Eins vorweg: Ich bin nicht als übertriebener Nörgler bekannt und/oder auch kein Technikhasser. Doch wenn ein System für den Kunden nur bedingt Mehrwert bringt und idiotensichere Zuverlässigkeit und Transparenz vermissen lässt, hat es meiner Meinung nach bei einem Festival keine Existenzberechtigung. So lange vorhanden Defizite nicht abgestellt wurden, werde ich nicht aufhören den Finger in die Wunde zu legen, sprich: gegen die Cashless Technik zu argumentieren. Ganz ausgeklammert sollen im Moment datenschutzrechtlichen Bedenken sein.
Aus Veranstaltersicht war die kurzfristige Einführung der RFID-Scheckkarten als Lösung des Registrierkassenzwangs ein voller Erfolg. Doch auch beim Nova Rock mussten die Festivalisten wieder feststellen: Mit dem aktuellen Evolutionsstand der Technik und mangelnder Humanpower wird nicht zwangsläufig alles einfacher und komfortabler. Und schon gar nicht transparenter.

Im blumigen Marektingsprech klingt das so:

Auch das erstmals angewendete Cashless System hat seine Feuertaufe problemlosabsolviert und das trotz oder gerade wegen dem neuen Besucherrekord von über 180.000 feiernden Rockfans, die sämtliche Neuerungen (von Grill & Chill Area powered by Hofer, Highway To Hell, VIP Areas etc…) frenetisch aufnahmen.

Mit dieser Einschätzung scheint man haarscharf an der Realität vorbei zu schrammen.
Auf Facebook finden sich Duzende Postings, die sich kritisch mit dem neuen bargeldlosen System auseinandersetzen. Sie zeigen klar: Es gab nicht nur vor Ort Probleme, sondern auch im Nachlauf daheim.

Überhöhte Abbuchungen und fehlende Aufladungen

Beim Festival kam es zu unverständlich überhöhten Abbuchungen. Ein Hot Dog und eine Pizza brachten zum Beispiel Martinas Guthaben von 59 auf 11 Euro herunter. Das ist selbst bei gepfefferten Festivalpreisen unrealistisch. Martina moniert ausserdem, dass aufgeladenes Geld nicht als Guthaben auf der Karte erschien.
Harald hat für ein Wasser 16,50 Euro abgebucht bekommen, Ines 13 Euro für ein Getränk, das inklusive Pfand regulär 8,50 Euro kostete.

Möglich, dass der Service diese Probleme noch aufklärt und ausräumt. Doch mit dem unnötigen Ärger bleibt man letztlich alleine.

Kartenpfand nicht zurückerstattet bzw. lange Schlangen

Schon vor dem Festival wurde kommuniziert, dass jeder dem Festival 5 Euro spendet, der seine Zahlkarte nicht vor Ort eintauscht. Denn die Paycards gelten nur dieses Jahr. Das haben nur sehr wenige bewusst mitbekommen – was eigentlich absehbar, böswillig gesagt: kalkulierbar, war. Verschärfend wurde mantramässig davon gesprochen, man solle doch alles in Sachen RFID-Scheckkarte bequem online abwickeln.

Ebenfalls absehbar war der Ansturm auf die wenigen offenen Umtauschstände, an denen sich nach dem letzten Auftritt lange Schlangen bildeten. Einige (viele) liessen sich von den Menschenmassen abschrecken und spendeten die 5 Euro lieber unfreiwillig, statt sich am Ende des Festivals noch einmal in eine weitere Wartereihe einzusortieren.
Und selbst wenn man seine Karte dann vor Ort zurückgeben konnte, war nicht zwingend gewährleistet, dass man sein Pfand auch wieder bekam.

Wer die Karte behielt, fand es schade, dass sie nicht mal als Souvenir taugt. Sie enthält laut Facebook Beiträgen nämlich keinerlei Nova Rock Branding.

