Knapp 23 Tage vor dem Start überrascht das Nova Rock seine Klientel mit der Ankündigung eines bargeldlosen Festivals. Es sei eine Reaktion auf die 2015 im Rahmen einer Steuerreform verabschiedete Registrierkassenpflicht, die seit 1. Januar in Kraft getreten ist. Es scheint mir aber mehr Mittel zum Zweck.

>> Infoseite zum Nova Rock Cashless System

Nicht umsonst steht die Gesetzesänderung in Österreich unter Beschuss, verkompliziert sie für viele Firmen doch das Leben enorm.

Um was geht es? Zur Bekämpfung von Schattenwirtschaft besteht seit Jahresanfang in Österreich für Unternehmen die Pflicht Zahlungsvorgänge elektronisch zu erfassen. Zudem muss dem Kunden für jede Transaktion eine Quittung ausgehändigt werden.
Die auf Festivals übliche Umsatzermittlung durch Kassensturz in der Nacht ist fortan in Österreich unzureichend. Will man mit Bargeld hantieren, bräuchte jeder noch so kleine Stand eine elektronische Registrierkasse.

Nova Rock Cashless als Antwort auf Registrierkassenzwang

Auf der Suche nach einer Lösung für dieses Ärgernis tut sich das Nova Rock mit GET Systems zusammen. GET entwickelt bargeldlose Zahlungsysteme. Neben dem RFID-Band, dessen Schiffbruch wir in Vergangenheit zu oft miterleben mussten, bietet die Firma auch eine RFID-Scheckkartenlösung. Auf die setzt das Nova Rock – ausschliesslich. Bargeld wird am Festival 2016 ausgedient haben. Statt Registrierkassen kommen Kartenleser im Handyformat zum Einsatz.

Als Argumente pro cashless angeführt werden neben den üblichen Verdächtigen (Zeitersparnis, Einfachheit, Sicherheit) auch die Möglichkeit, Belege digital ausstellen zu können – also Papiermüll zu vermeiden. Als würde dieser bei den anfallenden Müllbergen eines Festivals tatsächlich ins Gewicht fallen. Schwaches Argument.

GET hat bei Festivals mit 4000-40000 Tagesgästen bereits Erfahrung mit seiner Technik gesammelt. Beim Nova Rock wird das System 50000 Besuchern ausgesetzt werden.
Wenig aufschlussreich zeigt sich ein nicht öffentlich verlinkter Review von GET zum Electric Love Festival 2015. Alle interessanten Fakten sind ausge-x-t.

Randnotiz: Laut GET-Webseite wird die Technik im August auch beim Frequency zum Einsatz kommen.

Probleme der Vergangenheit

Probleme gab es bei anderen Anbietern von cashless System in manigfaltiger Zahl. Meistens war es die Infrastruktur, die überlastet oder nicht stabil genug war, so dass die Technik zeitweise zusammenbrach.

So konnten 2015 beispielsweise beim Download viele ihr daheim aufgeladenes Guthaben einen Tag lang nicht nutzen. Supergau, zumal die Servicemitarbeiter mit der Situation auch hoffnungslos überlastet waren und betroffene Festivalisten stundenlang in Schlangen warteten.

In der Folgewoche zeichnete beim Hurricane der gleiche Anbieter für ein mittelprächtiges Ergebnis verantwortlich. Letztlich stand die bittere Erkenntnis FKP Scorpios: Die Technik „funktioniert noch nicht reibungslos“. Folgerichtig ist cashless bei den Hamburgern 2016 erstmal wieder von der Agenda verschwunden. Wieder einmal. Man zahlt bar – und behält den Überblick.

Fallstricke des Systems

Schon im Vorfeld zeichnen sich ein paar -nennen wir es- Eigenarten ab.

Die Karte wird erst am Festival ausgegeben. Sprich: Das Ankommen wird sich auf jeden Fall verlängern. Bevorzugt wird mit einer schnelleren Schlange (Fast Lane), wer im Vorfeld schon einen Voucher im Online-Shop ersteht. Es gibt sie erst ab 50 Euro. Auf dem Arealplan sind 7 Ladestationen und ein Service-Center ausgewiesen – für 50000 Besucher. Drei davon sollen immerhin mit „mehr Personal besetzt“ sein.
Von der Höhe der Einzahlung hängt die Farbe der Karte ab. Es gibt sie in drei Varianten: Standard (bis 249 Euro), Silber (bis 449 Euro), Schwarz (ab 500 Euro). Wozu, fragt man sich? Als Statusobjekt? Damit Diebe möglichst schnell erkennen können, welcher Klau sich lohnen könnte?

