Überall leuchtet und blinkt und staubt es. Laute Musik, ganz viel Bummbumm, Seifenblasen und Konfetti. Das Lollapalooza Berlin präsentiert sich als überdrehter Rummelplatz für 70.000 Menschen – und die allermeisten spielen mit. Ein Rückblick auf den unwiederholbaren Ausflug in den Treptower Park, der die Veranstalter sehr viel Nerven gekostet haben muss.

Eine lange Vorgeschichte
Als gegen Ende letzten Jahres klar wurde, dass die Geflüchteten in der Unterkunft am Premierenspielort, dem ehemaligen Flughafen Tempelhof, nicht einfach wieder weg gehen, musste sich das Lollapalooza, kaum in Berlin angekommen, schon wieder nach einer Alternative umsehen. Ebenso involviert: Das Land Berlin, das dem Veranstalter in einem Vertrag das Gelände in Tempelhof mehrjährig zugesichert hatte und nun für Ersatzvorschläge sorgen musste, um Schadensersatzansprüche zu vermeiden.

Mehrere Optionen standen zur Auswahl, darunter der neue Flughafen Berlin-Brandenburg, BER, der für den Flugbetrieb bekanntlich ohnehin gänzlich ungeeignet scheint. Am Ende fiel die Wahl der Veranstalter auf dem Treptower Park, der groß ist und dank Ringbahn-Anschluss sehr zentral liegt, zugleich aber eben auch ein Naherholungsgebiet und Denkmal darstellt – und kein Festivalgelände.

Kaum wurde publik, dass es in diesem Jahr eine einmalige Ausnahmeregelung für das Festival geben könnte, wurde die Liste derer, die mitreden wollten, über Nacht länger: Botschafter der ehemaligen Sowjet-Staaten baten Senat und Bezirk um eine Verlegung des Festivals angesichts des im Park gelegenen Sowjetischen Ehrenmals für Soldaten, die im Kampf gegen den Nationalsozialismus gestorben waren. Anwohner protestierten. Eine Petition gegen das Festival erreichte mit der Zeit über 6.000 Unterstützer. Naturschützer warnten vor den Gefahren für die im Park lebende Igelpopulation.

Sicherlich brachten die Gegner zum Teil starke und berechtige Argumente gegen ein Festival im Treptower Park hervor, und doch erreichte der Protest bisweile parodistische Qualität: So soll eine Anwohnerin auf einer Bürgerversammlung quasi präventiv gedroht haben, die Veranstalter zur Verantwortung ziehen zu wollen, sollte ihr Kind aufgrund des Festivals “bleibende Schäden” davon tragen. Kann nicht einmal jemand an die Kinder denken? Tief durchatmen, bitte.

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Begrenzt geeignet
Am Ende erlaubten die Behörden das Festival unter dem Joch seitenlanger Auflagen, offiziell erst wenige Wochen vor Veranstaltungsbeginn. Nicht unerschöpft wirkend berichtet Festivaldirektorin Fruzsina Szép auf der Pressekonferenz zum Festival von der Zusammenarbeit mit insgesamt 16 beteiligten Behörden und den vielen Kilometern Bauzaun, die festivalgeeignete Flächen des Parks von jenen trennten, die von den Gästen in Ruhe gelassen werden sollten. Die langen Zaunläufe schmückten die Veranstalter schließlich im aufgedrehten Lollapalooza-Look und machten ihn so zum massenhaft genutzten Backdrop für Besucherselfies. Aus der Not eine Tugend machen, oder so.  

Genug des nacherzählten Vorgeplänkels. Zeitsprung auf den 10. September 2016 – und damit ab in die bunte Festivalgegenwart.

Viel Sonne, viel Bummbumm und einige LineUp-Perlen
Am Gelände angekommen, gilt es sich zunächst zu orientieren. Mögen zumindest vor Ort lebende Gäste den Park als Ort des gemeinschaftlichen draußen seins kennen, hat er für die zwei Tage des Festivals eine ganz andere Gestalt angenommen: Den Laufsteg der Besucher bildet jene Allee, auf deren Asphalt sonst die durchrauschenden Autos den Park in zwei Teile schneiden. An den Laternen hängen nun Lichterketten. Neben dem für Besucher unzugänglichen Sowjetischen Ehrenmal haben die Macher die beiden Hauptbühnen aufgebaut. Am südlichen Ende des Geländes, direkt neben der Spree, dessen Anblick einem aufgrund der Zäune allerdings entgeht, steht die Alternative Stage.

