Die drei großen Highlights: Blur, Editors und Sigur Rós

Blur während ihres Headliner-Sets

Post Rock ist so eine Sache: Ich als Lyric-affiner Musikfan kann eigentlich eher weniger mit diesem Genre anfangen. Sigur Rós bilden hier eine klare Ausnahme – und das liegt nicht etwa daran, dass Sänger und Geigenbogenschwinger Jónsi von seinem Mikrofon regen Gebrauch macht. Die isländische Band, die sich genau genommen irgendwo zwischen Post Rock, Ambient, Dream Pop und Shoegaze bewegt,  ist einfach nur schön. Abschalten und eintauchen in eine andere Welt, die durch den sanften Gesang von Isländisch und Fantasiesprache untermalt wird. Nicht anders verhält es sich mit Sigur Rós live – nur noch um ein tausendfaches verstärkt. Tatsächlich entwickelt diese Band auf der Bühne eine solche Energie und Ausstrahlung, die selbst das härteste Herz erweichen dürfte. Das sorgt für dauerhafte Gänsehaut und etliche Schauer, die den Rücken hinunter rieseln. Spätestens bei “Hoppípolla” kullern dann die ersten Tränchen, während weiter andächtig der gefühlvollen Macht gelauscht wird, die die Musik der Isländer erzeugt. Mächtig startet auch das vielleicht beste Konzert des Rock Werchter als Blur am Samstag, zehn Minuten nach 0 Uhr, die Main Stage betreten. Sofort ist zu spüren: Das wird ein ganz besonderer Gig. Die Briten haben Bock, das merkt man ab der ersten Sekunde und so bedarf es auch eigentlich nicht erst der Ansage des energiegeladenen Damon Albarn. “We waited eight hours backstage. We’re ready for this!”, so der Blur-Frontmann mit dem Mikrofon im Anschlag. Auch das Publikum ist bereit: Kaum setzen die ersten Töne von “Girls & Boys” ein, schon bricht der kollektive Ausraster vor der Bühne los. Der Band gelingt damit spielend, was Kings of Leon vorher nicht gepackt haben. Die grandiose Stimmung hält sich während des ganzen Sets und lebt zwischendurch mit Hits wie “Parklife” und zum Ende mit “Song 2” immer wieder zur Sprungorgie auf. Damon Albarn selbst ist hin und weg vom Publikum und so überrascht es auch nicht, dass er gerührt die Crowd des Rock Werchter zur wahrscheinlich besten der aktuellen Tour krönt. Zurecht, denn die Zuschauer feiern die britische Formation auch noch lange nach Konzertschluss: Verschwitzte Männer liegen sich in den Armen und torkeln vom Gelände, andere schlurfen mit schmerzenden Füßen Richtung Ausgang. Aber sie alle haben etwas gemeinsam: Auf dem Weg ins Camp singen sie in immenser Lautstärke die Lyrics von “Tender” im Chor. “Oh my Baaaaaby, oh my Baaaaaby, oh why, oh my”, hallt es in der nächtlichen belgischen Idylle von den Hauswänden wider.  Dass sich ein Festivalbesuch im Ausland allein schon wegen der Stimmung lohnt, beweisen aber nicht nur die Jungs von Blur.

Exzentrischer Musiker Güteklasse A: Editors-Frontmann Tom Smith

Auch das letzte Konzert des Rock Werchter zeigt, dass in Belgien Bands in einem Ausmaß gefeiert werden, wie es hierzulande leider undenkbar ist: Editors. Die Briten, die ihren einjährigen Geburtstag mit ihrer neuen Aufstellung beim Werchter feiern, gehen an diesem Abend unfassbar steil. Doch der Auftritt beginnt erst zunächst ruhig: Frontmann Tom Smith betritt mit seiner Akustikgitarre allein die Bühne und spielt “Nothing”. Im Anschluss gewinnt das Set mit “A Ton of Love” und “Bones” schnell an Tempo. Bei “Smokers Outside the Hospital Doors” setzt dann das erste Feuerwerk ein, das während des Gigs eine ebenso wichtige Rolle wie die atmosphärische Lichtshow einnehmen soll. Letztere untermalt allerdings die Stimmung der Musik punktgenau, während Funkenregen, Feuerfontänen und Feuerwerk zum Teil an eher unpassenden Stellen gezündet werden. Der Show tut das allerdings keinen Abbruch, den die Augen sind vor allem auf die Editors gerichtet, die sich an diesem Abend extrem stark zeigen und vom Publikum entsprechend durchweg beklatscht, besungen und bejubelt werden. So verliert der sowieso schon auf der Bühne außergewöhnlich exzentrische und charismatische Frontmann während “Papillon” und “Honesty”  auch noch die letzten Hemmungen. Die Band, die sich nach der Trennung vom früheren Gitarristen Chris Urbanowicz erst durch ein Tief kämpfen musste, meldet sich eindrucksvoll und mit viel ansteckender Freude zurück. Bassist Russell Leetch ist das Grinsen während der Show nicht mehr aus dem Gesicht zu wischen und selbst Tom Smith lässt sich erstaunlich oft zum Lächeln hinreißen. Grinsen, das tut die Band auch als sie nach einer standesgemäßen Verbeugung die Bühne verlässt. Eliott Williams, neuer Mann am Synthesizer und der Gitarre, lässt sich sogar zum Fist Pump hinreißen  – menschliche Momente, die ein Konzert noch wunderbarer machen.