Das Southside ist mittlerweile meine persönliche Festival-Homebase. Abgesehen vom Chiemsee Reggae Summer, der nicht zählt, habe ich noch kein anderes Festival vier Jahre in Folge besucht. Mit der Zeit sammeln sich dann auch die Bands an, die man schon gesehen hat. Zu den Bühnen geht es am Freitag daher erst gegen Ende von Get Well Soon.

Pretty In Pink (Foto: Thomas Peter)

Der späte Gang zu den Bühnen ist mitverursacht vom Wachstum des Festivals: Früher Ausverkauf, 5.000 Zusatztickets in weniger als zwei Stunden abgesetzt, Rekordbesucherzahl von 60.000 Festivalisten – das sind Werte, die die Veranstalter freuen, aber nicht unbedingt das Festivalerlebnis der Besucher steigern. So dauert es für Southside-Verhältnisse in diesem Jahr ungewöhnlich lang, vom Ende des Campingplatzes bis zu den Bühnen zu laufen.

Als gegen 18:30 der Weg zur Blue Stage bestritten ist, sind Get Well Soon gerade mitten in ihrem Set. Ich mag Konstantin Gropper – die Musik und seine Art. Letztere machte seinen Auftritt bei Roche & Böhmermann ziemlich legendär. Auf der Bühne darf man aber nicht auf große Animationsversuche hoffen. Die Musik ist schön wie immer. Aber dafür, dass der Biberacher Gropper beim Southside ein Heimspiel hat, ist die Reaktion der Zuschauer insgesamt eher verhalten.

Believe the hype!

alt-j (Foto: Thomas Peter)

Anders ist das bei alt-j, die momentan auf einer Monsterwelle des Hypes reiten. Ich freue mich also sehr, als ein Satellitenfoto vom Ganges Delta (das Albumcover von „An Awesome Wave“) im Hintergrund der Bühne aufgezogen wird. Selbst wenn in der zweiten Hälfte des Konzertes Töne von den benachbart spielenden NOFX rüberwehen, überzeugt der vielschichtige Sound von alt-j.

Da muss dann über die Lieder selbst hinaus auch nicht mehr viel von der Band kommen, um mich zu überzeugen. Vor allem, wenn dann zum Ende „Taro“, mein persönliches Lieblingslied der Platte, kommt. So kann das weitergehen.

Tanzbar

Was bei Get Well Soon und alt-j zumindest ein Stück weit fehlte, liefern Two Door Cinema Club anschließend von Anfang bis Ende ihres Sets: Umfassende Publikumsanimation. Das gehört bei dem tanzbaren Indie-Pop, den sie seit zwei Alben erfolgreich produzieren, auch irgendwie dazu. Das Publikum feiert das, ich auch. Erstmals ist im Wavebreaker richtig, richtig gute Stimmung.

One-Hit-Wonder?

Passenger (Foto: Thomas Peter)

In der Umbaupause der Blue Stage bleibt Zeit für einen kurzen Blick ins rote Zelt, das von vorne bis hinten gefüllt ist. Grund ist Passenger und dessen Überhit „Let Her Go“. Bevor das kommt spielt er „I Hate“ und ein Cover von „Eye Of The Tiger“.

Als dann die ersten Töne von „Let Her Go“ zu hören sind, verwandelt sich der dunkle Raum in ein Lichtermeer voller erhobener Digitalkameras und Smartphones. Die Charts kommen also zweifelsohne auch auf einem vermeintlich alternativ ausgerichteten Festival wie dem Southside an. Dass Passenger nach Ende DES Liedes unter anderem Bruce Springsteen covert, interessiert dann nur noch vergleichsweise wenig Leute. Dabei bringt der Singer/Songwriter durchaus das Potential mit, über das One-Hit-Wonder hinauszugehen. Er wird sich erwartungsgemäß noch am „Let Her Go“-Status abzuarbeiten haben.

So geht Rock

Zählt man den Erfahrungsschatz der bisher angeführten Bands zusammen, dürfte man ungefähr auf das kommen, was The Smashing Pumpkins und Queens Of The Stone Age auf dem Buckel haben. Der Kurzbesuch bei den Pumpkins bringt so egale Erfahrungen mit, dass sie hier nicht weiter Erwähnung finden sollen. Fans der Bands müssen auf Steffens Hurricane Review warten.

Queens Of The Stone Age (Foto: Thomas Peter)

QOTSA dagegen liefern ab. Und zwar so richtig. Wer am Headliner-Trio der diesjährigen Hurricane/Southside-Ausgabe gezweifelt hatte, dürfte mit Blick auf die Show an Argumentationsgrundlage verloren haben, sieht man einmal von der knappen Spielzeit von rund 60 Minuten ab: sie bringen Hits der Band im Set unter, die Nicht-Fans vorab noch nicht zu kennen glaubten, spielen Lieder vom ausgesprochen gelungenen neuen Album „…Like Clockwork“ während im Hintergrund an der Videowall dessen Cover zusammenfließt und verstehen es, die einzelnen Lieder durch Instrumentalteile lang zu ziehen – ohne, dass das Konzert selbst Längen bekommt.

Das alles wird vom Publikum nur so halbwegs honoriert, was ein Grund für das vergleichsweise kurze Set sein könnte. Vielleicht ist aber auch das am darauffolgenden Tag stattfindende Berlin Konzert schuld.

Gut beeindruckt von Queens Of The Stone Age geht es weiter zum letzten Programmpunkt des Abends, der sich mit dem Elektro-Act der Bluestage überschneidet.

Konstante “Soundmatsch”

Ich bin zwar ebensowenig Experte für Elektromusik wie Silvio Berlusconi ein aufrichtiger Staatsbürger ist. Aber Paul Kalkbrenners Musik finde ich persönlich ganz besonders langweilig. Nun würde mich dessen Verpflichtung herzlich wenig stören, würde sie nicht die leisen Momente von Ben Howard im Zelt komplett zerstören.

Das ganze Konzert über brummt der ewig gleiche Bass von Kalkbrenner herüber: Wumms. Wumms. Wumms. Wumms. Wumms. Ben Howard versucht es mit Humor zu nehmen, tanzt in seinen eigenen Songpausen mit und wartet mit dem neuen Lied, bis zumindest der gröbste Krach von draußen vorüber ist.

Das Set selbst ist im Vergleich zu dem Einzelkonzert, dem ich beiwohnen durfte, ebenfalls lauter – fast so, als wollten sie gegen den störenden Einfluss von draußen anspielen.

Das ist toll und schade zugleich: Toll, weil da ziemlich großartige Musiker auf der Bühne stehen und perfekt miteinander harmonieren. India Bourne zum Beispiel, die mal eben Begleitgesang, Gitarre, Cello, Perkussion und mehr zum Klangbild beisteuern kann. Schade, weil Konzertmomente, in denen Ben Howard alleine sitzend mit Akustikgitarre spielt, besonders groß sind.

Am Ende überwiegt trotzdem der positive Blick aufs Konzert. Nur hätte es ohne Kalkbrenner ein A+++-Blick werden können.

Der lässt sich unterdessen vom Ende des Ben Howard Konzertes nicht beirren. Während ich das Zelt verlassen habe, geht es munter weiter im Programm: Wumms. Wumms. Wumms. Wumms. Wumms.