Kompakt stehen sie da als Band auf der Bühne der Columbiahalle Berlin. Der Vorhang im Hintergrund glitzert ein wenig und dient stets als großräumige Projektionsfläche für verschiedenste Farbenspiele. Ganz genau wie Tocotronic selbst, über die in den letzten 22 Jahren wahrlich viel geschrieben und gesagt wurde.

Was soll man da überhaupt ergänzen? Als jemand, der nur einen Kleinstteil der Bandgeschichte mitverfolgt hat. Als jemand, der sie 2013 das erste Mal gesehen hat; beladen mit Vorbehalten, und dann so ganz langsam ein klein bisschen zum Fan wurde. Und wird. Vielleicht ein paar persönliche Eindrücke. Das Konzert in der Columbiahalle, sie spielen hier einen zweiten Abend in Folge, jedenfalls passt in diese meinige Entwicklung des Fanwerdens recht gut.

Schon das anfängliche „Hallo!“ beim auf die Bühne treten ist Parole; in den Raum getragen von einem Dirk von Lowtzow, der mit persönlicher Schönheit eben jenen von Anfang an einnimmt. Das im Mai diesen Jahres erschienene selbstbetitelte, rote Album gilt es vorzustellen. Das macht die Band dann auch: Gleich zum Einstieg mit „Prolog“, dem sehr großartigen „Ich öffne mich“ direkt danach. Oder auch „Zucker“ im späteren Konzertteil, das live deutlich härter gespielt wird, fast, als wolle man Titel und Inhalt bewusst durchkreuzen.  Im Hintergrund lässt man den Vorhang in rot-blauen Wellen tanzen. Insgesamt zeigen sich Tocotronic heute spielfreudig. Und gelassen, als mal etwas schief geht: Songabbruch und Kabeltausch bei Dirks Gitarre entlockt Schlagzeuger Arne Zank ein neckisches „Oah, Scheeeiße.“ Die ein oder andere plakative politische Botschaft, etwa durch das herausstellen des wichtiger gewordenen Lieds „Aber hier leben, nein danke“ angesichts dieser Geflüchtetensache, und das tiefe Schöpfen aus dem großen, großen Gesamtwerk, machen das Konzert letztlich rund. Mit „Kapitulation“ (Zugabe zwei) und „Freiburg“ (Zugabe drei) geht es dann final von der Bühne.

Früher hielt ich Tocotronic recht verkopft denkend vor, zu verkopft zu sein. Heute weiß ich, dass sie zur rechten Zeit in popkulturellem Gewand die richtigen Fragen an ihr Publikum herantragen. Manchmal sogar etwas zu früh: Recht unbescheiden, wohl halbernst, vertritt die Band das an einem Moment des Konzertes selbst: „Die Grenzen des guten Geschmacks1“, veröffentlicht 1999, wird dann mal eben angekündigt als Anti-Gentrifizierungssong, bevor das Wort überhaupt erfunden war. So langsam nehm ichs ihnen ab. Weitermachen, bitte.