Liebes Highfield, wir müssen reden. Jahrelang warst du ein gut besuchtes Festival in der thüringischen Provinz. Bands wurden bei dir groß, der See tat sein Übriges. Dann kam der Umzug nach Großpösna ins Leipziger Neuseenland. Auch die Foo Fighters konnten dich anno 2011 nicht so wirklich vom Graue-Maus-Image befreien – die 25.000 Besucher aus Hohenfeldener Zeiten hast du nie wieder erreicht. Du warst der VfL Wolfsburg der Festivals. Immer irgendwie ganz gut dabei, aber stiefmütterlich behandelt und nie wirklich geliebt. Warum eigentlich? Denn spätestens in diesem Jahr hast du bewiesen, was du kannst. Zeit also, das biedere Bild ein für alle mal zu revidieren.

>>Highfield 2014 im Forum

Donnerstag, 12 Uhr. Teil 1 der Festivalisten-Reisegruppe, bestehend aus Lisa und mir, trudelt in Leipzig ein um die ersten Freunde einzusammeln. Der Himmel ist bewölkt, doch unmittelbar nach Abfahrt in Richtung Störmthaler See prasseln die ersten Regentropen auf die Frontscheibe. Typisches Highfield-Wetter sieht – insbesondere nach den Hitzeschlachten der letzten vier Jahre – doch irgendwie anders aus. Doch das trübt die Vorfreude nicht im Geringsten. Denn bei ein paar wenigen Regentropfen soll es bleiben. Bei Ankunft in Großpösna ist der Parkplatz schon gut gefüllt, die Schlangen vor dem Bändchenzelt werden immer länger. Die ersten Biere und Spirituosen fließen die ausgtrockneten Kehlen der frühanreisenden Festivalisten hinunter.

Highfield 2014 Impressionen ; Foto: Sven Morgenstern
Highfield 2014 Impressionen ; Foto: Sven Morgenstern

Der Rest des Donnerstags ist schnell erzählt. Nachdem der erste Schock, dass die Zentralverriegelung meines Autos eventuell einem eingeklemmten Gurt zum Opfer gefallen sein könnte, überwunden war, treffen wir uns noch mit Festivalisten-Guru Thomas. Der Verlauf des Abends ist typisch für einen Anreisetag. Man feiert sich, das Festival und das Leben. Und lässt den lieben Gott einen guten Mann sein.

Genug des belanglosen Vorgeplänkels. Wir blicken zurück auf die Tage Freitag bis Sonntag des Highfield Festivals 2014.

Das Wetter

Highfield 2014 Impressionen ; Foto: Sven Morgenstern
Highfield 2014 Impressionen ; Foto: Sven Morgenstern

Ja, was soll’s denn? Irgendwie müssen wir ja doch drüber reden. Erfahrene Großpösnaer Highfield-Veteranen wissen, dass es eigentlich immer sommerlich-warm wird wenn das Highfield zum Tanz bittet. Nicht so in diesem Jahr. Zwar waren knapp 25°C zum Baden gerade so ausreichend – den Ansturm der letzten Jahre musste der Störmthaler See allerdings nicht über sich ergehen lassen. Das kühle Nass kam schon eher von oben – wenn auch in überschaubaren Mengen. Am Freitag Abend während Placebo und Queens Of The Stone Age nieselte es ausdauernd, aber nicht sonderlich stark vor sich hin. Während Arkells am Samstag öffnete dann der Himmel über der Halbinsel aber seine gewaltigen Schleusen. Innerhalb weniger Minuten sammelte sich das Wasser auf dem Festivalgelände in doch recht großen Pfützen, Besucher flüchteten weg von den Bühnen, hin zu überdachten Bier- und Merchständen. Diese wiederum wird es gefreut haben – auch wenn der Regenguss nur von kurzer Dauer war. Ansonsten gab es bestes Festival-(T-Shirt-)Wetter, auch wenn nachts die ein oder andere Lage an Kleidung mehr nötig war.

Das war die schönste Zeit

Bosse beim Highfield Festival 2014, Foto: Thomas Peter
Bosse beim Highfield Festival 2014, Foto: Thomas Peter

…die schönste Zeit! Ach, Aki Bosse. Weißt du, wenn du dir dieses lästige „Und kann ich nochmal bitte die Hände sehen?“ mal sparen könntest, dann blieben deine Konzerte in noch positiverer Erinnerung als sie es ohnehin schon tun. Denn deine Konzerte haben dieses gewisse Etwas. Dieses Besondere. Deine Auftritte leben von diesen Momenten, die so schön sind, dass man mit ihnen ganz viele kleine Mini-Momente zeugen will, die mindestens genauso schön sind.* Lass doch diese grenzdebilen zdffernsehgarten-esken Klatschanimationen einfach weg. Das hast du nicht nötig. Greif doch stattdessen lieber mal wieder selber zur Gitarre.

