Mit welch blumigen Worten erklärt man dem Festivalvolk, dass man seine Seifenkiste 2016 in der Garage stehen lässt? Das Berlin Festival versucht es mit Wendungen wie „kreative Schaffenspause“ und „Details zu Ende denken“.

Seit Monaten schon hielten sich die Gerüchte um eine Absage des Berlin Festival 2016. Nicht zuletzt deshalb, weil es bis zum heutigen Tag keine Karten zu kaufen gab. Nicht mal ein Termin wurde offiziell angekündigt. Es kommt also alles andere als überraschend, dass das Berlin Festival in diesem Jahr die Segel streicht.

So ganz schlau wird man aus dem heute lancierten Text dann aber doch nicht. Zu konträr scheinen die aufgetürmten Gedanken.
Gespickt mit blumigen Worten spricht man zunächst davon, als Berlinnomade nun endlich im heiligen Land -sprich: Arena Park in Treptow- angekommen zu sein. Auch mit der musikalischen Ausrichtung habe man sich gefunden. 2015, so der Veranstalter, spiegelte das perfekte Berlin Festival wieder.

Was also ist das Problem, dennoch eine kreative Pause einzulegen?

Die Antwort scheint so einfach wie banal. Berlin gilt als schlechtes Pflaster für Musikfestivals. Über die Jahre passten sich die Organisatoren den Realtitäten mehr und mehr an und haben ihr Produkt für viele dadurch unattraktiver gemacht.
In Berlin gibt es täglich eine handvoll Konzerte etablierter Musiker – die Stadt ist also kein Provinznest, dass einmal im Jahr nach musikalischen Häppchen bei einem Festival lechtzt. Die Hauptstadt ist musikalisch ge- wenn nicht gar übersättigt.
Auch sagt man den Berlinern eine ausgeprägte Gästelistenmentalität nach. Zahlen für ein Festival, wenn man sich auch bei Konzerten auf die Gästeliste mauscheln kann? Für viele ein No brainer.
Zuletzt muss man auch das Lineup des Berlin Festivals anführen: Mit den Jahren wurde es immer weniger imposant und attraktiv. Man wollte das Festival seitens des Veranstalters offensichtlich gesundschrumpfen.
Für den finalen Kick könnte der neue Berlin-Krösus Lollapalooza verantwortlich sein. Durch den US-Ableger wurde das Booking fürs Berlin Festival sicher nicht einfacher bzw. billiger und auch die Aussichten beim Kartenabsatz trüber.
Trivia des Ganzen: Melt! Booking veranstaltet das Lollapalooza gemeinsam mit Festival Republic.

In Berlin haben auch schon andere Festivalmacher auf Granit beissen müssen. Wir erinnern uns nur an Creative Talent. Mit Greenville, markigen Worten und pompösem Lineup angetreten, verirrten sich immer nur recht wenige Menschen vor die Bühnen. Konsequenz: Nach drei Jahren war der Veranstalter pleite und das Festival Geschichte.

Ganz so weit scheint es mit dem Berlin Festival nicht gekommen. Hinter dem Event steht eben auch kein testosteronatemder Muskelmann, sondern mit Melt! Booking ein Organisator, der andernorts bewiesen hat, dass er es kann. In der Abgeschiedenheit Gräfenheinichens veranstaltet man sehr erfolgreich das Melt! und Splash! Festival.

So ganz kehrt Melt! Booking Berlin den Rücken auch in diesem Sommer nicht zu. Im August 2016 kehrt man mit BMW als starkem Partner im Rahmen des Nischenfestivals Pure&Crafted in den Berliner Postbahnhof zurück.
Seit der Premiere im Vorjahr ist es ausgegebenes Ziel Biker und Musik bei einem Festival zu verschmelzen. Etwa 7000 Besucher werden erwartet – knapp die Hälfte, die man bei einem Berlin Festival 2016 vermutet hätte.

Auch am neuen Platzhirschen, dem Lollapalooza, der eine Erfolgsformel für Berlin gefunden zu haben scheint, ist Melt! Booking beteiligt.
Bei der Premiere im Vorsommer konnte der Festival-Import aus Chicago aus dem Stand 45000 Musikbegeisterte zum Kartenkauf verleiten.
Setzt sich die Erfolgsgeschichte fort, ist es also durchaus denkbar, dass das Berlin Festival dauerhaft in der Garage geparkt bleiben wird.

 

Die Pressemeldung im Original:

Berlin Festival legt Kreativpause ein
Nach dem erfolgreichen Umzug von Tempelhof nach Treptow und zwei erfolgreichen Ausgaben an der Spree legt das Berlin Festival in diesem Jahr eine kreative Schaffenspause ein.

Berlin, 29. Februar 2016
Berlin steht niemals still. Stets im Wandel, rastlos und immer neuen kreativen Impulsen auf der Spur. Clubs öffnen und schließen, tauchen überraschend in neuem Glanz an anderer Stelle wieder auf. Illegale Raves werden zu Mainstream-Chic erkoren, ganze Straßenzüge von Clubgängern und Bar-Hoppern eingenommen, und schon wenige Jahre später zugunsten neuer Locations links liegen gelassen. Genau dieser Prozess befeuert die kreative Leidenschaft der hiesigen Clublandschaft wie in keiner anderen Metropole.
Auch das Berlin Festival hat in seinen zehn Jahren weite Kreise über die Stadtkarte Berlins und darüber hinaus gezogen. Von Paaren im Glien rein ins Poststadion in Berlin-Mitte und Richtung Süden auf den historischen Flughafen Tempelhof, bevor wir im Arena Park in Treptow unser Zuhause fanden. Wie ein Nomade, quer durch die Stadt – und natürlich immer auch ein bisschen auf der Suche nach sich selbst.
Auch wenn wir mit dem der Ausgabe des Berlin Festivals 2015 im Arena Park das Gefühl hatten, dass das Festival ein neues Zuhause gefunden hat und ein Stück weit angekommen ist, werden wir 2016 dennoch eine kreative Schaffenspause einlegen. Gerade weil wir so von der neuen Ausrichtung überzeugt waren und sind, wollen wir die nötige Zeit aufbringen, die nächste Ausgabe des Berlin Festivals in all seinen Details zu Ende zu denken. Nach langem Überlegen haben wir uns deshalb entschieden, dieses Jahr auszusetzen.
“Die letzten zwei Ausgaben – und vor allem 2015 – spiegelten in unseren Augen das perfekte Berlin Festival wider, genau so, wie wir es auf dem Reißbrett konzipiert hatten. Das Festival ist angekommen, kein Zweifel. Doch jetzt liegt es an uns, das Konzept als integrativen Teil der Hauptstadt auszubauen. Und dafür braucht es ein klein wenig mehr Zeit als geplant. Wir hoffen unsere Besucher haben dafür Verständnis und freuen sich schon auf die nächste Ausgabe,“ so Stefan Lehmkuhl, Künstlerischer Leiter des Festivals seit 2009.
Den genauen Termin, zu dem das Berlin Festival zurückkommen wird, werden wir rechtzeitig bekanntgeben, sobald wir unsere Pläne für das nächste Berlin Festival konkretisiert haben.
Auf Wiedersehen und bis bald!
Euer Berlin Festival-Team