Casper, die Zweite – irgendwo zwischen Weihnachtsfeier und Abiball.

Casper in Offenbach, Foto: Tanita S.
Casper in Offenbach, Foto: Tanita S.

Konzerte sind eben doch Wissenschaft: der Abend kann nur perfekt werden, wenn sowohl die Band, als auch das Publikum alles geben und alles zerlegen (Zitat!) – und zum Glück hatte Offenburg, wie es seit jenem Abend von Casper liebevoll umgetauft heißt, „Bock“ mitgebracht.

Nach tatsächlich etwas zu ruhigem Tourstart in Saarbrücken kamen mir die Zweifel. Videoleinwände, größere Bühne, mehr Menschen, ein bisschen mehr Rockstargehabe, als noch im Hinterland ’13 – alles schön und gut, aber was nützt das, wenn durch mehr oder weniger souveräne Professionalität im Kern die Atmosphäre zunichte gemacht wird, wegen der Casper und seine Band sich ursprünglich einmal ihre mittlerweile fast schon erschreckende Popularität erspielt hatten?

Souveräner Auftakt mit dem epischen Intro zu „Im Ascheregen“, einem „OFFENBAAAACH“ aus dem Off und darauffolgendem ohrenbetäubenden Kreischen. Es folgen 100 Minuten „Best Of“-Casper: praktisch alle „XOXO“-Hits, sämtliche „Hinterland“-Singles, vereinzelt ganz alte Songs. Solide, aber im Vergleich zur „Hinterland ’13“-Tour für Casper-Standards nicht besonders mutig. Einzige wirkliche Veränderung: neues Material in Form von „Nie Genug“ – dezent geil, denn man liefert ab, komplett ohne Texthänger. Und obwohl der „Drunken Masters“-Remix von „So Perfekt“ im Vorjahr diese Passage noch ein Stückchen unfassbarer gemacht hatte, erhält man die einfach nur beeindruckende Wirkung geballten Rapkönnens mit „NIP“, „Halbe Mille“ in neuem Remix und „Mittelfinger Hoch“. Fuck yeah. Mother-f’ing Eigenlob wäre in diesem Fall wirklich angebracht.

Einerseits der gewohnte Abriss, doch andererseits ist Frontmann Benjamin Griffey zwischendurch auffällig wortkarg und ein bisschen unentspannt. Man grüßt wie gewohnt einzelne Fans, kommentiert Band-Shirts und Basecaps der Fans, versorgt entkräftete Fans mit Wasser und sehr zur Freude aller blitzt in kurzen Momenten genau der Frontmann auf, den man sich nur wünschen kann: die sympathischsten Bühnenansagen direkt aus der Hölle, mit viel Charme und ein klein wenig sinnbefreit. So sollte das sein.

Tatsächlich bietet man dem Publikum ein rundum schönes Konzert, sowohl mit kollektivem Ausrasten, als auch mit andächtiger Stille. Die Tatsache, dass zwischen schön-kitschigen Feuerwerksprojektionen bei „Hinterland“ und „ANTI ALLES FÜR IMMER“ bei „Die Letzte Gang der Stadt“ ein kurzes „Thank You Based God“ aufblitzt, beweist mir persönlich, dass alles gut ist. Anders, aber gut. Ihr wisst schon.

Casper und seine Bande in 16:9, aber kein Stück seelenlos. Mögen sie die Schüco-Arena füllen und im Laufe der Zeit wieder vermehrt dazu zurückkehren, die kleineren Hallen und Clubs der Nation in ihren Grundfesten zu erschüttern. Wir alle lieben die nicht auf Hochglanz polierte Batik-Gang, die auch mal den Anfang von „XOXO“ verhaut. Lieber so, als in zu großem Stil und dann verkrampft. Wie war das noch gleich mit den Geistern, die man rief? Der Erfolg gibt ihnen Recht, doch das „Hinterland ’14“ ist tatsächlich neues Terrain, in dem die Band inklusive ihrer buntgemischten Fanmeute sich langsam, aber sicher zurechtfinden muss und dies auch zu gelingen scheint. Dennoch kann ich mich bezüglich dieses Abends auch nur Mr. Griffey anschließen: es war mir ein inneres Blumenpflücken.