mit ihrem verträumt-fröhlichen Indie-Pop den ersten Festivalsonnenuntergang einleiten. James Mercer überzeugt nicht nur stimmlich, sondern sorgt zuweilen auch für leicht-angenehme Gänsehaut, beispielsweise wenn er den Simple Song performt. Im Anschluss betreten The Wombats die Bühne, die – wie sich relativ schnell herauskristallisiert – anfängliche Skepsis hinwegfegen, wonach die Band aus Liverpool eher mäßige Live- und Entertainment-Qualitäten mitbringt. Stattdessen gehen die Bandmitglieder auf der Bühne gut ab, nutzen die gesamte Bühnenfläche, um von links nach rechts zu hüpfen während sie ihre Instrumente spielen. Klar, dass sich so viel Energie auf das Publikum überträgt. Sogar Comichelden wie Batman, Robin, Captain America und Spiderman moshen durchs Bild.

The Black Keys

Schade hingegen was sich während des Auftritts der The Black Keys offenbart: Die Mehrheit der Festivalisten tummelt sich vor der Blue Stage, um die kürzlich wiedervereinigten, musikalisch deutlich härteren Refused zu sehen. So ist der Platz vor der Green Stage nicht nur licht besiedelt, sondern auch noch verhältnismäßig ruhig. Genau wie dem nachfolgenden Headliner Placebo, gelingt es auch dem Blues-Rock-Duo nicht, sein Publikum mitzureißen. Soundprobleme bei Thickfreakness animieren zwar Band und Publikum gleichermaßen mehr zu geben, der endgültige Funke will aber irgendwie nicht überspringen. Erst zum Ende des Sets kommt ordentliche Stimmung auf als die US-Amerikaner ihren größten Hit Lonely Boy performen.

Und dann gibt es sie noch: Diese Momente, in denen man eine Band vollends für sich entdeckt und sich aufgrund des Live-Erlebnis ein bisschen verliebt. So geschehen bei The Subways, die am Sonntag vor dem überragenden Casper auftreten.

The Subways

Die britischen Indie-Rocker um Frontmann Billy Lunn und die gleichermaßen bezaubernde wie coole Bassistin Charlotte Cooper machen ihrem Genre  alle Ehre. Das Trio hat ab der ersten Minute sichtlich Spaß auf der Bühne, der sich trotz der unmenschlichen Temperaturen sofort auf das Publikum überträgt. Jenes wird von Lunn nicht nur unaufhörlich mit Wasserflaschen versorgt, sondern auch gegen Ende ihres pumpenden, schnellen Sets mit einem Ausflug in die Menge beglückt. „I feel like crowdsurfing“, ruft der halbnackte Sänger ins Publikum und stürzt sich kopfüber in die tanzende Menge.

Zwischen ärgerlicher Timetable-Planung und verhaltenem Line Up

Was zurückbleibt ist der Eindruck eines Wochenendes mit solidem Musikprogramm, welches einige gute Künstler auf Lager hatte und mindestens ebenso viele, die nicht wirklich begeistern konnten. Ärgerlich war an einigen Stellen die Timetable-Planung. Dass Bands nur an bestimmten Tagen verfügbar sind steht außer Frage, wie man die Spielzeiten letztendlich aber arrangiert hingegen nicht. So überschnitten sich bei dem ohnehin im Vergleich zum Vorjahr mäßig interessanten Line Up oftmals sehenswerte Bands. Einige Beispiele: Kraftklub – The Shins, Refused – The Black Keys und The Gaslight Anthem – Placebo. Ein bisschen Ärger gab es auch mit den Lotsen in Sachen Müllpfand, die es mit der Füllhöhe der schwarzen Säcke ein bisschen zu eng sahen. In Einzelfällen wurde die Annahme von Säcken verweigert, weil sie etwa nur zu dreiviertel gefüllt waren.

The Shins

Beim Highfield 2012 ging es wieder mehr um das gemeinsame Erlebnis bei Temperaturen jenseits der 35 Grad Marke; die Live-Musik wurde stellenweise sprichwörtlich in den Schatten gestellt, war Untermalung der Kulisse und des Beisammenseins. Bei dem in diesem Jahr vollkommen barrierefreien Festival wurde gemütlich biertrinkend im Schatten gechillt und jede Gelegenheit genutzt, den sowieso schon überfüllten Badestrand aufzusuchen. Und wenn es dann in die gnadenlose Hitze vor die beiden Bühnen ging, um sich den ein oder anderen Act anzusehen, war die Security – das sei lobend erwähnt – mit Trinkwasser oder Schläuchen zur Stelle, um das Publikum abzuduschen.