*geklaut bei Scrubs.

Schockmoment

Pascow beim Highfield 2014, Foto: Thomas Peter
Pascow beim Highfield 2014, Foto: Thomas Peter

Mein Gott, sind die alt! So ungefähr waren meine Gedanken als Pascow die Bühne betraten. Zugegeben, wahrscheinlich bin ich meinem journalistischen Auftrag im Vorfeld des Festivals einfach nicht ausreichend gründlich nachgekommen. Andernfalls wäre mir vielleicht bewusst gewesen, dass 14 Jahre Bandgeschichte nicht gerade spurlos an Musikern vorbeigeht. Nichtsdestotrotz sind Pascow eines der Highlights des Festivals. Von deren Spielfreude, Bühnenpräsenz und energiegeladenem Auftreten können sich einige ihrer jüngeren Kollegen noch eine ganz große Scheibe abschneiden.

Headliner

Irgendwie befremdlich. Da meckert das Highfield-Publikum jahrelang über fehlende Headliner. Darüber, dass Placebo öfter beim Highfield spielen als es Daft-Punk-Tour-Gerüchte gibt. Darüber, dass schon wieder nicht Rammstein, Muse und Rage Against The Machine gebucht worden sind. Und dann stellt FKP Scorpio kurzer Hand viereinhalb Headliner auf die Bühne. Denn neben den Beatsteaks, Blink-182, Placebo und den Queens Of The Stone Age war da auch noch dieser Macklemore und sein Busenkumpel Ryan Lewis. Warum diese beiden Flitzpiepen immer noch Headliner-Slots spielen dürfen, ist ungefähr genauso fraglich, wann – und ob – es endlich ein neues Tool-Album gibt. Macklemore scheint die Bühne mehr als Free-Spech-Corner zu verstehen denn als Ort des künstlerischen Ausdrucks. Viel Gerede um so wenig Wesentliches. Man könnte meinen Mr. Haggerty strebe für den – nicht gerade unwahrscheinlichen – Fall, seine musikalische Karriere geriete ins Stocken, eine Laufbahn in der Politik an. Viel Reden, wenig handeln, einfach aussitzen. Mit dieser Strategie schafft man es ja immerhin auch zur deutschen Bundeskanzlerin.

Die übrigen Headliner können aber durchaus überzeugen. Blink-182 sind ja so für zwischendurch mal ganz nett. Aber mir für vier bis fünf Hits eineinhalb Stunden unbekanntes Zeug anzuhören geht dann doch zu weit. Zumindest aber klang der Ausschnitt, den ich mir ansah, weit weniger krächzend und unzumutbar als das noch 2010 der Fall war. Ähnliches Szenario bei Placebo, die 2010 am Störmthaler See wohl eine ihrer dunkelsten Stunden erlebt haben dürften. Die paar Minuten, die ich beurteilen kann, waren durchaus solide. Für Fans der Band war das sicher das Highlight das Jahres wie das Schützenfest für frustrierte Mittvierziger in der sauerländischen Provinz.

Für die Auftritte der Beatsteaks und der Queens Of The Stone Age genügen drei Worte: solide wie immer. Was sich anhört wie ein redaktionsinterner Running Gag, der Schreibblockaden und Lustlosigkeit kaschieren soll (als bräuchten wir sowas, pah!), ist nichts anderes als die nackte Wahrheit. QOTSA präsentieren sich genauso cool wie auch schon auf dem letztjährigen Hurricane Festival, daher bekommt man hier schon eine Art Standardkost geboten. Anders verhält es sich bei den Beatsteaks. Immerhin ist der Gig auf dem Highfield Festival einer der ersten nach dem Release des selbstbetitelten siebten Studio-Albums. Auch die Songs des neuesten Werks entfalten live noch einmal eine andere Energie als aus der Konserve. Inhaber von Tickets für die anstehende Club- und Hallentour dürfen sich auf jeden Fall auf ein Spektakel freuen.

