Manchmal wird man als langjähriger Konzertgänger doch noch überrascht. So geschehen als Bear’s Den gestern mit Matthew & The Atlas und Christof mit Berliner Lido aufspielten.

Schon als der spätere Bear’s Den-Roadie Christof sein solides, folkiges Set abgeschlossen hatte, folgt nicht die Pausenmusik, die man angesichts des Abendprogramms erwartet hatte, sondern einigermaßen dumpfes Elektro. Soll wohl popkulturelle Offenheit signalisieren, wirkt aber zusammen mit dem am Boden sitzenden oder entspannt rumstehenden Publikum und der dauerdrehenden Discokugel ein wenig befremdlich.

Matthew & The Atlas

Besser, wenn auch nicht unbedingt passender, ist die Radiohead-Dauerschleife in der Pause 2, nachdem Matthew & The Atlas von der Bühne gegangen sind. Diese hatten einen erfrischend banjoarmen und genrebezogen recht innovativen Sound präsentiert (und sahen darüber hinaus zumindest bei einigem Bühnenabstand ziemlich nach Frank Turner und Matt Berninger [The National] Lookalikes aus).

Bear’s Den

Bear’s Den schließlich tragen souverän ihr EP-Material in die selbsternannte „Rock-Indie-Elektro-Pop Wohnzimmercouch“ Kreuzbergs. Nett anzuhören, nett abgestimmt. Auch das neue Material, das sich trotz einmaligem Bläsereinsatz (oho!) und etwas präsenterer Trommelei fast zu harmonisch ins Gesamtbild einfügt.

Bear’s Den

So wird es erst richtig spannend, als  bei „Agape“ – dem Hit! – nichts mehr klappt. Zumindest das Mikrofon des dritten Bandmitglieds an den Drums, das seinen für die Dreistimmigkeit des Refrains gebrauchten Gesang hätte einfangen sollen. Vormals erwähnter Christof schraubt nun mit aller Heftigkeit am ausgetauschten Mikrofonhalter, während das Publikum weiterfeiert und die andren beiden das Lied zu retten suchen. Das wird schließlich mit einer derartigen – oder derart gut gespielten – Gelassenheit quittiert, die für eine Band ohne einzigen Longplayer durchaus beeindruckt.

Bear’s Dens Bühnenperformance reicht von der großen Pose (schwerst verbissenes Gesicht beim Banjospielen bis zum ausbrüchigen Ausflug zur Bühnenfront  mit der E-Gitarre) bis zur halbironischen Distanzierung vom Rock’N’Roll: „Das ist unser letztes Lied und wir kommen auch ganz bestimmt nicht wieder“ heißt es vor der Zugabe.

Letztere beginnt mitten im Saal, wohin die Band durch einen Spalier des Publikums gekommen war. Jetzt kämpfen sie, nach mehrmaligen „Pscht!“-Chören des Publikums, nur noch mit ihren Stimmen und Instrumenten gegen den Elektromotor der Discokugel über ihnen. Ein Smartphonerausholmoment. Kann aber tatsächlich was.

Zu Ende geht das Konzert schließlich mit einem Cover. Eines, das ich nicht kenne. Es ist der 42 Millionen Youtube-Aufrufe-Hit „Hold On We’re Going Home“ von Drake, was dann nochmals überrascht. Die, deutlich bessere, Version von Bear’s Den hängt bei rund 24.000 und wurde aufgenommen in Berlin.

Die Stadt hatten Bear’s Den noch beim Konzert in den Himmel gelobt – die ungefähr plumpeste Variante, das Publikum zu pleasen. Geklappt hat’s trotzdem, der Jubel war gewohnt euphorisch. So ein Konzertabend kann schon überraschen, manchmal. Andere Dinge werden sich nie verändern.