Wie vergleichsweise friedlich und diszipliniert es heutzutage auf Festivals in unseren Breiten zugeht, führt einem der Blick nach Neuseeland vor Augen. Alkoholinduzierte Aussschreitungen im „Braveheart-Stil“ beim dortigen BW Festival in Gisborne hatten an Silvester 83 Verletzte zur Folge. Sieben davon waren so schwer lädiert, dass sie zur Weiterbehandlung in Krankenhäuser eingeliefert werden mussten. 63 Festivalbesucher wurden vorläufig in Gewahrsam genommen.

Laut ersten Ermittlungen gab es eine Gruppe von „Brandstiftern“, die gezielt für Unruhen sorgten. Diese Tumulte griffen schnell auf den Campingplatz des 7000 Besucher Festivals über.
Anfänglich wurden Zäune eingerissen und die zwei rivalisierenden Lager attackierten sich mit Fäusten und Wurfobjekten, darunter Bierdosen und Zeltstangen. In weiteren Eskalationsstufen gingen Zelte in Flammen auf und Autos landeten auf ihrem Dach.

Mob-Mentalität greift auf Besucher über

Die Polizei hatte ihre liebe Mühe, dem überforderten Security-Personal unter die Arme zu greifen und die Situation nach drei Stunden unter Kontrolle zu bringen.
Laut Polizeisprecher Sam Aberahama sei es pures Glück gewesen, dass niemand ums Leben gekommen ist. Es seien internationale Ausschreitung gewesen, deren Katalysator Alkohol gewesen wäre. Offensichtlich sei der Aufruhr nicht von alleine entstanden. Vielmehr wären die Krawalle geplant und bewusst angezettelt worden. Bei Auseinandersetzungen zweiter Gruppen habe Aberahama sich an Szenen aus dem Film „Braveheart“ erinnert gefühlt. Die meisten Verletzungen gingen auf das Konto von unberechenbaren Wurfgeschossen.
Aberahama weiter: Zwar habe man auch schon in Vergangenheit beim BW Festival mit Störungen zu tun gehabt. Diese Dimension aber sei neu. Es habe sich schnell eine Mob-Mentalität innerhalb der Besuchergruppen entwickelt, die für Besucher, Polizei, Sanitäter und Security Personal gleichermassen gefährlich gewesen wäre.

Die im Netz aufgetauchten Videso scheinen die Vorfälle in erster Linie zu verharmlosen.
Prügelnde Horden sind auf ihnen jedenfalls nicht zu erkennen. Wohl aber verängstigte Besucher, die ihren Luftmatrazen als Schild gegen heranfliegende (Konserven)Dosen einsetzen.

Zukunft des BW Festivals offen

Der Camping Director des Festivals, Toby Burrows, kann sich noch nicht erklären, wie es zu den Ausschreitungen kommen konnte. Man habe eine Menge Zeit in die Sicherheitsplanungen investiert – besonders mit Blick auf den 31. Dezember. An den vorherigen vier Tagen hätten alle Massnahmen gut gegriffen, am letzten Tage aber leider nicht.
Nach 12 Ausgaben sieht Burrows die Zukunft des BW Festivals wegen nun auf der Kippe. Man müsse sich mit den beteiligten Parteien an einen Tisch setzen und die Situation besprechen. Solch ein Vorfall dürfe sich nicht wiederholen.
Der Bürgermeister der 33000 Einwohnerstadt Gisborne auf der Nordinsel Neuseelands sieht das lockerer – vielleicht auch eine Spur zu kapitalistisch. Er sieht nur den Wert der Besucher für die eigene Steuerkasse und findet: Bei rund 30000 Besuchern, die Gisborne wegen des Festivals verzeichnet, seien 63 Verhaftungen doch zu vernachlässigen.

Blick in die Vergangenheit

Auch wenn der durchschnittliche, mit später Geburt gesegnete, Festivalfreund hierzulande dieser Bilder vermutlich eher als befremdlich bewerten: Auch bei uns hat es solche ungezügelten Eskalationen gegeben. Nicht in den modernen Zeiten, in denen der Sicherheitsaspekt durch massive gesetzliche Regulierung im Mittelpunkt der Planungen der Veranstalter steht, sich zudem das Spektrum der Besucher gänzlich verändert hat. Der Weg führte fort von einem Publikum eher alternativer, stark links ausgerichteter Musikfreunde hin zum vergleichsweise jungen Event-Publikum und einem doch relativ straff durchorganisierten Erlebniswochenende ausserhalb der bürgerlichen Restriktionen.
Wer aber in den Neunziger Jahren auf den Bizarre-Festivals zugegen war, weiss, dass es dort mitunter zu ganz ähnlichen Szenen gekommen ist wie jüngst in Neuseeland.

Heute reduzieren sich diese gefährlichen Auswüchse von Open Air Festivals in unseren Breiten auf seltene Dixiebrände und friedlich-feiernden „Folgt dem Stuhl/Pavillion“-Kreuzzüge.
Eine positive Entwicklung, die die grundlegende Änderung der Besucherstruktur der letzten Jahrzehnte eigentlich erst ermöglichte.

 

Quelle: The NZ Herald

Quelle: Te Karere TVNZ