Zugegeben, so wirklich unvoreingenommen geht man auch als vermeintlich objektiv berichtender Pressemensch nicht zu einem Konzert. Man überlegt sich schon vorher, was für ein Einstieg für den folgenden Bericht geeignet wäre. Und was läge an diesem Tag näher als eine Verbindung zwischen Halloween und dem Konzert herzustellen? Kurzum: Nach dem mäßigen Konzert vor zwei Jahren an gleicher Stelle und den völlig uninspirierten Festivalauftritten bei Hurricane und Highfield erwartete ich nichts anderes als eine völlig gruselige Veranstaltung in der Berliner C-Halle, überlege gar kurz The Gaslight Anthem sausen zu lassen und im benachbarten C-Club Daniele Negroni einen Besuch abszustatten um unsere Reihe „Konzerte, die die Welt nicht braucht“  (Teil 1, Teil 2) fortzusetzen. Doch nun krieche ich zu Kreuze und verwerfe meinen ersten Ansatz. Aber der Reihe nach.

Das mittlerweile fünfte Album von The Gaslight Anthem trägt den Namen „Get Hurt“. Zum Auftakt der anhängigen Tour gastierten die Jungs aus New Brunswick in Düsseldorf – Berlin ist die zweite Station der Tour, die allein in Deutschland sieben Daten umfasst. Als Support fungieren in diesem Jahr das Duo aus Bayside und Deer Tick.

Den Abend eröffnen dürfen Bayside. Eine ausgezeichnete Wahl, denn ihre Mixtur aus lauten Gitarren und treibenden Beats heizt der nahezu ausverkauften C-Halle schon anständig ein. Und auch wenn nur vereinzelte Arme in der Luft von Kenntnis des ersten Support Acts zeugen, der Applaus für Bayside fällt wesentlich umfangreicher aus als das obligatorisch-respektvolle Klatschen, das sonst für Vorbands zu hören ist.

Was man sich allerdings bei der Platzierung von Deer Tick gedacht hat, bleibt wohl das Geheimnis eines realitätsfernen Bookingagenten. Denn Deer Ticks Americana-Folk wirkt live nur unwesentlich spannender als aus der Konserve und sorgt so in erster Linie für gute Umsätze an den Bierständen sowie aufmerksames Getuschel ob ihrer Halloween-inspirierten Outfits.

„Halloween“ ist auch das Stichwort für The Gaslight Anthem, die pünktlich um 22 Uhr die Bühne betreten. Denn nicht nur deren Roadies, die den Umbau managen, sondern auch die Band selbst erscheint an diesem Abend in Skelett-Optik und passendem Makeup auf der Bühne. Das sollte dann aber auch schon das Gruseligste an diesem Abend gewesen sein.

Schon zu Beginn legen The Gaslight Anthem ein flottes Tempo vor. Mit „45“ und „The ’59 Sound“ geht es sofort in die Vollen, der Lärm im Fotograben ist dank vergessener Ohrstöpsel in etwa so erträglich wie ein Frida-Gold-Konzert. Nicht etwa die PA, sondern das Publikum, das Brian Fallon jede einzelne Zeile inbrünstig entgegenschleudert wie ein religiöser Fanatiker einem Ungläubigen die Bibel-(/Koran-/Torah-)Verse, sorgt für einen Lärmpegel wie zuletzt wahrscheinlich bei der Auflösung von Take That im Jahre 1996.

Die Setlist ist so gut gemischt wie eine Pina Colada nach fünf Minuten im Standmixer, berücksichtigt – natürlich – vor allem Songs vom Album „Get Hurt“, gibt aber auch den beiden Überalben „The ’59 Sound“ und „Sink or Swim“ ausreichend Zeit. Zwei Stunden lang reiht sich nahezu nahtlos Hit an Hit. Frontmann und Quasi-Alleinunterhalter Brian Fallon leitet gut gelaunt durch den Abend und zeigt sich für jeden Spaß zu haben. Zwischen den alten Hits wie „Handwritten“, „Even Cowgirls Get The Blues“ und „We Came To Dance“ fügen sich die Songs des neuen Albums ein wie ein Schlüssel in ein gut geöltes Schloss. Neben schnellen und harten Punknummern wie „We’re Getting A Divorce, You Keep The Diner“ kann eine „Akustik“-Version vom Klassiker „Gret Expectations“ erst seine komplette Wirkung entfalten.

Und vielleicht ist genau das das Erfolgsrezept von The Gaslight Anthem. Sie beherrschen wie vielleicht keine zweite Band die Wanderung auf dem schmalen Grat zwischen der aufstrebenden Punkband und dem Stadionrock, zwischen Vollbart- und Holzfällerhemden-Romantik und dem Anspruch vielleicht irgendwann als die legitimen Erben Bruce Springsteens in die Annalen der Musikgeschichte einzugehen. Und weil The Gaslight Anthem diese Gratwanderung im zehnten Jahr ihres Bestehens noch immer – oder gerade jetzt – so gut beherrschen, erlebt man dieser Tage die vielleicht besten The Gaslight Anthem aller Zeiten. Davon sollte man sich persönlich überzeugen.

 

 

The Gaslight Anthem Tourdaten 2014

01.11.2014 Hamburg, Sporthalle
05.11.2014 Saarbrücken, E-Werk
07.11.2014 München, Zenith
13.11.2014 Stuttgart, Porsche Arena
14.11.2014 Frankfurt, Jahrhunderthalle

2 KOMMENTARE

  1. Ich mag die Band und ich mag Punk Rock.
    Warum man aber in jedem Gaslight Anthem Bericht/ CD Rezension oder sonst was die Band mit Punkrock in Verbindung bringen will, wird für mich wohl auf Ewig ein Rätsel bleiben.

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