Wenn Festivalgäste die Panoramafunktion ihrer Handykameras nutzen, um die Kloschlangen zu fotografieren – und nicht die Bühnen, ist das deutlichstes Zeugnis einer organisatorisch bisweilen holprigen Premiere des Lollapalooza Festivals in Berlin. Schade, denn musikalisch hatte das Neu-Event auf dem ehemaligen Flughafen Tempelhof einiges zu bieten. Teil eins eines Rückblicks.

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Gerade während des ersten Festivaltags häufen sich in den Netzwerken die Kritiken entnervter Besucher*innen: Für sie besteht schlichtweg ein zu großer Teil des Tages im Warten. Darauf haben nicht alle Lust. Und so wählen nicht wenige Besucher den Zaun zur Notdurft. Mit unangenehmen Konsequenzen: Denn „Pisse“ ist mir als Schnipo-Schranke-Song lieber denn als stinkendes und Raum nehmendes Gerinnsel auf dem Beton des Flughafengeländes.

Immerhin: Die Veranstalter*innen reagieren jenseits eines symbolischen Aktionismus. Am zweiten Festivaltag sind zahlreiche Dixies aufgetaucht, und die Schlangen – auch an den Essenständen – merklich kürzer geworden. Es sei nicht einfach, einen Erwachsenen zur Welt zu bringen, metaphert Mit-Veranstalter Melvin Benn schließlich auf der offiziellen Pressekonferenz zum Festival und gelobt Besserung für kommende Ausgaben. Und diese werden kommen, kann das Team den ausverkauften Auftakt doch insgesamt als Großerfolg verbuchen.

Verständliche Stolperer einer Premiere also? Vielleicht. Ärgerlich gerade für Tagesbesucher*innen am Samstag? Auf jeden Fall. Grund genug, die Musik zum Nebenaspekt verkommen zu lassen? Niemals.

Ich glaube, ich mag The Libertines

Dafür sind alleine The Libertines, persönlicher Headliner der Wahl am ersten Festivaltag, einfach zu wichtig. Um ihre Bedeutung klar zu machen, hilft es, sich zweier Anekdoten jenseits des Flughafens zu bedienen:

Da sind einmal Trümmer, die in ihrer Hamburger Schuligkeit erst mal nicht im unbedingten Verdacht stehen, musikalisch besonders von The Libertines geprägt worden zu sein. Und doch beginnt Paul Pötsch, Sänger der Band, auf dem vortäglichen Konzert im Rahmen der „Linken Kinonacht“ eine Liste mit Gründen, aufgrund derer man heute zu feiern habe, mit eben jenen Libertines: Es sei schließlich Release-Tag von „Anthems for Doomed Youth“, dem neuen Album der Band. Nach über zehn Jahren, wohlgemerkt.

Die zweite Geschichte – nicht minder bezeichnend, und ein wenig schmerzhaft – ergibt sich aus dem Belauschen eines S-Bahn-Gesprächs zweier Festivalgäste: „Oh, die Libertines spielen auch.“ „Wer?“ „Pete Doherty!!! Seine neue Band.“ „Ah.“  Das Gespräch zu teilen hat einen tiefergehenden Zweck jenseits des irgendwie überheblichen Schmunzelns, das der Dialog zumindest bei selbsterklärten Musiknerds hervorbringen dürfte. Denn tatsächlich hat die Band, naja, hauptsächlich Pete Doherty, in den letzten Jahren eben mehrheitlich nicht mit Musik von sich Reden gemacht, ja, für Schlagzeilen gesorgt. Wenig verwunderlich also, dass viele ihn kennen als den Drogenpete – und nicht als den überaus wichtigen Musikmenschen, der er eben auch ist.

Vor kurzen, so las man, war Pete mal wieder auf Entzug, in Thailand. Dort, wo die Band letztlich auch das neue Album aufgenommen hat. Mit dem sie jetzt zum Lollapalooza kommen sollen. Und doch bleibt den ganzen Festivaltag über die Restunsicherheit, ob sie jetzt wirklich spielen werden. Die größer geworden ist, nachdem nur zwei Tage zuvor das geplante Club-Konzert in Camden, London, kurzfristigst abgesagt worden war.  Heute kommen sie, heißt es offiziell. Die Restunsicherheit bleibt, wird mit Galgenhumor bekämpft. Und sie macht es nicht unbedingt leicht, die anderen Bands des Tages jenseits einer Fußnote mitzunehmen. Ein dahingehender Versuch erfolgt dennoch:

Das Vorprogramm

Persönlich beginnt der Tag, entgegen vorheriger Vorsätze, Parquet Courts mitzunehmen, mit Everything Everything, die bei meiner Ankunft schon eine Weile auf der Bühne stehen (Ja, Einlassschlange, Sie sind gemeint!) und gerade meinen eigenen Liebling „Don’t Try“ zum besten geben. Vor allem aber präsentiert die Band das neue Album „Get To Heaven“ – und sich selbst in knallig roten Anzügen, die irgendwie passen zur musikalischen Aufgedrehtheit, die in ihrer hibbeligen Vielfalt vor allem eines ist: aufkratzend.

