Zum Reeperbahn Festival kommen nicht nur zehntausende Gäste nach Hamburg, um sich in Locations quer verteilt auf das Ausgehzentrum der Stadt aufstrebende Bands anzuschauen, es ist auch ein wichtiger Treffpunkt all jener, die in der Musikindustrie und verwandten Bereichen tätig sind. So ist das Festival die ideale Gelegenheit um nachzuspüren, was den Festivalmarkt beschäftigt.

Tatsächlich dauert es, wenn man ins Gespräch kommt, nur wenige Sätze um zu merken, mit wem man gerade zu tun hat: Da sind die Veranstalter kleiner, unabhängiger Festivals, die mit viel Herzblut in ihrer Freizeit wertige Musik in die ansonsten recht karge Heimat bringen möchten. Und dann sind da diejenigen, die dir ihre Visitenkarte in die Hand drücken, und nicht verbergen möchten, wofür sie gekommen sind: zum Geschäfte machen. Tatsächlich hat der Einblick hinter die Kulissen teilweise etwas entzauberndes, wenn Musik und Bands zum vermarktbaren und konsumierbaren Produkt werden. Gut, dass die vielen kleinen Konzerte mir noch unbekannter Bands einen kleinen Ausbruch daraus bieten (obwohl sie letztlich genauso zum gesamten Prinzip gehören).

Festival Kombinat etabliert sich

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Erfrischend sind auch die ganzen Anekdoten, die die Veranstalter des Festival Kombinats in ihrer Gesprächsrunde auspacken: Da geht es dann um Fragen, wie viel Schlaf die Veranstalter während ihres Festivals abbekommen (wenig) und wie es sich anfühlt, wenn man komplett vom Dixie auf ökologische Toiletten umstellt, und das anfangs alles nicht so recht funktionieren mag (mäßig).

Im Schnitt zeigen sich die anwesenden Festivals aber zufrieden mit der vergangenen Saison. Das Feel Festival, beispielsweise, muss sich sogar davor hüten, nur so schnell zu wachsen, wie es die eigenen organisatorischen Kapazitäten erlauben. Auch das Festival Kombinat selbst hat einen guten Start erlebt, und geht jetzt den Schritt in die institutionelle Verankerung als Verband deutschsprachiger Festivals. Auf zusätzliche Adjektive wie “kleiner” oder “unabhängiger” verzichtet man inzwischen. Und so sitzt auch eine Vertreterin der Hörstmann Unternehmensgruppe (Melt!, Splash!, Lollapalooza) auf dem Panel, um ihrerseits auf eine anstrengende (Lollapalooza!) aber erfolgreiche Festivalsaison zurückzublicken.

Die Festival Saison 2016

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Das bestätigt schließlich einen Tag später auch Fruzsina Szép, Festivaldirektorin des Lollapalooza Festivals, in der traditionellen Elefantenrunde der Konferenz, in der Veranstalter europäischer Großfestivals auf die vergangene Saison zurückblicken. In 20 Jahren in der Branche wurde sie mit der Veranstaltung des Lollapalooza Festivals im Treptower Park vor die größten Herausforderungen gestellt. 70.000 Leute pro Tag kamen.

Ansonsten hört man hier das Übliche. Bei manchen läufts: Anders Wahrén, Chefbooker des Roskilde Festivals, berichtet vom schnellsten Ausverkauf seit 20 Jahren. Man habe in diesem Jahr weniger auf den einen großen Headliner gesetzt sondern auf Bands der zweiten Reihe (wobei sich diese beim Blick auf das 2016er LineUp – mit Namen wie Red Hot Chili Peppers, PJ Harvey, Tame Impala, New Order – immer noch reichlich groß lesen).

Die Headlinerproblematik bleibt bestimmend. Die großen Namen bleiben wichtig, betont Szép, die ihr Lollapalooza in diesem Jahr mit Radiohead und Kings Of Leon schmücken konnte. Die richtigen Headliner zu finden, sei “the biggest headache for all of us”. So verwundert es wenig, dass hier auch die gleichbleibend skeptischen Aussagen vertreten sind: Stuart Galbraith von Kilimanjarolive (u.a Sonisphere) verzichtet angesichts der Marktlage derzeit darauf, sein eigentliches Zugpferd, das Sonisphere UK, stattfinden zu lassen. Genauso meint er, dass die aller meisten UK Großfestivals, die auf Heads angewiesen sind, am straucheln seien.   