Ohne Registrierung ist die Zahlkarte -gerade mit höheren Beträgen bestückt- extrem riskant.
Eine Personalisierung via Webseite mit eMail-Adresse, Name und Vorname ist schon im Laufe des Festivals nötig, um die Sicherheitsfunktion nutzen zu können. Nur dann kann die mit einer uniquen Nummer versehene Zahlkarte bei Verlust am Servicecounter gesperrt werden. Für finanzielle Verluste bis die Sperrung durchs System gesickert ist kommt niemand auf.
Versüsst wird einem die Registrierung mit einem 5% Rabatt-Gutschein auf die Early Bird Tickets des nächsten Jahres und einem halbwegs stabilen, öffentlichen WLAN am Festival.

Am Ende des Nova Rock muss man die cashless Karte nicht zwangsläufig vor Ort zurückgeben. Ohne Warteschlange lässt sich das Restguthaben auf das eigene Konto überweisen. Dafür brauchts eine erweiterte Personalisierung bei der auch die Bankdaten hinterlegt werden müssen. Ausserdem verzichtet man auf die Rückzahlung des Kartenpfand in Höhe von 5 Euro.
Die Personalisierung der eigenen Karte muss laut aktuellen Statuen bis am Dienstag nach dem Festival erfolgen. Ein sehr enger Zeitrahmen.

Allgemein wird einem von Veranstalterseite die Rücküberweisung als sinnvoller Weg ans Herz gelegt. „Wir bitten bei der Barauszahlung um Verständnis, dass es in Stoßzeiten z.B. zur Hauptabreisezeit zu längeren Wartezeiten kommen kann.“
Um die Auszahlung vor Ort noch weniger attraktiv zu machen, heisst es in der Info: „Aus logistischen Gründen müssen wir bei einer bar Auszahlung leider auf volle 50 Cent Auszahlungsbeträge abrunden z.B. dein Restguthaben beträgt 7,80 EUR, dann bekommst du 7,50 EUR in bar ausgezahlt und verlierst den Anspruch auf den Differenzbetrag.“

Um das Restguthaben zu checken braucht es eine Internetverbindung, die Nova Rock App oder man muss zum Servicepunkt. Am Gastrostand geht es natürlich auch – dann ist es möglicherweise aber zu spät. Aufladungen sind dort nämlich nicht möglich. So empfiehlt die Infoseite auch die Karte „gleich mit einem entsprechenden Guthaben für das ganze Festival auszurüsten“. Klingt nicht ganz uneigennützig? Stimmt.

Fakt ist: Organisatoren setzen nicht aus Nächstenliebe auf die Bargeldlos-Systeme. Sie liefern nicht nur auswertbares Datenmaterial, sondern erschweren es dem Kunden auch, den Überblick über seine Ausgaben zu behalten: 15-30 Prozent Umsatzplus registrieren Festivals, bei denen Bargeldloses Zahlen eingeführt wurde. Kein Pappenstiel und Grund dafür, dass immer mehr Festivals diesen Weg gehen werden.

Ein Promovideo von GET zeigt, was man zu erwarten hat – wobei das Nova Rock auf die Funktion „Zugangskontrolle“ zu verzichten scheint:

 

Fazit

Über die mit einem Cashless System verbundenen Kritikpunkte (Gläserner Kunde/Anonymitätsverlust, ungewollte Mehrausgaben, Wartezeiten an Serviceständen, Stabilität/Verlässlichkeit) mag man denken, wie man möchte.

Ich finde es aber auch in diesem Fall wieder dreist, dass man eine Abkehr vom Bargeld so kurz vor dem Festival kommuniziert und dem Kunden als exklusive Lösung aufdrängt. Vielleicht hätte sich der ein oder andere mit dem Wissen schlichtweg keine Karte gekauft.

4 KOMMENTARE

  1. Die Meldungen habe ich leider nicht gelesen. Das war meine persönliche Erfahrung und die aus meinem Umfeld. Ein großer? Teil der Beschwerden ist sicher auch Bedienfehlern des Personals zuzuordnen. Die zähle ich mal nicht zu den technischen Problemen. Das passiert halt leider auch bei Bargeld oder KK Geschäften. Aber wie du schon erwähnt hast, die Kontrolle ist ein Problem.

  2. Fazit danach: Die Nachteile wurden hier nun bereits aufgeführt und sind auch korrekt. Letztendlich gab es nur am 1. Tag eine Schlange für die Aufbuchung, es waren genug Ladestationen vorhanden. In unserer Gruppe mit ca. 20 Leuten hatte niemand ein Problem bei der Zahlung und es hat mich überrascht, dass es weder bei der online Registrierung noch beim Bezahlen zu Überlastungen kam. Auch wenn ich Bargeld bevorzuge, technisch hat die Lösung sehr gut funktioniert.

    • Das widerspricht aber duzenden Wortmeldungen bei Facebook. Die sprechen von nicht nachvollziehbaren Abbuchungen. z.B. 20 Euro weniger auf der Karte für 1 Wasser.
      Bin gerade dabei Infos zu sammeln um dann nochmal einen Artikel drüber zu verfassen.

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