Es gibt sie noch: Diese magischen, nicht enden wollenden Konzerte, bei denen der Besucher aus der Realität gerissen und dafür in andere Sphären gezogen wird. Den britischen Pop-Rockern von Keane gelingt dies spielend. Sie katapultieren ihr Publikum ins bandeigene Stangeland, welches von Hoffnung inmitten dunkler Zeiten erzählt.

Keane (Bilder: Sabrina Timm)

Es ist 18 Uhr. Während Hamburgs sündigste Meile noch schläft, öffnen sich bereits die Türen des auf der Reeperbahn liegenden Docks und damit gleichzeitig auch die Pforten zu Keanes Strangeland. Die Realität, alle Gedanken und Gefühle, die in meinem Kopf kreisen, werden heute mit der Jacke an der Garderobe abgegeben. Mein Blick wandert zur Bühne: Im Hintergrund prangt das Backdrop, auf dem die Sonnenflagge des magischen Reiches abgebildet ist, in welches sich die rund 2000 Zuschauer an diesem Abend begeben werden – sie wissen es zu diesem Zeitpunkt nur noch nicht.

Zulu Winter: Sanfter Indierock zum Start

Den Anfang zur Einstimmung macht allerdings die frisch gebackene Indie-Rockband Zulu Winter, die im Mai ihr Debütalbum Language rausbrachten. Nach einer kurzen Aufwärmphase erntet das Quintett regen Beifall – allen voran der extrovertierte Frontman Will Daunt (optisch ein Zwilling von Matt Smith, aus der Serie Dr. Who). Er legt viel punktiertes Gefühl in die Lyrics, spornt das Publikum mit seiner Gestik zum Jubeln an und verliert sich mit We Should Be Swimming schlussendlich in ekstatischem Tanz auf der Bühne.

Keane: Die Herren des Strangeland in Jeans und T-Shirt

Bereits um 20 Uhr erlöschen dann die Lichter des Docks und nach einem kurzen Intro betreten die vier sympathischen Bandmitglieder von Keane ohne viel Aufheben die Bühne. Tom Chaplin, Tim Rice-Oxley, Richard Hughes und Jesse Quin beginnen ihr Set mit You Are Young, dem Opener des aktuellen Albums: Mit ihrer offenherzigen Ausstrahlung besitzen sie das Publikum ab der ersten Sekunde. Lächelnde Gesichter um mich herum, eifriges Klatschen und – ob Klassiker oder neue Hits – unverschämt lautes Mitsingen dominieren den Innenraum.

Das Publikum: Reifer aber trotzdem Oho

Es ist erstaunlich, mit welchem Enthusiasmus und Freude diese Band trotz ihres langen Bestehens auf der Bühne performt. Vor allem Frontmann Tom Chaplin, mit seinen rosigen Wangen, freut sich über jede Reaktion des Publikums mit strahlenden Augen, wie es sonst nur ein Kind in einem Süßigkeitengeschäft vermag. Und das laute Jubeln und rhythmische Klatschen fällt beinahe im Sekundentakt: Beginnt der Sänger mit den Fans an der Barrier zu interagieren oder allgemein zu reden, wird er ständig von Begeisterungsstürmen unterbrochen.

Keane überzeugen mit starkem Set

Wenn man mich nun fragt, was mein absolutes Highlight gewesen sei, ich könnte kein konkretes benennen, denn: Alles fließt ineinander, ergibt ein großes musikalisches Ganzes. Getragen von einer Band, die es nicht duldet, dass sich ihre Fans auch nur einen Augenblick zurücklehnen, sondern sie stetig antreibt mehr zu geben. Möglich macht das auch die Setlist, die sich aus allen Alben bedient und dabei ruhige mit pumpenden Songs, melancholische mit hoffnungsvollen Tönen, kombiniert. Und Tom Chaplin, der schon mal dazu neigt nicht alle Töne zu treffen, ist stimmlich extrem fit und versagt so bei keinem von Ihnen.

Strangeland: Zwischen Menschlichkeit und Lichteffekten

Keane im Hamburger Docks

Bei Keane geht es nicht um blinkende Bühnenoutfits, bombastische Stage Designs oder flimmernde LED-Videoleinwände. Es geht um große Gefühle, die über die im Mittelpunkt stehende Musik transportiert und mit einer – zugegebenermaßen – perfekten Lichtshow punktgenau untermalt und intensiviert werden. So erstrahlt das Docks an diesem Abend in allen Farben des Regenbogens, wird ab und an mit Stroboskop-Blitzen geblendet und vielfach kombinierten Lichtern auf der Bühne verwöhnt.

