Von Tanita Sauf

‚It’s a Hollywood Summer‘ – stilvolle Coolness mit The National in Köln

Erst wenige Tage liegt es zurück, dass The National das Mannheimer Maifeld Derby mit einem fulminanten Set am Sonntagabend beschließen – Tage später noch hallt es in meinem Kopf nach: I won’t fuck us over, I’m Mr. November. Die geballten Eindrücke des Abends lassen mich einfach nicht los und meine Musikauswahl beschränkt sich in jenen Tagen auf exakt eine Band.

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St. Vincent – Alle Bilder: Steffen Neumeister

Zum Glück musste ich nur gerade einmal 10 Tage ausharren, während The National einmal quer durch Deutschland getourt sind und sich zum vorübergehenden Tourabschluss ihrer Europatournee 2014 im Kölner Tanzbrunnen einfinden. Ein angenehm lauer Sommerabend direkt am Rhein in absolut entspannter Atmosphäre, Vorfreude pur. Bereits beim Support-Act St. Vincent, die The National bereits seit einiger Zeit begleiten, zeichnet sich ab, dass es dem gesamten Publikum ähnlich zu gehen scheint.

Zwischen den für meine Wenigkeit sehr gleichförmigen, überproduzierten und zudem mit krampfhaft inszenierter Choreographie und übertriebener Show aufbereiteten Stücken ertönt erstaunlicherweise begeistert Beifall. Vielleicht fehlt mir aber auch nur das nötige Testosteron, um von einem elfenhaften Mädchen mit E-Gitarre in knappem Möchtegern-Designerkleidchen über die Maßen beeindruckt zu sein. Es lebe der Zynismus! Das Publikum in seiner Gesamtheit hingegen zeigte sich lautstark begeistert und ich wartete einfach darauf, dass diese ‚Performance‘ endlich ein Ende nehmen würde.

Als kurz nach 20 Uhr The National die Bühne betreten ist es noch taghell und recht warm, weshalb Frontmann Matt Berninger, stilbewusst in Anzug, passender Weste und neonpink-türkisen Strümpfen gekleidet, sich nach wenigen Momenten unter begeisterten Pfiffen seines Jacketts entledigt. Ein kurzes Schmunzeln, wenige wohlgewählte Worte der Begrüßung und der Abend wird mit ‚Start A War‘ eröffnet.

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Matt Berninger, The National

The National tragen das Publikum fast 2 Stunden lang mit einer einzigartigen Souveränität einmal quer durch ihr Gesamtwerk: neben vielen Stücken des 2013er Albums ‚Trouble Will Find Me‘, wie das herausragende ‚I Should Live In Salt‘, ‚Graceless‘ oder ‚Pink Rabbits‘ finden sich wohlbekannte Stücke der beiden direkten Vorgänger ‚High Violet‘ und ‚Boxer‘. Nicht nur einmal geht ein Raunen durch die Reihen, als das allen vertraute Intro von ‚Bloodbuzz Ohio‘ ertönt und sich kollektiv Gänsehaut verbreitet. Das großartige Songwriting, das der Menschheit Zeilen wie I never thought about love, when I thought about home schenkte, wird live mit einer Intensität zum Leben erweckt, wie man sie selten miterleben darf: Sänger Berninger lässt seinen markanten Bariton in allen Facetten erklingen, sowohl zart und gefühlvoll stets mit geschlossenen Augen, als auch wie ein Besessener von Bühnenrand zu Bühnenrand wandernd, wild gestikulierend und seine musikalischen Mitstreiter und sich selbst lautstark antreibend. Das Weinglas als Markenzeichen muss während der Performance dranglauben und liegt zerschmettert auf der Bühne, der Verstärker wird umgekippt und die Schnapsflasche inklusive Cooler fliegen am Ende quer über die Bühne.

Der Abend bietet zu viele Höhepunkte, um sich auch nur ansatzweise festlegen zu können oder zu wollen, dennoch ist es insgesamt wohl der meisterlich ausgeführte Kontrast zwischen Stücken wie ‚I Need My Girl‘ und ‚England‘ auf der einen Seite und ‚Mr. November‘ (inklusive des obligatorischen Rundgangs durch das Publikum) und ‚Squalor Victoria‘, das in bewährter Tradition Stimme und Mikrofon gleichermaßen strapaziert, andererseits, die The National so besonders machen. Und selbstverständlich die Attitüde der gesamten Band, deren bedingungslose Hingabe und Leidenschaft der Musik und dem Publikum gegenüber beeindrucken – versinnbildlicht durch Matt Berninger, dessen Darbietung einfach nur fasziniert, sofern man es schafft sich darauf einzulassen.

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Bryan Devendorf, The National

Triumphaler Abschluss mit dem grandiosen ‚Terrible Love‘ und ‚Vanderlyle Crybaby Geeks‘ als Akustikversion am Bühnenrand, mit dem Publikum in Einklang singend: I’ll explain everything to the geeks. And they did. Meine kleine Welt ist nach diesem besonderen Auftritt ein ganzes Stück besser.

Um es kurz zu machen: zahlreiche gescheiterte Versuche diesen Abend adäquat zu lobpreisen liegen hinter mir und noch ist mir kein Superlativ der Superlative eingefallen, der diesem Abend mit The National gerecht wird. Es war einfach nur fantastisch. So herausragend, dass man es kaum glauben möchte, die Tage bis zum nächsten The National-Konzert bereits zählt und sich zudem wünscht, dass sich viele der lustlosen pseudo-prätentiösen Bands die bereits ein ähnlich beachtliches Gesamtwerk aufzuweisen haben, einfach mal ein Beispiel an The National nehmen würden.

So viel Stil, regelrecht unverschämte Coolness und zugleich Begeisterung und Leichtigkeit im Vortrag sieht man leider viel zu selten. Es ist nicht vermessen zu sagen, dass die Herren Dessner und Devendorf angeführt von der personifizierten Manifestation von ‚Genie & Wahnsinn‘ zugleich, Mr. Matt Berninger, sich stärker denn je präsentieren und sofern das Universum ihnen auch nur ansatzweise so wohlgesonnen ist, wie dem Kölner Publikum an jenem besonderen Abend, sie uns noch lange in solch ungeahnte musikalische Höhen entführen werden.