Der Chiemsee Reggae Summer 2012 am Freitag

Mittwochnachmittag, Zug aus München Richtung Salzburg. Rund ein Viertel der Mitfahrer möchte bei “Chiemsee Rocks” aussteigen.

Kurz vor dem Bahnhof von Übersee passiert der Zug eine Reithalle. Ja, die Reithalle, in die am darauffolgenden Tag ein Teil der Besucher evakuiert wird. Noch passt das Wetter; eigentlich mehr als das: Die Sonne scheint, es ist brütend heiß.

Der Schaffner kündigt den Ausstieg mit “Hier ist das Chiemsee Reggae Festival” an. Einzelne Festivalgänger, die dem Stereotypen des Rockers nahestehen, rollen die Augen – wohl wissend, hier trotzdem aussteigen zu müssen. Zum Beginn des Chiemsee Reggae Summers wird diese Besuchergruppe längst wieder zuhause sein.

Aus dem Zug ausgestiegen, bewegt sich eine Menschentraube Richtung Shuttlebusse. Die Betreiberin des Bahnhof-Kiosks hat aufgerüstet und eine Bar aus Biertischen aufgebaut; darauf steht eine Zapfanlage. Einige Biere stehen schon bereit, und warten nun darauf, von den Festivalgängern abgekauft zu werden. Dazu gibts Leberkässemmeln und belegte Brote. Fünf Minuten Hektik, einmal in der Stunde. Bei jedem ankommenden Zug die Hoffnung auf das große Geschäft. Mitte August, es ist Zeit für Chiemsee Rocks und Chiemsee Reggae Summer – und jeder im Ort möchte mitverdienen.

Das fängt schon im Jugendalter an: Der Chiemsee Reggae Summer ist Hauptkostenpunkt und Haupteinnahmequelle der Dorfjugend zugleich. Die Jüngeren – ab dem Alter von 10 – transportieren das Gepäck der Festivalgänger vom Bahnhof zum Gelände im Anhänger ihres Fahrrades. Einmal angekommen am Gelände warten sie auf ihre Kunden und zählen die bisher eingenommenen Geldscheine. Fünfer für Fünfer, Zehner für Zehner.

Kommt erst einmal die Pubertät, sind sich die Jugendlichen zu schade fürs Gepäck transportieren und dafür plötzlich riesige Reggae Fans. Bob Marley ist das große Idol, Rot-Gelb-Grüne Kleidungsstücke Kult. Und der Chiemsee Reggae Summer Pflicht. Als zwei, drei Jahre später die Erkenntnis kommt, dass Reggae vielleicht doch nicht so cool ist, stehen die gebuchten Party-Bands hoch im Kurs.

Das ewig gleiche Spiel der Programmgestaltung

Der Veranstalter weiß das und holt sie Jahr für Jahr ins LineUp: K.I.Z. zum Beispiel in diesem Jahr, oder Frittenbude 2011. Sie sagten letztlich medienwirksam ab wegen Capleton. Homophobie – eine weitere Konstante des Chiemsee Reggae Summers.

Es ist jedes Jahr das selbe: Die Jugendlichen wollen feiern – und Bands, die das besonders gut können. Im Forum des Chiemsee Reggae Summers ist das verpöhnt. Dem Veranstalter, wohlgemerkt der größte Festivalveranstalter Europas, ginge es nur um den Kommerz. Voll Babylon, man!

Das ist aber insgesamt eher ein kaum wahrnehmbares Grundrauschen in einem Festivalzirkus, der sich  Jahr für Jahr weiterdreht. Und am Ende wollen alle mitmischen.

Chiemsee Reggae Summer: Ein großes Geschäft

Für die Besucher vor Ort ist es schwer, einen Parkplatz in Festivalnähe zu finden – zumindest jenseits der offiziellen Parkplätze. Eine nahegelegene Gärtnerei hat genügend davon. Trotzdem nachgefragt, ein kleines Trinkgeld gegeben und das Auto abgestellt. Auf dem Rückweg hängt ein Pappschild am Zaun direkt vor der Windschutzscheibe: “Parken für Besucher des Chiemsee Reggae Summers: 5 Euro. Für die Floristen”.

Vermeintlich leergekaufter Supermarkt in der "Abendzeitung"

Eine Spur größer sieht das Geschäft beim Einzelhandel aus: Gefühlt jeder Laden im Dorf bietet Gummistiefel an. Und Dosenbier. Braucht es ja auch, beides. Gerade beim Chiemsee Reggae Summer.

Das ist sogar der Münchner “Abendzeitung” einen Bericht wert: Auf dem Bild sind leere Regale zu sehen – und posierende Reggae-Fans, die nicht unbedingt so aussehen, als seien sie Festivalbesucher. Drei Supermärkte gibt es in Übersee auch nicht. Vielleicht ist das Bild ja im mittlerweile geschlossenen “Schlecker” entstanden. Oder ganz wo anders. Tolle Symbolik allerdings: ALLES weg. Für den Wochenendeinkauf aller Überseer reicht es aber noch.

Ein Ort und sein Festival

Vor Ort angekommen, sind die Überseer ebenso präsent: Der örtliche Sportverein hat sein Brotzeitzelt aufgestellt, verkauft Bier und Essen an solche Besucher, die genug haben von den Fressständen auf Campingplatz und Gelände. Gleich dahinter steht der Bauwagen einer Überseer Clique: Seit Jahren sind sie dabei. Der Chiemsee Reggae Summer als Großereignis, auch ohne eine Band zu sehen.

Am Ende wird der Veranstalter ein positives Festival bilanzieren, es ist ja auch ausverkauft. Der Bürgermeister wird den Imagegewinn für Übersee herausstellen. Die Zeitungen werden vom “Karibikflair vor Alpenpanorama” berichten, auch wenn das Wetter so gar keine Urlaubsstimmung aufkommen lässt.

Die Meisten der Überseer sind dennoch glücklich, weil sie selbst mitverdienen oder Kinder vor Ort haben, die mitfeiern wollen. Die Anderen kanalisieren ihre Kritik in einzelnen Kommentaren über die vollen Straßen oder die “versifften Reggaeaner”. Auch sie wissen um den Gewinn des Festivals und kennen jemanden, der profitiert. So hat sich der Ort eingestellt auf die eine etwas andere Woche im Jahr. Jeder auf seine Art.