Headliner werden teurer und die geeignetste Möglichkeit, um den insgesamt höher werdenden Ausgaben zu begegnen, ist ein erhöhter Ticketpreis. Diese werden damit auf absehbare Zeit weiter wachsen – und Gespräche mit Veranstaltern verraten, dass ein Ende des Trends auf absehbare Zeit nicht zu erwarten ist. Ausgesprochen positiv fällt da Michal Kašcák auf, der als unabhängiger Veranstalter das Pohoda Festival in der Slowakei veranstaltet (dieses Jahr unter anderem mit The Prodigy, PJ Harvey, Sigur Rós und James Blake): Mit den wachsenden Ticketpreisen verändere sich auch das Klientel, hin zu Menschen mittleren Alters mit mindestens mittleren Einkommens. Dabei drohe man, die Generation aktuell heranwachsender Festivalbesucher zu verlieren.

Um das Resümee zur Festivalsaison 2016 noch um Stimmen zu ergänzen, die nicht auf diesem Panel vertreten waren: Die DEAG, vertreten durch den operativen Chef Christian Diekmann, zieht ein positives Fazit bezüglich Rock In Vienna, Rockavaria und den Sonisphere in der Schweiz. Rock im Revier bleibt von seiner Seite unerwähnt. Auf Nachfrage von Festivalisten kommt dann doch noch eine Antwort, die die Zukunft des Festivals im halboffenen lässt. Eine Tendenz gebe es aber.  Und die sieht mäßig aus. Der Markteinstieg als solches sei teurer ausgefallen als geplant, gesteht man sich ein. Ansonsten wird weiterhin viel vom Potential auf dem Festivalmarkt gesprochen. Und die anderen Veranstalter haben sich eingestellt, dass sich die Festivalwelt auch nach Markteinstieg der DEAG und dem Wechsel der Lieberbergs zu Live Nation irgendwie weiterdreht.  

Das Wetter

Lieberbergs hatten indes genauso wie Marktführer FKP Scorpio ein überaus turbulentes Jahr. Und das liegt an einem Thema, das den Sommer so prägte, wie wenig anderes: extremes Wetter.

Hätte FKP Scorpio eigentlich mit Rammstein an der Spitze des LineUps und Ausverkauf weit vor Festivalbeginn zufrieden in die Saison gehen können, brachten heftige Unwetter das Southside Festival wenige Stunden nach Auftakt des Musikprogramms zur  Komplettabsage; beim Hurricane mussten Veranstaltungsteam und beteiligte Behörden und Helfer alle Anstrengungen unternehmen, um das Festival am Sonntag nach einem Tag Unterbrechung halbwegs regulär zum Abschluss bringen zu können. Von allen Seiten, eingeschlossen Festivalisten, bekam das Team Lob für die Kommunikation während und nach des Desasters (#HurricaneSwimTeam).

Das wird seinen Teil dazu beigetragen haben, dass viele Festivalisten die Möglichkeit nutzen, ihre Ticket-Rückerstattung in Hurricane/Southside-Tickets für 2017 einzusetzen: Mehr als die Hälfte der Karten beider Großfestivals sind bereits vergriffen.

Dass die Veranstalter bei einem Schaden, der in die zweistellige Millionenhöhe ging, überhaupt eine Rückerstattung anbieten konnte, liegt an der vorab abgeschlossenen Versicherung. Noch bis Jahresende werden die Festivalabsagen aus dem Juni 2016 den zuständigen Versicherer beschäftigen, erzählt Geschäftsführer Matthias Grischke. Ein Komplettabsage der Großfestivals aufgrund extremen Wetters hätte er vorher nicht für möglich gehalten. Nun ist der Schaden da und klar ist auch eines: die Versicherungsbeiträge werden in den kommenden Jahren wachsen.

Ein nachhaltig besonderes Verhältnis zum Wetter hat übrigens  Fruzsina Szép vom Lollapalooza: Aufgrund der besonderen Gegebenheiten des Treptower Parks sei dieses Jahr ein ansprechendes Wetter besonders wichtig gewesen für die Veranstalter. Als Joker kam dabei wie letztes Jahr der Geist der Großmutter zum Einsatz. Er brachte Erfolg. Die Geschichte wiederum erzeugte viel kopfschütteln seitens der meisten Panelgäste im Schmidt’s Theater des Reeperbahn Festivals.