Online-Personalisierung hakt

Um seine Transaktionen online einsehen zu können und sich den Restaufladebetrag von der Karte zurücküberweisen zu lassen, muss man sie online registrieren. Haken: Da man die Paycard erst am Festival ausgehändigt bekam, musste man die Registrierung vor Ort vornehmen/abschliessen, um eigene Transaktionen nachverfolgen zu können. Diese Personalisierung scheint bei vielen nach der Rückkehr nicht funktioniert zu haben. Auch am Festival selbst soll der Prozess schwierig bis unmöglich gewesen sein. Zumindest sonntags ging anscheinend gar nichts.
Heisst letztlich auch: Eine Ausgabenkontrolle über Webseite oder App dürfte nur bei wenigen wirklich funktioniert haben.
Mit viel Restguthaben auf der Karte kann man schon mal nervös werden, denn am Ende des heutigen Tages endet offiziell die Möglichkeit zu personalisieren. Der Logik entsprechend müsste das Guthaben auf der Cashless Card danach also unzugänglich/verloren sein. Diplomatisch formuliert ist und wäre das extrem kundenunfreundlich.

(Zwischen)Fazit

Selbst war ich nicht vor Ort und der Aufschrei bei Facebook hält sich in überschaubaren Grenzen. Die meisten also scheinen mit dem System klar gekommen zu sein bzw. sich damit arrangiert zu haben.
Zumindest vereinzelt aber bleiben Probleme. Teils sind die hausgemacht (zu wenig und überfordertes Personal), teils Bugs der Technik geschuldet (Funktion Personalisierung eingeschränkt, ungewöhnliche Abbuchungen, fehlende Aufladungen).
Mit Schwierigkeiten wird man leider ziemlich alleine gelassen, da als Supportkanal nur Facebook zur Verfügung steht. Wenigstens eine eMailadresse für Hilfesuchende oder besser noch eine Hotline wäre wünschenswert gewesen.

Generell spalten sich die Geister über die Abkehr vom Bargeld. Beim Nova Rock hätte man nach einer Gesetzesnovelle an jedem Stand eine Registrierkasse deponieren müssen. Daher entschied man sich auf Chip umzustellen. Aus Veranstaltersicht ein logischer Schritt, zumal sich bei bargeldlosen Lösungen Umsatzzuwächse bis 30 Prozent erwirtschaften lassen.

Alles schön und gut, aber liebe Festivalmacher: Wenn man uns das Bargeld entzieht, dann MUSS das System funktionieren. Ohne Wenn und Aber. Und ohne verschleierte Komforteinbussen auf Seiten der Festivalisten.

 

8 KOMMENTARE

  1. Du hast in allen Punkten Recht!!!
    Was mich am meisten aufgeregt hat war, dass ich mich nicht registrieren konnte! Bzw. Registrieren konnte ich mich aber ich konnte nicht auf meine Karte zugreifen, weil er immer wieder schrieb, dass es die Nummer nicht gibt! Wenn meine Karte gestohlen oder verloren gegangen wäre hätte ich schön durch die Finger schauen können.
    Außerdem ist so der Profit gesichert wenn man keine Kostenkontrolle hat! Und wegen den Belegen: Die Polizei kommt sicher nicht nur weil man einen Beleg nicht bei sich hat. Also srry ich muss es so sagen ich scheiß auf diese Karten. Die haben das doch schon von Anfang an gewusst und dann auf einmal „Ach es tut uns leid aber das war das beste was wir in der kurzen Zeit organisieren konnten.“ Geplante Profitgier mehr nicht!!!!

  2. Also ich hab auch eine KArte mit Nova Rock Branding… das System hat bis auf ein paar Anlaufschwierigkeiten am Donnerstag (eher Personalbedingt da viele vermutlich nur rudimentär geschult worden sind) meiner Meinung nach gut bis sehr gut funktioniert. Das Abholen und Aufladen der Karte habe ich am Mittwoch um 3 in der Nacht erledigt… kein anstehen, Aufladen ohne Probleme via Kredit-&Bankomatkarte und das Personalisieren am nächsten Tag hat auch bei uns allen (immerhin fast 20 Leute) problembefreit funktioniert… jedem sollte aber klar sein dass das Internet am Platz eher „mau“ ist und man nicht voll 3G oder LTE hat…
    Dafür hat aber jeder Teilnehmer einen Zettel zur Cashlesscard bekommen welchen er hätte für die Personalisierung ausfüllen und direkt beim Aufladestand wieder abgeben können. Somit wäre das Internetproblem auch erledigt gewesen.
    Für mich hat sich das Cashless System bewährt… war mir wesentlich lieber als 100te Kassabons zu bekommen die ich eh dann, rein theoretisch, erst beim Verlassen des Festivalgeländes entsorgen dürfte ;-)