Newcomer

Highfield 2014 Impressionen ; Foto: Sven Morgenstern
Highfield 2014 Impressionen ; Foto: Sven Morgenstern

Royal Blood. Royal. Fucking. Blood. Wen haben wir da gesehen? Die neuen White Stripes? Die würdigen Nachfolger der mittlerweile verweichlichten Black Keys? Fest steht: Was Royal Blood aus Bass und Drums herausholen, kann sich absolut hören lassen. Ein Sound, der so versaut, dreckig und verrucht klingt, dass sich irgendwo in Kalifornien Sasha Grey einen Sex On The Beach kredenzen lässt und süffisant-anerkennend lächelt.

Soooo still…

…geht es bei Jupiter-Jones-Konzerten erfahrungsgemäß nicht zu – auch nicht auf dem Highfield Festival 2014. Dennoch war es anders als die letzen Male, die die Jupiters hier gastierten. Denn Anfang des Jahres stieg Gründungsmitglied und Frontmann Nicholas Müller aus der Band aus und wurde durch Sven Lauer ersetzt. Dieser scheint sich überraschend schnell in seine neue Rolle als Rockstar eingearbeitet zu haben, flitzt wie das Duracell-Häschen über die Bühne. Auch stimmlich passt der Neue hervorragend in den Jupiter-Jones-Sound. Und dennoch: Irgendwie fehlt etwas ohne das kleine sympathische Pummelchen, das Geschichten aus dem Leben erzählt. We miss you, Nicholas!

Rie-sen-rad! Rie-sen-rad!

Highfield 2014 Impressionen ; Foto: Sven Morgenstern
Highfield 2014 Impressionen ; Foto: Sven Morgenstern

Die beste Neuerung seit ungefähr immer. Seit FKP Scorpio 2013 auf dem Hurricane damit begann, seine Festivals mit Riesenrädern auszustatten, darf man durchaus berechtigterweise die Frage aufwerfen, warum in Gottes Namen da niemand früher drauf gekommen ist. Was seit Jahrzenten die Leute auf Weichnachtsmärkten und Kirmessen vom Hocker haut muss doch auf Festivals funktionieren. Tut es auch. Der Blick über die Menschenmassen ist insbesondere bei Headlinern beeindruckend. Fraglich ist, ob Dave Grohl das Riesenrad als Aussichtsplattform eher akzeptiert als seinerzeit den fucking Jägermeister crane. Sollte man mal in Erfahrung bringen. Denn mal ehrlich: Highfield Festival – Das Original mit dem Riesenrad. Approved by Dave Grohl since 2014. Kann man eine Corporate Identity besser stärken?

Das Gelände

Hallelujah! Heureka! Habemus Einsicht! Warum es geschlagene vier Jahre gedauert hat bis man das größte Manko des Highfield-Geländes ausgemerzt hat, weiß wahrscheinlich nicht mal FKP Scorpio selbst. Endlich hat man es geschafft, das Bändchenzelt auf den Parkplatz zu stellen. Wo sich früher alle 25.000 Besucher durch ein enges Nadelöhr quetschen mussten, wurde die Situation in diesem Jahr deutlich entschärft und Wartezeiten verkürzt. Daumen hoch dafür.

Highfield 2014 Impressionen ; Foto: Sven Morgenstern
Highfield 2014 Impressionen ; Foto: Sven Morgenstern

Die zweite große Neuerung ist zweifelsohne die Erschließung der – mit Blick auf das Ende der Halbinsel – linksseitigen Straßenseite. Warum man auf der kleineren Blue Stage nun die zugkräftigeren Beatsteaks (im Vergleich zu Macklemore & Ryan Lewis) und Placebo (verglichen mit Queens Of The Stone Age) spielen ließ, weiß wieder mal nur der viel zitierte Geier. Sei’s drum. Das Gelände wirkt durch die Erweiterung aufgeräumter, die Neuordnung durchaus durchdacht.

Und sonst so?

Man kennt das ja. Das ganze Wochenende zeigen sich die Securitys von ihrer vorbildlichsten Seite. Und dann kommt so ein dickeiriger uninformierter Sonnenbank-Flavor-Proll daher und nimmt einem den Tetrapack-Wein ab, weil angeblich nur unalkoholische Getränke erlaubt seien. Und schon wandert ein guter Euro in Form eines wohlschmeckenden Tropfens Traubenerzeugnis in die bereitgestellte Mülltonne. Denn die Band, die man eigentlich sehen will, spielt ja schon. Was ansonsten ein großes Ärgernis ist, weil dem Besucher kommunizierte Regeln nicht umgesetzt werden, funktionierte auf dem Highfield in diesem Jahr dem Vernehmen nach ganz gut. Besonders erfreulich: Erstmals durfte man eigene Getränke (auch Bierdosen!) mit an den Strand nehmen. Bleibt zu hoffen, dass es sich hierbei um eine valide Information und nicht um ahnungslose Securitys handelte.

