Eigentlich beginnt das Eurosonic Noorderslag einige Wochen vor dem Festival im Email-Posteingang: Bandmanagements, Promoagenturen und nationale Exportbüros melden sich mit adjektivgetränkten Texten, um ihre Acts als the new shit zu verkaufen. Der Auftritt beim Eurosonic soll ihren Bands den Weg zum europäischen Erfolg bahnen.

Hunderte von ihnen, in diesem Jahr 382, reisen so mit einer gewissen Hoffnung nach Groningen in den Norden der Niederlande. Hier trifft sich zum Jahresanfang die Musikindustrie Europas. Hier sind die Booker von über vierhundert Festivals, um ihr Programm zu füllen. Hier möchten internationale MedienvertreterInnen Geschichten des Auf- und Durchbruchs erzählen. Und das können sie auch: Denn hier sind schon Bands wie Editors, Franz Ferdinand oder The XX aufgetreten – und zwar bevor der große Erfolg kam. So wird der Besuch von Groningen fast zu einem Muss für den Bandnachwuchs. Selbst wenn der eigentliche Auftritt nicht die großen Wellen schlägt, ist schon der Name „Eurosonic Noorderslag“ im Bandportfolio als solches ein wichtiger Schritt.

Groningen also: Eine Stadt, in der man alles zu Fuß erreichen kann. Auf ockerfarbenen Pflastersteinen. Die Konzerte verteilen sich auf etwa 50 Locations in der Innenstadt, vom Konzertclub, über das eigentliche Jazzcafé bis hin zur Schulaula. Die meisten davon liegen innerhalb eines Rings, eingegrenzt von einem Kanal auf dem Hausboote liegen und wo Möwen herumfliegen. Einmal von Norden nach Süden geht man gerade einmal einen Kilometer.

Peter Smidt, heutiger Creative Director, hat das Eurosonic Noorderslag in den Achtzigern mitgegründet. Im Gespräch erklärt er das Prinzip des Festivals: Zwischen Mai und September können sich Bands für das Festival bewerben. 3.000 bis 5.000 Acts machen das jedes Jahr. Es folgen Diskussionen mit nationalen Exportbüros, Festivalveranstaltern, Medien, wie das aktuell beste Programm des jeweiligen Landes aussehen könnte. Die lokalen Vertreter haben dafür in der Regel ein gutes Gespür. Immerhin konnten die auftretenden Bands im eigenen Land in der Regel bereits erste Erfolge feiern. Aus Deutschland stehen 2017 etwa Roosevelt und Drangsal im Programm. Erste Erfolge müssen aber noch nichts bedeuten: „Du kannst weltbekannt in deinem eigenen Land sein und trotzdem in Europa nicht funktionieren“, sagt Smidt.

Die letzte Entscheidung fällt das Programmteam des Festivals oft in Absprache mit den jeweiligen Managements und Bookern.  Damit Bands vom Eurosonic profitieren können, müssen sie bereit sein, wenn europaweit Buchungsanfragen kommen, also zum Beispiel entsprechende VertreterInnen gefunden haben. Natürlich müsse eine Band allen voran eine gute Band sein und live abliefern, um Erfolg zu haben, sagt Smidt. Aber darüber hinausgehend sei das Timing entscheidend: „Du kriegst nicht allzu viele Chancen.“

Es lässt sich erahnen, dass der Auftritt beim Eurosonic für Bands von einer besonderen Anspannung begleitet ist. Immerhin stehen potentiell diejenigen Booker im Publikum, die einen im folgenden Sommer auf die Festivalbühnen holen könnten. Und auch bei vielen anderen Gästen geht es nie nur um den Auftritt der Band im Moment, sondern immer auch um die Frage, wo er sie hinbringen könnte.

