Totgeglaubte leben länger – der Samstagabend mit Editors.

Editors - Tom Smith, alle Bilder: Tanita S.
Editors – Tom Smith, alle Bilder: Tanita S.

„The Weight“ ertönt, Jubelschreie im Publikum – Editors um Frontmann Tom Smith betreten zurückhaltend die Bühne um Sekunden später ein Klangmonstrum auf die Meute loszulassen: „Sugar“ donnert mit ohrenbetäubender Wucht durch den mit Menschen und großer Erwartungshaltung gefüllten Ringlokschuppen in Bielefeld.

Nach Veröffentlichung ihres vierten Studioalbums „The Weight Of Your Love“ letzten Sommer, schieden sich die Geister über die Entwicklung, die Editors nach Trennung von Gitarrist und integralem Bestandteil der Band Chris Urbanowicz durchgemacht hatten. Der Hochglanz-Sound auf Platte, wurde live glücklicherweise ganz zu Editors, wie die Fans sie lieben und rückblickend ist „The Weight Of Your Love“ allein nicht unbedingt repräsentativ für den Sound, für den Editors eigentlich stehen.

Diese Erkenntnis scheint die Band auch erlangt zu haben, da sie an diesem Abend ein Set präsentieren, das den Schwerpunkt auf die ersten drei Alben zu legen scheint. Hat man im Vorjahr neben neuen Stücken noch mit atemberaubenden Versionen von „Like Treasure“ und „You Don’t Know Love“ brilliert, so wird das Publikum dieses Mal mit alten Schätzen wie „Camera“ und „Lights“ verzaubert. „A Life As A Ghost“ als wirkliche Rarität mit einem Tom Smith, wie man ihn sich nur wünschen kann – mit weit aufgerissenen Augen und verzerrtem Gesichtsausdruck das Mikrofonkabel um den Arm geschlungen, zwischen Bühnenrand und auf/an seinem Piano, sich gänzlich in seiner Musik verlierend. Dramaturgische Perfektion und brachialer Wahnsinn in Gestalt von „Eat Raw Meat = Blood Drool“, gefolgt von „In This Light And On This Evening“ und „All Sparks“, um dann in der epischen Hymne der Hoffnung „Bricks and Mortar“ zu münden – was will man da noch mehr?

Das Set führt tatsächlich von einem Highlight zum nächsten, quer durch das Gesamtwerk von Editors, sämtliche Facetten ihres Schaffens abbildend. Es wäre dennoch regelrecht ein Vergehen nicht die unbeschreibliche Version von „Honesty“ zu erwähnen, die den ersten Teil des Abends beschließt und abermals verdeutlicht welche unnachahmliche Stimme Tom besitzt – eine Stimme, die er mit voller Seele und voller Kraft erklingen lässt während er sich vollkommen verausgabt und die Anwesenden nicht zum ersten Mal an diesem Abend zwischen Jubelschreien und mit von Faszination und Unglauben gezeichnetem Gesichtsausdruck zurücklässt.

„Papillon“ in der Extended Version als gewaltiges Finale mit Tom Smith als Dirigent, der das Publikum mit einer Leichtigkeit in den kompletten Wahnsinn führt. Das Resultat: der gesamte Ringlokschuppen springt im Einklang. And it kicked like a sleep twitch.

Zwar merkte der erfahrene Editors Fan vielleicht, dass die Intensität, die die Band letzten Herbst im Laufe ihrer Tour erreichen konnten, durch die erneute Umbesetzung minimal abgeschwächt wurde, dennoch waren Editors auch an diesem Abend und in erneut veränderter Besetzung vor allem wie immer eines: herausragend!

Solange Tom Smith neben seiner nahezu unbeschreiblichen Stimmgewalt diese ihm ganz eigene Mischung aus sympathischer Zurückhaltung und genialem Wahnsinn darbietet, sind Editors live weiterhin unnachahmlich und werden auch an diesem Abend wieder bei manchem Zuschauer einen neuen Standard für Live-Performances gesetzt haben.