Zum Melt! reist es sich am besten mit Rollkoffer. Es gilt schließlich, Stil zu wahren. Mit Glitzer, Blumenkette und Seifenblasen im Turnbeutel – selbst im verhagelten Sommergewitter. So läuft es sich über ein ziemlich urban anmutendes Festivalgelände mit Baggern, Überallbeschallung und ganz viel Sleepless. Und Geld gibt es auch keines. Klingt ein bisschen nach Festival-Utopie, hat dann aber doch eher Volksfestcharakter.

von David Niebauer und Manuel Hofmann

Melt!

So wie das Publikum, präsentiert sich auch das Festival selbst: Die Bagger rosten tagsüber, leuchten bei Nacht und in den Programmpausen speien sie Feuer. Von Bühne zu Bühne läuft es sich an Disco zu Disco vorbei. Und einer Essensstandflut, an deren Kassen man dank Cashless Payment mal eben sein Festivalbändchen hält. Die “Melt! Selektor Stage” bietet Sandstrand und Seeblick. Und an der “Big Wheel Stage” raved die Menge vor einer massiven Visual-Wand, die mit kreisrunder Öffnung in der Mitte den DJs eine Bühne gibt. Zu entdecken gibt es überall was. Nicht nur auf der “Gemini Stage”, die sich selbst als “a massive genre clash of everything that’s hot right now” verstehen will. Mit Ibeyi im Programm zum Beispiel, französisch-kubanische Zwillingen, die Weltmusikeinschläge nach Gräfenhainichen tragen.

Das Booking mit der Zeit ist überhaupt unverkennbar: AnnenMayKantereit ist so eine Band der Stunde. Sie füllen das Intro-Zelt bis zum letzten Platz und werden gefeiert für gut gemachte Poplieder von und für Generation Y über das Aufwachsen, Aufeinander-beziehen, Herumkommen und Tränen vergießen. Mit rauchiger Stimme.

Erlend  Øye
Erlend Øye

Es liegt sicher nicht nur am Regen, dass die überdachte “Gemini Stage” am frühen Sonntag so gut gefüllt ist. Manche aber wird genau dieser Zufall dazu gebracht haben, The Whitest Boy Alive, genauer Erlend Øye mit neuer Band The Rainbows in Bestlaune auf der Bühne zu sehen. Schon zuvor hatte er auf der “Open Stage” des Campingplatzes mit “Golden Cage” an alte Zeiten erinnert. Als Song einer “guten deutschen Band” angekündigt, feiert dann auch das “Gemini”-Publikum den Whitest Boy Alive Song “1517” am lautesten. Aber auch darüber hinaus: Auf den Akkustik-Teil im Set verzichtend, weil das Publikum ja eh am liebsten tanzen wolle, sorgt er und Band für ordentlich Stimmung. Oder wie das Melt! es selbst sagen würde: “On Sunday we danced the rain away <3”.

Musikalische Höhepunkte, zumindest, was den Nicht-Elektro-Teil des Programms angeht, findet man dann aber doch auf der “Mainstage”, umrahmt von den “Stahlgiganten Medusa und Mosquito”.

Am Freitag ist es der Post-Rock von Mogwai: Als wohl einzige Band des Festivals vermögen sie, zwanzig Minuten vor Konzertende das letzte Lied anzukündigen, um dann doch keinen Moment zu früh von der Bühne zu gehen. Auf die im tiefen Blau leuchtenden Bagger starrend kann man geradezu versinken in den Klangmonstern, die die Band über Minuten und Minuten hinweg aufbaut.

Alt-J beim Melt! Festival
Alt-J beim Melt! Festival

Am Sonntag ist es alt-j, die die Hauptbühne abschließen dürfen. Wenige Bands passen besser auf dieses Festival – und das liegt nicht nur am Dreieck im Bandnamen. Anfangs stehen da nur Schatten auf der Bühne, vier an der Zahl und alle auf einer Höhe. Den Frontmann gibt es genauso wenig wie die protzige Show: Das ist eher das in sich gekehrte Frikkeln, das den Sound am Ende zu einem harmonischen und perfekt abgestimmten Ganzen werden lässt. Da braucht es nicht mal mehr den einen Hit. Ganz im Gegenteil: Lieder fließen ineinander über, gefeiert wird das Konzert als solches.

