In drei Teilen erzählt Tanita von ihrem Southside Festival 2014. Im ersten Akt resümiert sie die Highlights des ersten Musiktags.

Freitagmorgen bei der Anreise kurz noch der Gedanke ‚Warum mache ich das eigentlich? Bin ich nicht langsam zu alt für solchen Quatsch?‘. Die Rückbesinnung an das Vorjahr liefert zunächst Bilder von Müllbergen Freitagmittags, die eher nach Post-Festival-Dienstag aussehen, als nach dem eigentlichen Beginn des Programms. Scheinbar endlose (und in Realität tatsächlich extrem strapaziöse) Wanderungen durch Flunky-Ball-Spielfelder, inkompetente Ordner, die keinerlei Hilfestellung bezüglich der nächsten Bändchenausgabe oder des allseits beliebten Müllfpfands geben können. Kurz gesagt: my favourite worst nightmare – und ja, das Set der Arctic Monkeys am Sonntagabend alleine, war die ganze Anstrengung Wert.

Mittlerweile schon einigermaßen Southside-erprobt, werden die üblichen Gefahrenstellen (Campingplätze mit nunja, sagen wir mal begeisterten Festivalgängern) großläufig umschifft und um dem grundsätzlichen Problem ‚Entschuldigung, ich bin tatsächlich der Musik wegen hier‘ Rechnung zu tragen, hatte ich abgesehen von den üblichen lebenswichtigen Dingen auch eine extrem große Ladung an Ignoranz eingepackt. Sicher ist sicher.

Im Folgenden nun meine ganz subjektiven High- und Lowlights des Wochenendes rein musikalischer Natur – wer auf der Suche nach dem Textäquivalent zu ‚Stimmungsbildern‘ von halbnackten Menschen, Zeltplatz-Spielen oder Ähnlichem ist, der ist hier ‚leider‘ falsch.

Ganz entspannt geht es los mit der belgischen Band Balthazar, die zuletzt im Herbst als Vorgruppe von Editors u.a. durch Deutschland getourt waren. Dementsprechend viele Menschen hatten sich im Zelt der Red Stage versammelt und obwohl Balthazar leider nur gerade einmal 30 Minuten spielen durften, erhielten ihre bereits etablierten Stücke des 2010er Albums „Applause“, „Fifteen Floors“ und „Blood Like Wine“, sowie das neuere „Leipzig“ und „Sinking Ship“ ihres zweiten Albums „Rats“ allesamt überraschend viel Zuspruch. Way to go, Balthazar.

Leider mit fast 15 Minuten Verspätung startete das Set von The 1975, in der für die seit letztem Sommer pausenlos gehypten Formation aus Manchester, viel zu klein gewählten White Stage – nicht nur der ärgerliche Zeitverzug, der unweigerlich zur Kürzung des Sets führen musste und meinen Plan noch kurz bei White Lies vorbeizuschauen torpedierte, sondern auch der wiederholt miserable Sound im Zelt der White Stage hätten genug Anlass gegeben verärgert das Weite zu suchen.
Dennoch schafften es The 1975 wieder einmal mich mit ihrer durchgestylten Inszenierung in Schwarz und grellem weißen Licht um den Finger zu wickeln. Frontmann Matthew Healy, der haareschwingend und zuckend über die Bühne fegte, lieferte mit Hilfe seiner Jungs den vielen Menschen, die sich vor der Bühne eingefunden hatten, mit Songs wie „Talk“, „The City“, natürlich „Chocolate“ und dem finalen Song des Sets „Sex“ das perfekte sommerliche Festivalfeeling.

Franz Ferdinand hatten mich auf ihrer Tour im März sehr enttäuscht. Statt „Class Of 2005“-Revival-Feeling, ein Album, das nach einmaligem Hören schnell in Vergessenheit geriet und sich live in einer maßlos überproduzierten, seelenlosen Show in lächerlicher Kostümierung niederschlug. Trotz eines mit Hits gespickten Sets leider einer der bisherigen Tiefpunkte des Jahres.
Aufgrund dessen etwas abgeneigt, standen Franz Ferdinand nicht ganz oben auf meiner Liste und ich lenkte stattdessen meine Aufmerksamkeit für ein paar Songs auf Passenger, der zwar wirklich ein sehr sympathischer Typ zu sein scheint und mir mit „I Hate“ trotz Fußball-Stadion-tauglichem Mitgröhl-Chorus ziemlich aus der Seele spricht, aber in meinen Augen dem ganzen „Let Her Go“-Hype künstlerisch nicht gewachsen ist.
Deshalb doch kurz zu den Herren um Alex Kapranos, deren standardisierte Hit-Parade unter freiem Himmel und mit deutlich weniger krampfhaften Scheren-Sprüngen, diese Mal bei mir um einiges besser ankommt. Und natürlich funktioniert das Set auf einem Festival, wer kann schon bei Songs wie „No You Girls“, „Do You Want To“, „Ulysses“ und selbstverständlich „Take Me Out“ stillstehen?

Als klassischer Angehöriger der Reisegruppe ‚Ich will nicht nach Berlin‘, war der Auftritt von The Black Keys, der einzige Auftritt abseits der Hauptstadt und des Hurricane Festivals, ein absoluter Pflichttermin in der Festivalagenda des Wochenendes. 75 Minuten feinster Blues-Rock, der wie eine Armada von Dampfwalzen über das Gelände rollt, ausgehend von den beiden Speerspitzen der Coolness Dan Auerbach und Patrick Carney.
Wenige Worte an das Publikum, Dresscode Lederjacke und eine relativ statische Bühnenshow, die die Vehemenz der Musik nur noch mehr zur Geltung bringt. Besonders Songs von „El Camino“, wie Opener „Dead and Gone“, „Gold on the Ceiling“ und selbstverständlich „Lonely Boy“ sorgten für regelrecht ekstatische Zustände vor der Green Stage. Neuere Songs wie „Turn Blue“ und „Fever“ des aktuellen Albums integrierten sich sehr gut in das Set und neben „Klassikern“ wie „Howlin‘ for You“ hätte mir persönlich nur noch „Everlasting Light“ zur absoluten Perfektion gefehlt. Großartiger Abschluss mit „Little Black Submarines“.
Es bleibt nur inständig zu hoffen, dass vielleicht im nächsten Jahr noch ein weiterer Termin in Deutschland in Planung ist.

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