Was sich sonst noch auf den Bühnen abspielte? Turbostaat bieten solide Standardkost – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Vielleicht täte den Jungs mal eine Pause ganz gut. Denn knapp 100 Konzerte mit dem letzten Album „Stadt der Angst“ im Gepäck gehen dann noch nicht ganz spurlos vorüber. Gefühlt haben sie mittlerweile – wie einst der Kaiser höchstpersönlich – in einem Jahr 15 Monate durchgespielt. Pause, Album und in altbewährter Form zurück auf die Bühne. Bitte. Danke.

Ein Auge sollte man künftig auf jeden Fall auf die Münchener von Marathonmann haben.

Highfield 2014 Impressionen ; Foto: Sven Morgenstern
Highfield 2014 Impressionen ; Foto: Sven Morgenstern

Was Wikipedia so klar und deutlich als „Post-Hardcore“ bezeichnet, bedarf eigentlich keiner scheuklappenartigen Genrezuordnung. Marathonmann bieten Musik mit Herz, Musik fürs Tanzbein. Eine Band, die es mittelfristig wohl noch öfter auf kleinen und mittelgroßen Festivals zu sehen geben wird – und die es irgendwann auch auf die ganz große Bühne schaffen kann. Eine Band vor allem, der aufgrund ihres sympathischen Auftretens auch genau das zu gönnen ist.

Der Festivalisten-Nuschler in Gold geht in diesem Jahr zweifelsohne an Matty Chipchase. Der Frontmann von Young Rebel Set wickelt das Publikum mit seinen unverständlich dahingeschwurbelten Ansagen locker-flockig um den Finger und bereichert die Auftritte der britischen Folk-Band um eine, nunja, etwas ungewöhnliche Komponente. Niemand – wirklich niemand – nuschelt schöner als Matty Chipchase. Nicht einmal Brad Pitt in seiner Rolle als „One Punch“ Mickey O’Neil im Filmklassiker „Snatch – Schweine und Diamanten“.

Fazit?

Highfield, was warst du schön! Du warst verdammt sexy in diesem Jahr, Highfield. Ich lehne mich nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich behaupte, dass 2014 das mit Abstand beste Highfield Festival aller Zeiten am Störmthaler See gesehen hat. Das war über weite Strecken großes Kino. Lineup, Gelände, Strand, Menschen, Security…die Liste der positiven Punkte ließe sich fortsetzen. Highfield, es wird Zeit, dein biederes Image abzulegen. Wir sehen uns 2015 zu meinem dann siebten Highfield. Ich mag dich.

 

Wie habt ihr das Highfield 2014 erlebt? Erzählt’s uns in den Kommentaren, auf Facebook oder (am besten) im Forum.

7 KOMMENTARE

  1. Unter, sagen wir mal denkwürdigen Ereignissen, muss man auch die Arschkanone des MC Motherfucker abspeichen!

  2. Hallo Olli, ich gehe voll und ganz mit. Endlich nach der langen Durststrecke wieder ein Highfield, wie ich es noch in Hohenfelden kennengelernt habe. Hoffen wir, dass es mindestens so bleibt. Aber eine Sache frage ich mich nach wie vor – wer hat sich dieses Riesen-Stier-Blowjob-Fisch-Teil ausgedacht…?! ;)

  3. Danke für den netten Bericht. Aber: es gab 6 Headliner. Ich weiss nicht, warum man FETTES BROT so wegignorieren muss?? Sie waren offiziell einer der HEadliner und haben einen grossartigen Auftritt hingelegt. Da warst du wohl bei Blink Dingsbums… schrecklich.

    • Keine Sorge. Teile der Redaktion haben Fettes Brot durchaus gefeiert.
      Aber ein Review bei uns ist halt immer eine persönliche Sache – und ich versteh schon dass Sven nicht überall sein konnte.

      • Klar. Aber im Artikel sind explizit alle Headliner aufgeführt – bis auf Fettes Brot…. das ist schon schal

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