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Das mag aber für das gesamte Festival gelten: Vier erwachsene Bühnen gibt es, mit Ausnahme des elektronischen Durchgeballers auf der „Perry’s Stage“ im Wechsel bespielt. Fliegender Übergang. Von Everything Everything zu den letzten Momenten von Glass Animals, die gerade mit dem überaus groovigen Hit „Gooey“ ihr Set beenden. Von MS MR, die sich vor Konzertende („Hurricane“) beim Berliner Publikum für den early support ihrer Musik bedanken, zu den Mighty Oaks. Zu letzteren geht es mit intuitiver Widerwilligkeit, ist es doch neben Mumford&Sons (die mussten hier erwähnt werden) die Folk-Band auf die sich gerade vermeintlich „alle“ einigen können. Statt eines Verrisses ihrer Folk-Durchschnittlichkeit bleiben am Ende doch anerkennende Worte, die sich vor allem speisen aus einer Aussage am Ende. Dem üblichen Bedanken beim Publikum für die warmen Reaktionen folgt so etwas wie Kritik an der Stadt: Dass es eben fucking schwer sein kann in einer Stadt zu spielen, die so ziemlich alles hat, was man haben kann an Popkultur. Mit der Folge eines Publikums, das allzu oft die Anerkennung für Musik bei Konzerten nur in einiger Zurückhaltung zeigt – in Gestalt eines zögernden Klatschens mit haschendem Blick auf den Begeisterungsgrad des Nebenstehenden. Angekommen ist sie, die Botschaft: War schön, das Konzert.

Weiter geht das fröhliche Bühnen- und Genregehüpfe zu Hot Chip, die eigentlich nach innen oder zumindest in die Dunkelheit gehören, und letzteres mit dem Bruce Springsteen Cover „Dancing in the Dark“ am Ende des Konzerts auch deutlich machen. Und trotzdem auch tagsüber eine Menge Spaß machen, gerade mit Hits wie „Over and Over“ zum Tanzen bringen und dabei erkennbar selbst Spaß haben.

Sparks
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Gleiches gilt für Franz Ferdinand, die auch im Rahmen ihrer Kooperation mit Sparks unter anderem Franz Ferdinand Lieder spielen (Yeeeah, „Take Me Out“) und sich dabei ein wenig unvorbereitet wirkend an großen, halb selbstironischen Gesten probieren. Sehr theateresk das Ganze, was, dank über Wikipedia herbeirecherchiertem Wissen über Sparks, wiederum nicht zu sehr überrascht. Zusammenfassend: Eine intergenerationale Zusammenarbeit (Bandgründungen 1971 und 2002), die möglicherweise besser funktionieren würde, wenn jeweils weniger Wikipedia-Recherchen-Notwendigkeit bezüglich Sparks und Indiedisco-Großwerden mit Franz Ferdinand Teil der eigenen musikalischen Sozialisation wäre.

Zeit für eine Pause, während sich Chvrches (Alternative Stage) und Bastille (Main-Stage) auch soundmatschmäßig einen Kampf um die Gunst des Publikums geben.

Mittlerweile ist es Abend geworden. Nur eine gute Stunde gilt es noch zu überbrücken, bis The Libertines auf die Bühne treten werden. Und wer würde sich da besser anbieten, als Dog Blood, die Boys-Noize-Skrillex-Kooperation? Spoiler: mir persönlich würden da schon ein paar Namen einfallen. Trotzdem: hin zur Perry’s Stage, dem in den Hangar eingelassenen Visuals-Wahnsinn, der den ganzen Tag hinweg bespielt wird von Künstler*innen, die längst gelernt haben, wie man EDM in Konzertform bringen kann. So auch Skrillex, der immer wieder Fahnen schwenkend auf das DJ-Pult klettert. Samples, von Daft Punk, A$AP Rocky bis zu D.A.F.s „Der Mussolini“ reichend, werden begleitet von Visuals in Comicstil bis Flammenwand, die ein wenig wie ein Special Effekt des Windows Movie Makers 98 daherkommt. Und dann sind da noch diese Nebelkanonen, die auch dem letzten Menschen im Publikum verlässlich mitteilen, dass jetzt der Punkt des „Wooaaah!“-Schreiens und völlig-durchdrehens gekommen ist. Mitgemacht, mitgetanzt, Spaß gehabt. Abgehakt.

Sie sind da.

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Und plötzlich stehen sie auf der Bühne – nicht mal sonderlich zu spät – und man weiß erst mal gar nicht so recht, was man sagen soll, bis Doherty schließlich gleich beim ersten Lied seinen Mikroständer mit dem Fuß wegkickt, während der Reparatur durch das Crewmitglied Seite an Seite mit Carl Barat ins Mikrofon jault und einem das erste „Oh Pete!“ entfährt.

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Schnell steht fest: Barat und Doherty sind heute Abend fit genug. Bei den anderen beiden setzt man das ja irgendwie voraus, was einiges über ihre Rolle in der Band aussagt. So präsentiert die Band ihre Hits einigermaßen souverän und zugleich weit weg von einem professionellen herunterspielen, wie das schon so manche Reunions-Band gemacht hat. Und so gar nicht passen würde zur Band, die ihr Image so konsistent verkörpert wie wenig andere.  Nach einigen Hits und „Anthem For Doomed Youth“, „Fame and Fortune“, „Gunga Din“ vom neuen Album geht das Konzert mit „Don’t Look Back Into The Sun“ zu Ende. Spätestens hier entlädt sich die gesamte Spannung des Tages in vollster Mittanz-Gewalt.

Am Ende stehen sie zu viert vorne, versuchen sich in so etwas wie einer gemeinsamen Umarmung. Das Klatschen hält an, Barat möchte nochmals etwas sagen, das Mikrofon ist schon abgedreht. Fuck it, Mikrofonständer weggekickt. Sie haben so viel gemeinsam.

Hier geht es weiter mit dem Rückblick zum Sonntag. Mehr Bilder vom Lollapalooza, alle von Steffen, gibt es hier