Das erste Rockavaria ist Geschichte, die nächste Ausgabe bereits angekündigt. Mit ein paar Tagen Abstand ist es an der Zeit über das vergangene Wochenende zu reflektieren. Es war nicht alles schlecht, wie es der Fokus auf die Mängel und Nicklichkeiten in diesem Artikel vermuten lässt. Aber hie und da wurde offenkundig, dass es den Organisatoren an Erfahrung in der Veranstaltung von Festivals und dem Umgang mit den Bedürfnissen der Besucher mangelt.

Rockavaria 2015, das war abgesehen vom Regenguss bei der Headlinershow von Muse am Freitag, perfektes Festivalwetter gepaart mit einem ziemlich hochwertigen (Hard)Rockprogramm.

Metallica in Topform lassen vergessen

Metallica zeigten am Sonntag als Abschlussact, dass sie keineswegs zum alten Eisen gehören oder in Deutschland überspielt sind. Sie lockten mit Abstand das meiste Publikum vor die Main Stage ins Olympiastadion und dürften durch ihr mitreissendes, euphorisierdendes Auftreten so manch aufgelaufenen negativen Eindruck ausradiert haben. Zu stark die Show, zu emotional dieser Abend in München als dass man mit negativen Gefühlen des Weg nach Hause antreten hätte wollen.
Vom Start weg waren wir im Bann der unglaublichen Spielfreude der Thrashmetaller gefangen. Faust nach oben stemmen? 90 Prozent machen mit. Sicher nicht die Regel. Rhythmisches Klatschen ohne aufgefordert worden zu sein? Kein Problem auch auf der (Ehren)Tribüne. Es war einfach ein extrem gelungener Abschluss eines nicht immer tadellosen Festivalfrischlings.

Soundmatsch unterm Stadiondach

Stichwort: Tribüne. Kein Platz, an dem man sich als eingefleischter Festivalist gerne festbeissen möchte. Die engen, auf Dauer unheimlich ungemütlichen Plastikschalen lassen einen nahezu bewegungsunfähig zurück während man versucht das Geschehen auf der 200-300 Meter entfernten Bühne mitzuverfolgen. Das Unterfangen wird mit jeder Reihe schwieriger. Hinzu kommt, dass die Zeltdachkonstruktion den eigentlich guten, wuchtigen Sound zu einem furchtbar dröhnenden Soundbrei umformt. Der Effekt verschlimmert sich, je tiefer man unter dem Dach zu sitzen kommt.

2. und 3. Bühne zu klein dimensioniert

Nur eine der baulichen Schwächen, denen im Olympiastadion auch zukünftig kaum beizukommen sein wird. Schlimmer noch, weil es nämlich alle betraf: Olympiahalle und Theatron haben viel zu geringe Kapazität für ein Grossfestival. Laut Pressemeldung waren heuer täglich „nur“ 49000 vor Ort. Kaum vorstellbar, wie sich die Situation bei 10-15000 weiteren Zuschauern darstellen würde.
Schon mit der Premierenauslastung mussten Bühne 2 und 3 während des Wochenendes immer mal wieder wegen (angeblicher) Überfüllung geschlossen werden. Besucherbilder in den sozialen Medien zeigen aber, dass zumindest die Halle zu jenen Zeitpunkten teilweise gerademal halbwegs gefüllt war. Das sorgte für breites Unverständnis unterm bestens mit Handyempfang ausgestatteten Volk im Olympiapark.
Viele Besucher waren verärgert, als sie täglich nach dem Headlinerkonzert der Main Stage direkt zum Ausgang des Festivalareals geleitet wurden – ohne jegliche Chance zum Headliner der zweiten Bühne überzuwechseln.

Das an sich charmante Theatron hatte mit seiner Kapazität von geschätzt 1000 Personen viel zu prominente Bands geladen. Zudem waren die Besucher angehalten, sitzen zu bleiben. Was wiederum die Bands nicht kratzte, die ihre Fans durchgehend zum Aufstehen und Mitspringen animierten.
Extrem war die Situation am Sonntag: Schon vor der ersten Band Any Given Day war das Theatron voll und für weitere Besucher geschlossen. Lange Rede, kurzer Sinn: Für viele blieb oftmals nur der Gang zu Bühne 1 als einzige Musikoption offen.