Terror

An einem weiteren ernsten Thema kamen die Veranstalter in diesem Jahr einfach nicht herum. Alle Großveranstaltungen haben ihre Sicherheitskonzepte, entwickelt und durchgeführt in enger Abstimmung mit den Behörden. Alle sagen sie, dass die Durchführung der Sicherheitsmaßnahmen möglichst im Hintergrund bleiben sollten. Und alle sagen sie: Wir geben unser Bestes, aber absolute Sicherheit kann es niemals geben.

Während die einzelnen Maßnahmen aus guten Grund nicht detailliert öffentlich thematisiert werden, gaben Beispiele doch einen Einblick, wie aufwendig der Schutz einer Großveranstaltung im Jahr 2016 aussehen muss: Vor Öffnung und nach Schließung des Geländes laufen Sprengstoffspürhunde über das Gelände. Die Listen von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern werden an Behörden für Checks weitergegeben. Das Sicherheitspersonal wurde deutlich erhöht. Eine enge Zusammenarbeit mit der Polizei, die zum Teil auch zivil vor Ort ist, versteht sich von selbst. Außerdem haben 2016 die sogenannten “Nizza Barrikaden” Eingang in die Fachsprache für Veranstaltungstechnik gefunden. Und während die einzig vernünftige Antwort auf Terror das Weitermachen sein sollte, berichtet Stephan Thanscheidt zugleich von einem zeitweiligen Einbruch des Vorverkaufs für den Chiemsee Summer nach Nizza und München.

Innovationen

Manchmal gibt es nicht den passenden Übergang. Die Veranstaltungsbranche beschäftigt auch andere Themen. Während manche technischen Innovationen sicherlich wünschenswert sind, etwa ökologisch vernünftige Toiletten statt Dixie, kommt bei anderen das Gruseln. Eine Vertreterin von Ticketing-Anbieter Eventbrite spricht fasziniert von den Möglichkeiten, die in den USA längst normal sind: So kann man sich vor dem Besuch bei Disney World in Orlando vorab einen Zugang zur Achterbahn buchen. Und ein Essen am Imbiss nebenan vorbestellen. Die Veranstalter schließlich wissen jederzeit, wo sich die Gäste gerade aufhalten. Ob Cola oder Mineralwasser gerade beliebter ist. Und so weiter.

In Deutschland ist der Markt rund um RFID/Cashless Payment schwieriger, versichern alle, mit denen man über das Thema redet. Während ein Festival wie das Immergut Cashless Payment auch aus ideellen Gründen mittelfristig ausschließt (und die Haptik des Bargeldes lobt), ist FKP mit der versuchten Einführung bereits zwei Jahre lang auf die Schnauze geflogen. Das Melt! verzichtete 2016 auf bargeldlos, auch das Lollapalooza wiederholte das Chip-Prinzip in diesem Jahr nicht. Schuld sollen neben den örtlichen Gegebenheiten auch die Unzufriedenheit der Gäste gewesen sein. Beim Splash! jedenfalls, wo das Publikum im Schnitt deutlich jünger ist, bezahlte man auch 2016 bargeldlos.

Von allen, die es ausprobierten, hört man übrigens, dass das angepriesene Umsatzplus tatsächlich eintritt. Allerdings ist die Technik selbst auch mit beträchtlichen Kosten verbunden.

Ein Hintergrundgespräch mit einem führenden Anbieter der Technik brachte schließlich einige kritischen Gewissheiten durcheinander: So lässt sich die Technik, zumindest wenn man so will, auch anonym nutzen. Viele der Daten, die den Veranstaltern zur Verfügung gestellt werden, könnten auch das Erlebnis der Gäste verbessern. Wenn das Zahlen bequemer ist, gebe man auch einfach gerne etwas mehr Geld aus. Und Daten werden auch anderweitig gesammelt. Da mag stellenweise schon etwas dran sein. Privat verzichtet der Mitarbeiter der Firma auf die Nutzung von Facebook.

Musik gab es auf dem Reeperbahn Festival übrigens auch. Aber das ist eine andere Geschichte.

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