Und dann gibt es noch die Perry’s Stage für größtenteils egales elektronisches Geballer, zu deren wummernden Bässe so viele Menschen in großer Tanzwut feiern, dass es nicht länger wundern braucht, wenn ein auf die EDM-Ekstase getrimmtes Riesenfestival wie Tomorrowland mit Verlässlichkeit binnen Minuten ausverkauft ist. Ein fantastisches Schauspiel: Die DJs spielen Entertainer mit massentauglichen Sets rund um remixte Songs, die jeder kennt. Sie peitschen das Publikum mit Ansagen an, kündigen dabei mit 1-2-3-4 ihre Drops an; und wer noch nicht verstanden hat, dass jetzt ausflippen angesagt ist, wird mit aus dem Boden gefeuerten Nebelkanonen ins Boot geholt.

Symbolbild.
Symbolbild.

Aber warum eigentlich nicht, solange es die Leute zum Feiern bringt und es bringt sie mal sowas von zum Feiern. Die anderen haben schließlich reichlich Ersatzprogramm: Jagwar Ma, zum Beispiel, haben in UK mit dem Debüt Howlin einen solchen Hype erspielt, dass Großinstanz Noel Gallagher ihren Namen in den Mund nahm. Dazu ließe sich noch ein Tame-Impala-esk als rühmende Beschreibung in den Ring werfen. Dem Hype mag man folgen oder nicht. Auf jeden Fall passt das Konzert zum Lollapalooza: eine lockere Show mit psychodelischen, elektronisch aufgeladenen Songs mit Lyrics, die genau das richtige sind für einen Tag, in dem Alkohol und Hitze schon so ein ganz bisschen in den sich fortan leicht debil anfühlenden Kopf gestiegen sind.

Tocotronic machen im Anschluss grundsolide das, was sie gefühlt immer machen: Schön rockiges Set, zwischendurch eine Parole zur Lage der Nation  (Aber hier leben, Nein danke) und andere lyrisch-sperrigen Ansagen, heute zum Lob der Fremdheit von Morgen, die (fast?) keiner mehr so richtig versteht. Konzertabschluss mit Freiburg.

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Als es einige Stunden später auf die Headliner zugeht, zeigt sich ungemütlicherweise wie viele Leute tatsächlich vor Ort sind: Aus dem Plan, kurz bei Kings Of Leon vorbeizuschauen bevor es weiter zu New Order geht, wird ein zwanzig minütiges feststecken in der Menge. Ein Teil der Besucher der gerade zu Ende gegangenen Show Paul Kalkbrenners bahnt sich durch die Menge derer, die Kings of Leon sehen möchten. Und bleibt stecken. Tatsächlich wird die Bewegung der Besucher wellenförmiger, die Stimmung aggressiver. Viele klettern über den Tresen eines Getränkestandes und reißen schließlich etwa 20 Meter eines Absperrzauns ein, um sich aus der Menge zu befreien. In so einer Situation werden Kings Of Leon schnell zur Hintergrundmusik (weitere Eindrücke diesbezüglich finden sich in zahlreichen Facebook-Kommentaren).

Erst einmal bei New Order angekommen geht die Stimmung bei mir aber schnell zurück auf Festivalprogramm. Zuletzt hatte ich die Band bei einem Q&A auf dem Reeperbahn Festival 2015 gesehen: Neben mir standen ältere Herren, die in ihrer Aufregung, gerade Helden ihres Erwachsen werdens wieder zu sehen, plötzlich eine gewisse Jugendlichkeit ausstrahlten. Sicherlich gelingt es nicht, das selbe Verhältnis zur Band zu entwickeln, wie jene, die sie mit 17 oder 18 als eines ihrer ersten Konzerte in einem Club gesehen hatten. Und trotzdem kann man ihre popkulturelle Bedeutung anerkennen, weil das, was sie machen, damals so neu war.

In diesen Lichte sieht man dann auch heute den Auftritt einer nicht mehr ganz so jugendlichen Band, in dem die einzelnen Akteure kaum einmal aus dem nebeligen Bühnenhintergrund hervortreten. Eine Videowand zeigt etwas trashig geratenes Irgendwas. Großteils in kühlen Farben gehaltene Lichtsäulen schneiden sich mit großer Bestimmtheit in den Abendhimmel, um dann in den Baumkronen hängen zu bleiben. Und dann spielen sie True Faith und Blue Monday hintereinander und Sänger Bernard Summer geht am Ende zum Keyboard von Gillian Gilbert, um das Lied gemeinsam mit ihr zu Ende zu spielen. So geht Konzert. Als Zugabe bläst die Band schließlich Joy Divisions Decades und Love Will Tear Us Apart in den Park und der erste Festivaltag kann sehr glücklich zu Ende gehen. Auch ohne Aftershow Party im Matrix.