Abhilfe könnten prominent vor den beiden Bühneneingängen platzierte Leinwände sein. So spät in den Abend es die städtischen Auflagen eben erlauben, könnte man mit Videoscreens die aussen auf Einlass Wartenden zumindest ein wenig am Geschehen teilhaben lassen.
Andernots ist dieser Notbehelf gängige Praxis, wenn Bühnen geschlossen werden müssen.

Oben genannte Schwächen sind baulich bedingt und ihnen ist auch in Zukunft kaum beizukommen. Aber auch organisatorische Fehler blieben bei der Premieren nicht aus. Fehler, die passieren können, aber beim nächsten Mal ausgemerzt sein sollten.
Neben fehlender Ausschilderung fielen die kurzfristige Umpositionierung der Main Stage vor die Gegengerade und fehlende Toiletten besonders stark ins Gewicht.

Ausschilderung: Mangelhaft

Wenn man nicht gerade per U-Bahn anreist und dem Strom vom Münchnern folgen kann, blieb man ziemlich auf sich alleine gestellt. Im Umfeld des Olympiaparks verloren sich ein paar Schilder, aber für Auswärtige war es ein Graus sich überhaupt einmal der Arena zu nähern. Auf dem Festivalgelände dann das gleiche Bild: Man muss sich selber einen Weg bahnen, Hinweisschilder auf Bühnen, Toiletten oder Fluchtwege? Da besteht Verbesserungsbedarf.

Mein Platz, Dein Platz

Durch die Umstellung der Bühne wirkte das Stadion voller. Mission erfüllt. Aber: Dann muss ich doch Leuten, die Gegentribühnenkarten für nun hinter der Bühne gelegenen Blocks besitzen, die Tickets 1:1 gegen ungenutzte Plätze auf der Hauptribühnenseite austauschen. Stattdessen wurden diese Besucher einfach in geöffnete Blocks geschickt und sollten sich einen freien Platz suchen. Chaos kam dann auf, als bei den prominenten Acts die eigentlichen Inhaber ihre Plätze einnehmen wollten, diese aber mit desinteressiertem Volk besetzt waren. Schwerstarbeit für die Ordner, die gerade bei Metallica ständig Leute von Sicherheitsbereichen wie Treppen oder Aufgängen verscheuchen mussten.

Keine Toiletten im Innenraum

Auch die Besucher im Innenraum hatten so ihre Probleme. Die Veranstalter verliessen sich komplett auf die im Tribühnenraum fest installierten WCs. Im Innenraum gab es nur zwei Dixies, doch die waren den Technikern der Delay-Tower vorbehalten.
Wer als Halter einer Stehplatzkarte seine Notdurft verrichten wollte, musste sich jedesmal durchs Volk und die ca. 90 Stufen aus dem Innenraum hoch- und runterkämpfen, folglich natürlich auch den Platz in der ersten oder zweiten Welle aufgeben.
Allzu menschliche Konsequenz: Am späteren Abend, als die Rückkehr in die Wellenbrecher quasi ausgeschlossen war, wurden Bierbecher und Co mit den Ausscheidungen gefüllt und im ungünstigsten Fall in die Menge geworfen. Eklig, und mit etwas Weitblick durchaus vermeidbar.

Raum für Dixies am linken Rand des Innenraums wäre ausreichend vorhanden gewesen und es sei die Frage in den Raum gestellt: Hätten sich die Zusatzkosten dafür nicht leicht durch gesteigerten Getränkekonsum einspielen lassen? Denn: Wer trinkt schon freudig drauf los, wenn er weiss, dass die Entsorgung so mühseelig ist?