Da sind zum Beispiel Let’s Eat Grandma aus Norwich, UK, die in der Stadsschouwburg, dem Stadttheater, spielen. Auf der Bühne stehen zwei Frauen, die sehr experimentellen, spannenden Pop machen, dabei viele, viele Instrumente einsetzen und sehr theatral auftreten: Mit Klatschspielen vorm Mikrofon zum Konzertauftakt etwa. Nach dem Konzert kommt die große Erkenntnis, dass die beide ERST SIEBZEHN sind. Nicht viel älter sind die Mitglieder von Giant Rooks, denen man ebenfalls einen Bekanntheitssprung zutrauen möchte (sowieso, wenn man sich ein Live-Video wie dieses anschaut, und den hörbaren „Hinterland“-Einschlag im Intro mal ignoriert). Immerhin: Vorband der Vorband von AnnenMaiKantereit waren sie schon mal.

Am meisten Spaß aber macht das Festival, wenn man solche Gedankenspielereien hinter sich lässt und fließt durch eine Stadt voller Musik. Von Location zu Location. Deutlich wird das auch am letzten Abend, an dem das Noorderslag Festival dort stattfindet, wo in den Tagen zuvor die Konferenz für das Fachpublikum stattfand. Das Noorderslag war früher einmal das Hauptevent, bevor der europäische Austausch mit dem Eurosonic in den Mittelpunkt rückte – und bringt noch heute niederländische Künstler und Künstlerinnen auf die Bühne, von ganz neu bis recht etabliert. Entsprechend ist an diesem letzten Abend ein Großteil der Professionals abgereist, das Publikum ist nun ein anderes und sieht in Locations vom großen Saal bis zur Clubvenue mit niedrigen Decken staatlich gefördert, was die Popmusik der Niederlande zu bieten hat. Da ist zum Beispiel Cannshaker Pi aus Amsterdam, die sich laut Programmheft seit ihrem Letztjahresauftritt eine „formidable live reputation“ erspielt haben und dann tatsächlich sehr lauten Garage Rock spielen, der viele Gäste mitspringen lässt.

Klangstof, Foto: Pessefoto, Eurosonic Noorderslag


Und dann ist da noch
Klangstof, eine der Bands, bei denen viele am Eurosonic gesagt hatten „die machen’s“. Beim European Talent Exchange Program (ETEP) etwa stehen sie auf der Wunschliste der teilnehmenden Festivals in diesem Jahr ganz oben. Teilnehmende Festivals, es sind hundert in Europa, können aus dem Pool der Eurosonic Bands wählen und sie EU-gefördert zu ihren Festivals holen. ETEP ist ein Bandbekanntmachprojekt und entspechend Kernbestandteil des Festivals.

Auf dem Noorderslag spielen Klangstof nun in einer mittelgroßen Location. Schon fünfzehn Minuten vor Konzertbeginn nimmt ein älterer Mann auf den Rängen Platz. Er ist aus Groningen, erzählt er. Er erzählt auch vom Hype auf die Band und dass er deshalb schon früher gekommen sei. Er erzählt, dass der Sänger von Klangstof eigentlich aus den Niederlanden komme aber in Norwegen aufgewachsen sei und dass man das wohl höre wegen den verträumten Landschaftsbildern und man vermutet, dass er das in der Lokalzeitung gelesen hatte. Tatsächlich aber klingen Klangstof ganz am Anfang erst mal so, dass man überlegt, ob man gerade in einen Sigur-Rós-Song gestolpert ist, bevor einen die irgendwann los spielenden Synthies eines anderen belehren.

Ob er jedes Jahr komme, frage ich den Mann aus Groningen. Er kommt jedes Jahr, sagt er. Er sagt auch, dass das Festival eine große Bedeutung für die Stadt habe und dass sein Sohn ihn dazu gebracht habe, hinzugehen, weil der das ganz toll fand, einmal im Jahr in Groningen, und sich der Mann dann an etwas erinnerte: „Für mich war Musik doch früher auch einmal wichtig.“ Und jetzt kommt er jedes Jahr wieder und entdeckt Musik neu. Genau dafür ist das Eurosonic Noorderslag gemacht.

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