Gestern war der Tag tatsächlich gekommen – Marcus Wiebusch präsentierte die Vollversion seines per Crowdfunding finanzierten Kurzfilms zu Der Tag wird kommen.

Knapp 24 Stunden nach dem Release verzeichnet der 7+2minütige Clip bereits 63000 Views. Nur 14 davon haben sich als ewig gestrige geoutet und das Video negativ bewertet.
Ich empfehle jedem sich sieben Minuten Zeit zu nehmen und Wiebuschs durchdachte Worte in Kombination mit den intensiven Bildern wirken zu lassen.

Der Film zeichnet die Karriere eines homosexuellen Fussballers nach, der es mit seinen herausragenden Fähigkeiten schliesslich sogar in die Bundesliga schafft. Dort allerdings scheitert er mit seinen Leben im goldenen Käfig. Bloss nicht auffallen und die Maske verlieren ist die oberste, wenig leistungsfördernde Maxime. Durch die permanente Unterdrückung seiner eigentlichen Persönlichkeit mutiert der fairen Spieler zum Treter mit existentiellen Depressionen. Er erwägt all dem ein Ende zu machen und sich als homosexuell zu outen, schweigt dann aber doch, weil er es nicht schafft mit den Konsequenzen zu arrangieren.
Den Zuschauer lässt das gesehene leicht ratlos und traurig zurück. So als hätte man selbst eine gute Chance verpasst. Gleichzeitig aber erkennt man das Dilemma, versteht warum die Hürde Outing für einen aktiven Profifussballer noch zu hoch ist, um sie schadlos zu nehmen.

Mit Thomas Hitzelsberger hatte ein erster prominenter Fussballer tatsächlich Anfang des Jahres sein Coming Out. Sein Verdienst: Er brachte das Tabu-Thema Homosexualität im Fussball in die Medien, sorgte zeitweise für eine Diskussion darüber in der breiten Bevölkerung. Es schien kurzfristig sogar ein Hauch von Normalität Einzug halten zu können.
Kleiner Schönheitsfehler: Ähnlich wie der von Marcus Wiebusch besungene Charaktär schwieg Hitzelsberger aus Angst vor Repression und Ablehnung während seiner Karriere. Erst vier Monate nach deren Ende ging er an die Öffentlichkeit.
Letztlich bleibt die Erkenntnis: Hitzelsberger war ein erstes, wichtiges Signal. Um etwas zu ändern braucht es aber mehr als einen prominenten ehemaligen Fussballer, der sich zu seiner Homosexualität bekennt. Er selbst äusserte sich vor ein paar Tagen darüber wie folgt: „Wichtiger ist, was in der Breite in den kleineren Vereinen passiert.“