    • Du musst aber zugeben, dass nicht jeder Bock hat seine Cashless Geschäfte nachts um 3 zu erledigen ;)
      Davon abgesehen: Glaub auch, dass die grössten Probleme beim Nova Rock nicht auf Kapazitätsprobleme der Technik -wie früher- zurückzuführen sind, sondern auf das (schlecht bezahlte) ungeschulte Personal.
      Wenn man das auf die Kette bekommt, sporadische Unzulänglichkeiten ausmerzt und die Registrierungsphase nach dem Festival vielleicht ein wenig verlängert, können wohl die meisten damit leben, dass man ihnen das Bargeld entzieht.

      Muss es bei Euch wirklich physikalisch ausgedruckte Kassenzettel geben? Die Registerkassen böten doch sicher auch die Möglichkeit dem Kunden die Beträge auf einem Display anzuzeigen. Wie eben bei cashless auch. Nicht ausreichend um dem Gesetz genüge zu tun?

      • Das Gesetz in Ö verlangt tatsächlich ausgedruckte Kassenbons die der Kunde bis zum Verlassen des Lokals (in diesem Fall dem Festivalgelände) bei sich trägt… Wenn Ordner vorm Eingang stehen und kontrollieren würden müssten Besucher die Belege vorzeigen können (so rein aus der Gesetzesformulierung heraus)

  3. Also zumindest meine Karte hat einen NovaRock Aufdruck. Genau das hat mich aber etwas gewundert. Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass man in so kurzer Zeit (Ankündigung cashless bis Festivalbeginn) so viele individuell bedruckte Karten bekommt. Ich musste die 5 Euro leider auch „spenden“. Nebenbei musste ich noch 40 Euro berappen, um „früher“ (Mittwoch) auf den Caravan Platz auffahren zu dürfen. Zudem wurde der Müllpfand von 5 auf 10 Euro angehoben. Vermutlich weil es letztes Jahr einige Medienberichte zu den Müllbergen gab. Effektiv wird der Müll ja dadurch nicht weniger und wenn ich an die Tonnen von nutzlosem Merchandise (Captain Morgan, Ö3, Öbb, usw…) denke, wäre das mal ein Ansatz den Müll zu verringern.

    • Am sinnlosen Müll von Festivalpartnern lässt sich leider nur schwer rütteln. Da müsste der Veranstalter rigidere Regeln aufstellen, was aber vermutlich nicht passieren wird, da der ein oder andere Finanzierungspartner dann ja abspringen könnte.
      Letztlich muss uns klar sein: Unser Hobby lässt sich einfach nicht wirklich umweltfreundlich gestalten. Wir können nur versuchen es weniger umweltschädlich hinzubekommmen.
      Wenn man alleine den Energieverbrauch eines Festivals anschaut…

  4. also ich war erst auch ziemlich skeptisch hat aber alles super funktioniert, ich hab mir freitag mittag die karte geholt 500€ mit bankomat bezahlt danach am handy personalisiert und mir heute den restbetrag auszahlen lassen (die e-mail bestätigung kam 3min später – geld hab ich natürlich noch keins am konto),
    das einzige problem was mir aufgefallen ist dass ich 10€ für otterrocker abgebucht bekommen hab an die ich mich nicht erinnern kann aber daran könnte auch der alkohol schuld sein :D

    • Schön, dass für Dich alles reibungslos geklappt hat. 500 Euro ist durchaus sportlich :)
      Es scheint aber nicht bei allen der Fall so problemlos gelaufen zu sein. Und wenn man von einem Fehler betroffen ist, nervt das glaub ich schon ziemlich. Die 5 Euro Pfand hast ja auch geopfert. Natürlich ein vernachlässigbarer Betrag wenn man die Gesamtausgaben zu Grunde legt. Dennoch ne kleine Frechheit.
      Darum: Ich erwarte, dass es für alle klappt und mehr geschultets Personal dafür sorgt, dass es vor Ort smoother läuft. Und so Fallstricke wie 5 Euro Pfand vermieden werden.
      Bist Du da bei mir?

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here