Es gibt ja die unterschiedlichsten Gründe, warum man Konzerte in positiver Erinnerung behalten kann. Sei es ausgelassene Stimmung im Publikum. Sei es ein ganz persönliches Erlebnis, das man mit dem Konzert verbindet. Oder sei es einfach die Band seiner Jugend, die man endlich live erlebt hat. Und dann gibt es Konzerte wie das von Sigur Rós, bei dem es kaum möglich ist, das Geschehene in Worte zu fassen.

Mit dem Tempodrom haben sich die Isländer passend zur Musik die vielleicht extravaganteste Konzerthalle Berlins für ihren heutigen Auftritt ausgesucht. Klanglich ist die Halle über jeden Zweifel erhaben – und auch optisch macht der an eine antikes Amphitheater erinnernde große Saal zweifelsohne mehr Eindruck als ein lieblos dahingesetzter Betonklotz wie beispielsweise die Columbiahalle.

Als Support haben sich Sigur Rós Verstärkung von Blanck Mass geholt. Wenn man an diesem Abend etwas zu kritisieren hat, dann ist es definitiv die Wahl dieses DJs als „Vorband“. Wer erst 20 Minuten nach Beginn den zweiten Ton in sein Arrangement einbaut, verdient nur ein Prädikat: langweilig, monoton, überflüssig wie ein Kropf.

Aber diese unglückliche Wahl ist vergessen, als das Tempodrom pünktlich um 21 Uhr in tiefe Dunkelheit getaucht wird. Sigur Rós – seit dem Ausstieg von Keyboarder Kjartan „Kjarri“ Sveinsson zumindest offiziell nur noch ein Trio – betreten die Bühne. Und werden dabei erwartungsgemäß von sage und schreibe acht Gastmusikern begleitet.

Von der Band selber ist zu Beginn des Konzerts nicht viel zu sehen. Nur deren Schatten überlagern sich hier und da mit den beeindruckenden Visuals, die auf den Bühnenvorhang projiziert werden. Dieser fällt erst zum dritten Song des Abends „Ný Batterí“ und gibt den Blick auf das komplette Bühnenbild inklusive riesiger Videoleinwand frei.

Was danach folgt lässt sich mit nur einem Wort beschreiben: Gänsehaut! Nein, die Damen und Herren dort auf der Bühne sind nicht extrovertiert, kommunizieren auch kaum mit dem Publikum. Auch unter den Zuschauern herrscht während der Songs andächtige Stille. Aber dieses Konzert braucht auch keine obligatorischen Passagen zum Tanzen oder mitklatschen. Dieser Abend lebt von der perfekten Symbiose der Musik mit den unbeschreiblichen Licht- und Visual-Effekten. Dieser Abend wird getragen vom monumentalen „Varúð“, vom endorphin-freisetzenden „Hoppípolla“. Dieser Abend ist eine schier endlos lange Aneinanderreihung von Gänsehautmomenten.

Sigur Rós sind Meister darin, Spannungsbögen aufzubauen, ruhige und laute Passagen einander abwechseln zu lassen. Und so entlädt sich bei „Popplagið“ ein letztes Mal jegliche Energie in einem nicht enden wollenden Noise-Gewitter. Das Berliner Publikum zeigt sich dankbar, feiert das knappe Dutzend der Akteure mit minutenlangen Standing Ovations. Und in diesem Moment bin ich mir sicher: Ich bin nicht der einzige, der von diesem Konzert berührt Probleme haben wird, die Ereignisse dieses Abends in Worte zu fassen.

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