So das Publikum ihn lässt, antwortet Tom Chaplin auf das Jubeln. Beispielsweise vor den ersten Tönen des Hamburg Song: „I wish I could say it reminds me of the good times, but….it actually reminds me of a pretty bad time.” Er lässt die begeisterten Zuschauer also nicht nur an der Musik teilhaben, sondern punktet zeitgleich auch noch mit Menschlichkeit, indem er etwas von sich preisgibt. Eine mögliche Barriere zwischen Keane und ihren Fans ist ungefähr ebenso groß, wie der praktisch nicht vorhandene Bühnengraben – tatsächlich muss hier von einer Symbiose gesprochen werden.

„Oh simple thing, where have you gone? I’m getting old and I need something to rely on. So tell me when you’re gonna let me in. I’m getting tired and I need somewhere to begin…”

Von wegen tot gedudelt: Nichts, und ich wiederhole nichts, kommt der Gänsehaut gleich, als die Band Somewhere Only We Know, ihren mit Abstand bekanntesten Song, anstimmt: Rund 2000 Menschen singen in einer immensen Lautstärke enthusiastisch den Refrain, während Tom Chaplin – verschwitzt, glücklich lächelnd – den Mikrofonständer in das Publikum hält und mit der freien Hand dirigiert.

Das Publikum ist wahrlich angekommen. An diesem Ort, den nur sie heute kennen. Und mir, inmitten der glücklichen Menge, ergeht es nicht anders: Obwohl ich schon einige Konzerte besucht habe, ist es selten einer Band gelungen mich dermaßen zu berühren und aufzuwühlen. Dass mir tatsächlich die Tränen kommen, ist allerdings eine absolute Premiere. Chapeau, Keane! Für so viel Magie!

Keane und Hamburg: Es ist Liebe

Auch die extrem gut gelaunte Band zeigt sich beeindruckt von den Hamburger Zuschauern, die so gut mitgehen. Das sieht auch Tom so, der auf seine zuckrige Art die Beatles ins Spiel bringt, deren Karrierewurzeln in Hamburg liegen: Er lobt den Vibe der Stadt und den des Publikums – das in seinen Augen aus der bisherigen Tour heraussticht. Und so wird der Abend mit einem mehr als gelungenen Cover von Under Pressure geschlossen: Ein letzter lauter Begeisterungssturm fegt durch das Docks, während Tom Chaplin Freddy Mercurys Zeilen singt und dabei einmal mehr die stimmliche Ähnlichkeit zu dem verstorbenen Sänger zum Ausdruck bringt. Dann verbeugt sich die verschwitze Band, ein glückseeliges Lächeln auf ihren Lippen, welches sich im Publikum spiegelt. Das Konzert ist vorbei. Eines, von dem man das Gefühl hat es endet nicht, dauert eine ganze Ewigkeit an, ohne zu zermürben. Ein extrem gutes Live-Erlebnis also.

Ich hole meine dicke Winterjacke an der Garderobe ab und stolpere aus dem magischen Strangeland – hinein in die kalte Realität.

„We were silenced by the night, but you and I we’re gonna rise again!”

Ich möchte hier meine Lanze für eine Band brechen, die ich in der Vergangenheit – wie viele andere da draußen – stets unterschätzt und der ich viel zu wenig Anerkennung gezollt habe. Nun denn, jede Lobeshymne muss einmal enden, deshalb bleibt mir nur noch eines zu sagen: Wenn auch in eurer Brust ein Herz schlägt, so zögert nicht, geht los und schaut euch diese Band an. Lasst euch mitreißen und bezaubern von den enthusiastischen, gefühlvollen und grandiosen Keane.

