2016 wird besser, zumindest was die Headlinersituation anbelangt. Das verrät Glastonbury-Booker Martin Elbourne auf dem Reeperbahn Festival in einer Session zum gegenwärtigen Geschehen auf dem Festivalmarkt.

Er selbst ist mit dem Glastonbury aber auch in einer luxeriösen Position: Bis 2017 sind die Headliner dort gebucht, verriet Festivalgründer Michael Eavis kürzlich. Andere straucheln da mehr. Und so ist das „Headliner“-Thema insgesamt dominierend bei dem einstündigen Gespräch über die diesjährige Saison – und das, was in den kommenden Jahren folgen wird.

Prinzipiell wissen alle Beteiligten der Session, worüber sie reden: Fruzsina Szép leitet die Festivalabteilung der Hörstmann Unternehmensgruppe, ist damit unter anderem zuständig für das Melt! und hat vor wenigen Wochen die erste europäische Edition des Lollapaloozas in Berlin zum Ausverkauf gebracht. Christof Huber macht das Open Air St. Gallen in der Schweiz. Tuomas Kallio hat das sehr erfolgreiche Flow Festival in der finnischen Hauptstadt Helsinki aufgebaut. Und Stephan Thanscheidt ist Chefbooker bei FKP Scorpio – dem bekanntlich größten Festivalveranstalter Europas.

Gerade Thanscheidt betont immer wieder die ausgesprochen große Konkurrenz der vergangenen Saison, gerade in Deutschland. Die Situation habe es ausgesprochen schwer gemacht, die selbstgesteckten Ziele zu erreichen. Keine große Überraschung: Aus DEAGs Einstieg in den deutschen Festivalmarkt mit den neuen Großfestivals Rockavaria und Grüne Hölle am Nürburgring, woraus später Rock in Revier in der Veltins-Arena wurde, erwuchs ein Wettbieten um die Headliner, von denen in diesem Jahr ohnehin vergleichsweise wenig in Europa unterwegs waren.

Man selbst habe sich dem Buchungsbattle so weit wie möglich entzogen, erklärt er. Marek Lieberberg sei auch gut heraus gegangen. Und die DEAG, der Einstieg ein erfolgreiches Unterfangen? Ein kurzes Schmunzeln. Da sprächen die Zahlen für sich, glaubt er.

Auf die Marken Hurricane und Southside gebaut

FKP Scorpio wählte einen Weg jenseits der großen Headliner-Kämpfe. Gemeinsam mit Geschäftsführer Folkert Koopmanns habe er sich dagegen entschieden, „weitere Millionen“ in den Buchungskampf zu werfen, um ein paar tausend Besucher_innen mehr anzulocken: „Das hätte keinen Sinn gemacht“.

Stattdessen baute das Hamburger Unternehmen auf die eigenen Marken – und verzeichnete damit, jenseits aller Social-Media-Aufregereien, einen Erfolg: Das Southside konnte man ausverkaufen; das Hurricane blieb nur wenige tausend hinter den Letzjahresergebnissen zurück.

Trotzdem: Jedes Jahr könne man sich das nicht erlauben. 2016 gilt es also, auf Normal-Niveau zurückzukehren – auch, was Headliner anbelangt.

Denn die brauche es einfach, um ein Major-Festival auszuverkaufen. Gerade deutsche Bands, neben den ganz Großen wie Die Ärzte, Die Toten Hosen oder Rammstein nennt Thanscheidt auch K.I.Z., Kraftklub oder Casper, seien immens bedeutsam für den Verkaufserfolg. Sie dürften also auch in den kommenden Jahren weiterhin und vermehrt im Programm der beiden FKP-Majors auftauchen.

Auf das Gesamterlebnis kommt es an

Martin Elbourne kann es sich erlauben. Und Martin Elbourne erlaubt es sich, über die anderen UK-Festivals zu urteilen. Eine sichere Zukunft gebe es neben dem Glastonbury nur für die ebenfalls traditionsreichen Zwillinge Reading und Leeds.

Alle anderen seien (wiederhole ich mich?), viel zu stark von den Headlinern abhängig. Von denen immer mehr in Rente gehen. Von denen einfach nicht genug nachkommen. Und so schlüpfte beispielsweise beim schottischen T in the Park Avicii dieses Jahr in die Headliner-Rolle. „He was shit.“

Daher sind sich alle Veranstalter_innen des Panels einig: Es gilt, eine Marke aufzubauen. Ein Gesamterlebnis für Besucher_innen zu schaffen, mit und jenseits der Musik.

Pflanzen als Gestaltungselement auf dem Gelände will etwa Tuomas Kallio als größte Innovation des Jahres ausgemacht haben. Fruzsina Szép wird nicht müde, die Besonderheiten des Lollapaloozas zu betonen: das Kidzapalooza, den Raum, den man der Kunst auf dem Gelände gegeben habe. Davon wird es zukünftig mehr geben, ist sich auch Stephan Thanscheidt sicher. Und Christof Huber vom Open Air St. Gallen verweist auf eine weitere Entwicklung: Das Essensangebot wird sich immer weiter vom billigen Festivalfraß wegbewegen. Immerhin steckt hier eine weitere Einnahmequelle.

Freunde sind wichtig

Eben jene Zusatzeinnahmen wollen erschlossen werden, nachdem Ticket-Preise für die breite Masse nicht unbegrenzt in die Höhe steigen können. Hier bauen immer mehr Veranstalter_innen vor allem auf jene Gäste, die bereit sind, etwas mehr für das Festivalwochenende auszugeben.

Andere Wörter braucht es für die wichtigen Personen. Das Wording sei entscheidend, betont Thanscheidt. Auf den FKP Festivals gibt es daher Resort-Gäste und keine VIPs. Und keine prunkvollen VIP Tribünen, an denen grumpige Fingergesten präsentierende Normalos vorbeilaufen.

Aber prinzipiell sind sie sich einig: Die zahlungswilligen Premium-Kunden werden wichtiger werden. Beim Lollapallooza nennt man sie Freunde. Martin Elbourne hält persönlich von all dem nicht so viel. Er kann es sich leisten.