„Staubig habt ihrs hier.“ Diese von Farin Urlaub vor Jahren im Taubertal getroffene Aussage lässt sich eins zu eins aufs RockNHeim übertragen. Und lustigerweise brachte er sie während der Die Ärzte Show am Freitag auch umgehend an. Nur: Damals war es verglichen mit dem Samstag ziemlich staubfrei.

Der Samstag hielt reihenweise Topacts bereit, die sich allesamt live bereits einen guten Namen gemacht haben. Es war wohl unumstritten der stärkste Programmtag der RockNHeim Premiere.

Long Distance Calling fiel unverhofft die Rolle des Openers zu, weil The Pretty Reckless kurzfristig ihre Europapläne über den Haufen geworfen hatten. Schön fürs Ohr, Auge und Kamera hätte die knappen Outfits von Taylor Momsen vorgezogen.

Enter Shikari, alle Fotos: Thomas Peter

Danach folgte eine bewährte Liveband auf die andere. Enter Shikaris Roughton Reynolds hielt es schon während der ersten drei Songs kaum bei seiner Band auf der Bühne. Zwei Stagediving-Ausflüge und ein Bad in der Menge stand als Zwischenbilanz auf dem Zettel.
Während der Show weite er seinen Erkundungsradius bis über den Wellenbrecher hinaus aus – und brachte damit seinen Kabelträger von einer Verlegenheit in die nächste.
Ist doch ganz normal bei Enter Shikari, mag der ein oder andere sagen. Jein. So aufgedreht habe ich zumindest die Band selten gesehen – besonders wenn man die gestrigen Temperaturen von weit über 30 Grad einbezieht eine respektable Leistung das Bühnenvorfeld einmal umgepflügt zu haben. Besonders die demotiviert in der Sonne sitzende Festivalisten haten es Roughton angetan. Ob er missionarisch erfolgreich war?

Biffy Clyro

Für Biffy Clyro bedarf es wenig Worte. Routiniert spulten die Schotten ihr Programm ab. Und als Fanboy hatten sie mich natürlich schon während meiner Fotosession gepackt. Übernatürliche Ausschläge nach oben hielten Biffy Clyro gestern allerdings nicht bereit. Solider Auftritt, nicht mehr, nicht weniger.

Deftones

Ganz anders Deftones Chino Moreno. Wie immer mit viel zu losem Hosenwerk bekleidet, hatte er anfänglich (wiedereinmal) Probeme mit seinem Funkmikro. Mehrmals zog es ihn an den Bühnenrand bis schliesslich sogar ein Techniker ihm auf Schritt und Tritt folgte und an seiner Rücktasche rumfriemelte um das Ding endlich konstant zum Laufen zu bringen. Moreno schien unzufrieden mit der Situation, ja eigentlich sogar ärgerlich. Und so fasste er just in dem Moment, als ich die Kamera für einen Moment abgesetzt hatte, den Entschluss über die eigens für System Of A Down installierte Bühnenverlängerung in die Menge zu springen. Die war mindesten genauso überrascht über das 90kg Geschoss wie ich und trat grossteils einen Schritt beiseite. Die Landung war, so hatte es den Anschein, eher unsanft. Aber es ging ohne grösser erkennbare Blessuren sofort zurück auf die Stage. Der initiale Frust Morenos schien wie ein Katalysator für das Konzert der Deftones, die danach ihr Feuerwerk abbrannten.

Tenacious D

War die Evolution Bühne, nennen wir sie in Zukunft getrost einfach Hauptbühne, bei den Deftones gut gefüllt, drohte sie als Tenacious D die Bühne enterten aus allen Fugen zu platzen. Kaum ein Platz blieb ungenutzt, jeder wollte das Konzert von Jack Black und Kyle Glass sehen. Auch wenn die, wenn wir ehrlich sind, über die Jahre durchaus in eben diese gekommen ist.
Die neuen Songs vom Rise OF The Phoenix-Album wurden integriert. Prinzipiell bilden die Showparts vom ersten Album allerdings nach wie vor die Grundlage. Egal. Auch wenn fast jeder genau was was wann kommt: The D bringen einfach einen ganz anderen Wind mit. Um keinen Preis der Welt hätte ich deren Konzert noch einmal verpassen wollen.

System Of A Down liessen rund eine viertel Stunde auf sich warten. Als sie dann kamen waren sie in dunkles, blau-violettes Licht getränkt aus dem sie nur selten vervorlugten. Mit Sugar fand das umjubelte Headlinerkonzert nach 23 Songs sein Ende.
Im Vorfeld hatte Drummer Ontronik Khachaturian ein Interview mit ZDFkultur geführt und auf die Frage, wann denn mit einem neuen Album zu rechnen sei mit: „Es kommt“ geantwortet. Der Blätterwald bauschte das gleich wieder massiv auf. Ich dagegen verstehe das einfach als Quasi-Blockadeantwort Khachaturians. Denn er fuhr fort: „Wir sammeln derzeit aber nur Material.“ Also hat sich prinzipiell eigentlich garnichts am Stand der Dinge verändert.

Casper

Tagesabschluss bildete Casper, für den ich erstmals an diesem Tag einen Fuss auf die Nebenbühne alias Revolution-Stage setzte.
Revolution findet dort bisher aber überhaupt nicht statt. Nur wenige Besucher verirren sich zu den Konzerten der Electro-Acts unter dem Tag. Gestern mussten Oliver Koletzki, Lexy & K-Paul, Sub Focus und Boys Noize erkennen, dass sich maximal 10 Prozent der Besucher für die überwiegend mit Electro-Acts bestückte Bühne interessieren. Erst Casper brachte ein paar mehr Leute zum Wechseln.
Er selbst zeigte sich von der Resonanz der Zuschauer aber nicht sonderlich überzeugt. Immer wieder garnierte er die Pausen zwischen den Songs mit Motivationsansagen, bis er schliesslicht meinte: „Vielleicht wird das ja doch noch was hier.“
Wurde es nicht. Zumindest wenn man auf die neue Single im Ascheregen gehofft hatte. Jeder am Platz dachte, sie würde Teil der Zugabe werde. Falsch gedacht. Nach einem Cover von Oasis‘ Don’t Look Back In Anger war Schluss. Das heisst, nicht ganz: Es wurde am Bühnenrand über die komplette Fläche ein Banner mit dem Artwork des kommenden Albums aufgezogen – und liess uns Publikum doch etwas erstaunt zurück.

Statt einer Pressekonferenz heute wurden die wichtigsten Infos zum RockNHeim 2014 gestern per Flugblatt unter die Journalie gebracht. Es kehrt vom 15.-17.August 2014 an den Hockenheimring zurück. Ziel ist es die solide Basis von heuer 40.000 Besuchern über die kommenden Jahre auf 50.000 zu erhöhen.