Ach und dann war ja – alle Regeln der Chronologie sprengend – noch dieser Samstag. Der Abend gehört Kylie Minogue, angekündigt mit omnipräsenten Fanaccessoires über den Tag hinweg und einer merkwürdigen Spannung, die sich vor Show-Beginn in den Reihen vor der Hauptbühne breit macht. Als dann die KYLIE-Letter in Discokugelstyle verschwinden, und die Show beginnt, beginnt vor allem eine Show: durchgetaktet in Perfektion, Hit für Hit und “you are so beautiful, Melt!”. Was den Auftritt anbelangt, wird Kylie ihrer Headliner-Rolle definitiv gerecht. Und sie singt sogar live. Geschaut wird das Konzert so auch mit ironischer Distanziertheit und ungläubigen Blicken, als das nächste Lied startet (während sich ein Redaktionsteil zu Von Spar ins “Intro Zelt” verabschiedet): “Das ist auch von ihr?” So bleibt es auch bis zum Ende. Unterhaltsam, tanzbar und ganz viel Pop-Zirkus.

Die Antithese zur glatten Pop-Show liefern dann direkt im Anschluss Die Nerven. Von der “you can do it”-Attitüde zum offenen Selbstzweifel. Zur Gesellschaftskritik im Mantel eines krachenden Post-Punks. Vom Aussehen, Auftreten und Aufspielen her vermeintlich nicht dazu passend, wundert sich der Drummer, alleine Shorts tragend, am Ende selbst, dass Leute ins Zelt gekommen sind. Und doch stehen Die Nerven exemplarisch für eine Reihe deutschsprachiger Bands auf dem diesjährigen Melt!, die Haltung zeigen mit ihrem Diskurs-Pop. Da wären etwa Bilderbuch, die unschmierig-sexy wie kein anderer die Österreichflagge im Publikum verbannen oder das ebenfalls aus Wien kommende workingclass-Äquivalent Wanda, die nach “Amore”-Erfolgen auf noch mehr österreichischen Schmäh-Pop in Gestalt des zweiten Albums im Herbst Lust machen.

Bilderbuch
Bilderbuch
Wanda
Wanda
Tocotronic
Tocotronic

Tocotronic machen schließlich das, was Tocotronic seit nunmehr 20 Jahren machen. Als “schwulstes Lied des schwulsten Albums aller Zeiten” kündigen sie etwa “Zucker” an, das man wohl nicht ohne Grund seit dem ersten Mai hören kann. “Fuck Frontex” versteht sich sowieso von selbst. Genauso wie das Reiben an Normalitätszwängen (“Hi Freaks”). “Hey Melt! Klappt ganz gut, oder?”, erkundigt sich Dirk von Lowtzow dann auch in einer Songpause, irgendwo zwischen verwundert, freudig und distanziert. Dahinter steht wohl die Frage, ob und wie die Band zum Melt! gehört. Und das ist überhaupt die große Frage des Festivals.

Melt!

Auf dem Melt! kann man sehr viel Spaß haben, rund um die Uhr: am Gelände, Campingplatz, See und Sleepless-Floor. Auf vielen, vielen Bühnen und Attraktionen. Mit viel guter Musik. Mit viel Elektro. Mit vielen gutaussehenden, gut gestylten Menschen.

Und einiger Oberflächlichkeit.
Genau deshalb braucht es eben jene Bands, bei denen man sich fragt, inwiefern sie dazu passen. Und genau deshalb werden sie als solche gebucht. Sie bewahren dem Melt! Festival die Haltung, die den Baggern gut zu Gesicht stehen.