Radiohead et al.

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Tatsächlich steht der ganze zweite Festivaltag unter der Spannung eines zu erwartenden zweieinhalbstündigen Radiohead Konzertes (Für andere ist es wohl das unmittelbar davor stattfindende Major Lazer Konzert auf der zweiten Bühne, aber das ist eine andere Geschichte).

Den Auftakt macht aber Aurora: in größter Bescheidenheit präsentiert sie mit ihrer Band Songs, die in ihrer poppigen Zugänglichkeit im Ohr bleiben; und  zugleich alle möglichen Klang- und Traumwelten öffnen. Persönlicher Höhepunkt: Murder Song (5, 4, 3, 2, 1), auch wenn sie sich im direkten Anschluss dafür entschuldigt, so viele traurige Songs zu spielen, obwohl doch die Sonne scheine. Weitermachen, bitte.

Im weiteren Verlauf des Tages passiert viel Erwartbares: Bilderbuch versprühen auf der Bühne ironisch kaum mehr gebrochene sexyness, und schrecken dabei nicht mal davor zurück, in einem Wort zum Sonntag mit herausgestrecktem Hintern die Kirchen zu provozieren, ohne dabei zu beachten, dass Berlin ohnehin ein recht gottverlassener Ort ist. The Temper Trap schließen ihr Set mit Sweet Disposition ab. Was Róisín Murphy macht, weiß ich nach wie vor nicht so genau, ich weiß aber nach einem Kurzbesuch, dass ich mehr davon haben möchte und Dear Miami ein fantastisches Lied ist. In der einberufenen Pressekonferenz erklären die Veranstalter, dass es herausfordernd ist, ein Festival mit 70.000 Menschen pro Tag im Treptower Park zu veranstalten. Im nächsten Jahr bleibt man mit dem Lollapalooza Berlin in Berlin. Ein neues Gelände ist zwar gefunden, der Vertrag ist aber noch nicht unterschrieben, und das ist wichtig, bevor man sich der Öffentlichkeit mitteilt. Die Trabrennbahn Karlshorst ist es nicht. Vom Pressekrams zurück, zeigt sich, in wenigen verbleibenden Minuten, dass James Blake zwar toll ist, aber eigentlich in die Dunkelheit gehört oder zumindest in den Regen. Den gab es das ganze Wochenende nicht. Entsprechend staubig ist inzwischen die Luft. Immerhin streut er das Licht, das sich den Weg durch die Blätter der Alleebäume bahnt, was einen der fotographierbarsten Anblicke des Wochenendes einbringt. Sonnenuntergangsbilder funktionieren immer. 

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Zeit, sich gedanklich auf Radiohead vorzubereiten, obwohl das Wummern von Major Lazer das Denken an irgendetwas schwer macht. Vielleicht sind sie deshalb so erfolgreich.

Plötzlich steht die Band auf der Bühne und spielt erst mal das halbe A Moon Shaped Pool durch, schiebt 2+2=5 nach und wenig später eine sehr, sehr perfekte Version von Reckoner. Ab dann ist, zumindest bei mir, alles im Fluss. Radiohead arbeiten wieder mit den vielen Einzelbildern, verteilt auf mehrere Bildschirme im Hintergrund. Jeder zeigt ein kleines Detail:  Die Hand an der Gitarre, der wackelnde Kopf von Thom Yorke und so weiter. Ein wichtiger Teil der gelungenen Inszenierung des großen Ganzen.

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Wenige Töne zu Beginn eines jeden Liedes lassen die vielen Radiohead-Jünger im Publikum jubeln. Großjubel auch für eine sehr elektronische Variante von Everything In Its Right Place. Inbrünstiges mitsingen bei Street Spirit (Fade Out). Puh. Nach etwa zwei Stunden die Zugabe: “I know it, You Know It, They know it”, sagt Yorke. Mein Nachbar klärt auf: “Yes, man. They play it again!”. Und dann beginnt Creep. Danach Karma Police. Am Ende steht der Sänger alleine auf der Bühne mit Gitarre in der Hand und setzt ein letztes Mal an:  “For A Minute There / I lost myself”, klagt er ins Mikrofon, gestützt durch den Chor des Publikums. Das bleibt im Kopf stecken, während es in den Menschenmassen über die Allee des Parks nach Hause geht.

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