Fazit

Vom Rockavaria 2015 haften bleiben wird bei mir neben den Headlinershows (- KISS) und den charismatischen Airbourne und Faith No More insbesondere der Nicht-Auftritt von Hellyeah, deren Techniker es nicht geschafft haben ihren Job ordentlich zu verrichten. Ergebnis: Nach 40 Minuten bangem Warten inklusive offenem Wortgefecht zwischen lokalem Stagehand und Hellyeah-Mitarbeitern wurden die Fans mit der endgültigen Absage konfrontiert. Ich muss gestehen, etwas vergleichbares bis dato noch nicht erlebt zu haben.

Markant zudem der doch recht kompakte Spielplan – als Folge von Auflagen.
Selbst wenn alle Bühnen jederzeit frei begehbar wären, es wäre kaum möglich täglich mehr als 4-5 Bands mitzunehmen. Zu eng hängen die Auftrittszeiten aneinander. Man wünscht es sich etwas weniger kompakt mit mehr Verzahnung als Überschneidungen. Ohne dass sich die Stadtverwaltung bewegt oder das Festival das Lineup ausdünnt bzw früher in den Tag startet, wird das aber ein Wunschtraum bleiben.

Auch das eher spezielle Publikum hat sich eingeprägt. Hier kam man als Münchner grossteils vordergründig hin, um gesehen zu werden. Entsprechend aufgedonnert so mancher Look. Schmutzige Klamotten? Wo kommen wir den hin!
Gemeinsam mit der fehlenden Campingmöglichkeit der Grund, dass ein Rockavaria niemals die dichte, auch auf leichter Ungepflegtheit, Schlafentzug und morgendlichem Alkoholkonsum basierende Festivalatmosphäre wird bieten können.
Rockavaria fühlt sich eher an wie drei aneinandergereihte Konzerttage, nicht wie ein in sich geschlossenes Festival. Zwischendurch geht es nach Hause ins eigene Bett, cremen, pudern und nachmittags frisch gestriegelt -am besten in Tracht- wieder in den Olympiapark. So oder ähnlich wurde es von vielen in meinem sitzenden Umfeld wahrgenommen. Vergleiche mit Konzerten waren denn auch an der Tagesordnung. Genau wie die über die Tage stark schwankende Zuschauerzahl Indiz für einen hohen Anteil von Tageskartlern. Ein Einheimischer: „80 Euro für die Tageskarte ist doch geschenkt. Metallica verlangt -wenn sie hier ein eigenes Konzert spielen- normal schon mehr.“

Münchner sehen und sahen über viele der oben genannten Nicklichkeiten hinweg. Sie scheinen in der Mehrzahl schlichtweg froh, dass sich wieder ein Festival in ihrer unmittelbaren Umgebung angesiedelt hat.
Im Gegensatz zu Rock im Revier scheint es immerhin im Premierenjahr auch über die Stadtgrenzen hinaus entsprechenden Rückhalt unter den Festivalisten gefunden zu haben.
Selbst wenn es einige Zuschauer weniger gewesen sind, als die offiziellenvermeldeten 49000 pro Tag: Es wird der erfolgreichste Deag-Neuling sein. Die Kulisse gerade gen Co/Headliner hin war im Innenraum jeden Tag respektabel.

Aber: Wieviel ist die Besucherzahl überhaupt wert? Wieviele davon haben tatsächlich den vollen Preis für ihre Karten bezahlt und nicht bei einer der Sonderaktionen zugegriffen?

Fragen, auf die die Deag vielleicht Ende Juni wird antworten geben müssen. Âm 25. Juni findet die Jahreshauptversammlung der Aktiengesellschaft statt. Die Verwantwortlichem müssen dort ihre Zahlen den Aktionären präsentieren.
An diesem Tag bekommen wir vielleicht schon einen Fingerzeig, ob der Veranstalter im kommenden Jahr ähnlich aggressiv mit Geldbündeln Bands abfischen können wird.

Rockavaria 2015 war ein verheissungsvoller Auftakt eines neuen Players. Die nächste Ausgabe -so sie denn wirklich kommt- wird zeigen müssen, ob man auf die Kritik und Anregungen der Besucher eingehen kann und will.