Setlist

  1. You Are Young
  2. Bend and Break
  3. On the Road
  4. We Might as Well Be Strangers
  5. Nothing in My Way
  6. Silenced by the Night
  7. Everybody’s Changing
  8. She Has No Time
  9. The Lovers Are Losing
  10. Day Will Come
  11. Spiralling
  12. A Bad Dream
  13. Hamburg Song
  14. Disconnected
  15. Is It Any Wonder
  16. This Is the Last Time
  17. Somewhere Only We Know
  18. Bedshaped

Encore:

19. Sea Fog
20. Sovereign Light Café
21. Crystal Ball

Encore 2:

22. Under Pressure (Queen & David Bowie Cover)

6 KOMMENTARE

  1. Hallo,

    nun möchte ich auch kurz ein Statement abgeben! Die Rezension hat mir echt aus dem Herzen gesprochen. Ich denke, dass Keane die Kritiker eigentlich immer sehr polarisieren… Es gibt extreme Verrisse und ebenso tolle Kritiken, eben gerade auch zu dem neuen Album Strangeland. Ich war auch auf dem Konzert und ebenso begeistert und angetan von dieser Band! Man muss die echt live gesehen haben! Deshalb an dieser Stelle einen großen Dank für diesen Bericht!!!

  2. Hmm, gibts auch noch objektive Meinungen? Das ist mir zu viel Fan-Lobhudelei für eine Band, bei der sich die Kritiker selten einig sind, wenn es um Verrisse geht…

    • Lieber Qualitätskanal,

      ich gehe mal davon aus, dass du ein „so“ in deinem zweiten Satz vergessen hast. Mag ja sein, dass sich die Kritiker (wen auch immer diese schwammige Bezeichnung umfasst) einig sind, was diese Band angeht. Aber das ist mir egal. Die (Musik-)Journalisten – und hier spreche ich als ausgebildete Journalistin – sind nicht der Nabel der Welt und man sollte auch nicht alles glauben, was diese Menschen schreiben. Musikjournalisten bekommen in der Woche drölfzigtausend neue Alben zugeschickt. Da hat jede CD eine relativ geringe Chance über das kurze Anhören hinaus Beachtung zu erfahren und landet manchmal schneller auf dem stetig wachsenden Haufen popkulturellen Mülls, als sie gucken kann und ohne sich jemals beim Kritiker entfalten zu können. Fehlurteile sind deshalb auch vorprogrammiert. Apropos Fehlurteile: Was mich betrifft, so war ich nie ein riesiger Keane-Fan. Es gab Zeiten, da mochte auch ich diese Band nicht besonders, bis ich mich noch einmal mit ihnen beschäftigt und den Entschluss gefasst habe, mir sie live anzusehen. Und ich habe es als großartig empfunden. Genau aus diesem Grund steht hier dieses Review: Weil ich meine Gedanken und Gefühle in Worte fassen musste und darüber hinaus – wie der Bericht meiner Meinung nach klar veranschaulicht – verdeutlichen wollte, warum ich Keane mittlerweile für unterbewertet halte. Was die Objektivität betrifft: Wir erinnern uns noch immer unserer Wurzeln und sind so irgendwo ein Blog; Subjektivität ist auf Festivalisten dezidiert erwünscht, deshalb bei
      uns auch bewusst die „Ich“-Form. Rezensionen und Reviews als Teil des
      Kulturjournalismus funktionieren überdies nicht nach festgelegten Kriterien, wie es etwa purer Nachrichtenjournalismus tut. Musik und Konzerte sind deshalb schlichtweg nicht objektiv zu bewerten. Davon mal ganz abgesehen, argumentiere ich über weite Strecken nachvollziehbar.

      – MfG, die Autorin

      • Liebe Frau Timm.
        Es lag mir sehr fern, Sie zu kritisieren und es tut mir fast leid, dass ich von Ihnen eine so ausführliche Rechtfertigungsantwort erhalten habe. (Hier gefällt mir das „so“. In meinem ersten Text verzichte ich auch weiterhin, da ich es für so überflüssig halte). Es besteht für Sie kein Grund zur Verteidigung und zur Richtigstellung und Analyse Ihrer Position. Musikgeschmäcker sind sehr verschieden – und das ist auch gut so. Es gibt nichts, was ich mehr respektieren würde. Ich habe mein ganzes Leben in der Musik- und journalistischen Medienbranche gearbeitet und weiss, wie wertvoll diese Erkenntnis ist. Aber das wissen Sie ja auch. Das unterstreichen Sie ja deutlich mit Ihrem Hinweis auf ihren seriösen journalistischen Background, auch wenn mich die Belehrungen in Ihrer Antwort in diesem Zusammenhang umso mehr irritieren.
        Also, nichts für ungut. Toll geschrieben, ohne Zweifel. Mein Kommentar ging ja auch eindeutig nicht an Sie, sondern an Konzertbesucher, die anders empfunden haben.
        Beste Grüße.

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