Thees Uhlmann sang in seiner Funktion als Tomte-Frontmann einst, das nichts so schön sei wie betrunken traurige Musik zu hören. Zwar ist nicht nicht überliefert, an welche Bands er beim Schreiben dieser Zeilen gedacht hat. Doch fest steht: The National liefern den passenden Soundtrack um sich bei einem Glas (oder auch einer Flasche) Rotwein der wohlig-warmen Melancholie hinzugeben. Gestern waren The National in der Berliner Max-Schmeling-Halle zu Gast.

The National auf dem Hurricane 2013 – Foto: Sven Morgenstern

Es ist schon beeindruckend, welche Entwicklung The National in den letzten Jahren genommen haben. Zu Beginn des Jahres 2011 spielte die Band noch in der rund 3000 Zuschauer fassenden Columbia-Halle. Gut 30 Monate und ein Erfolgsalbum später sollten sie nun also in der Max-Schmeling-Halle auf der Bühen stehen, die mit rund 12000 Zuschauern etwa vier Mal so vielen Menschen Platz bietet. Warum The National plötzlich so viele Menschen begeistern, beweisen sie an diesem Abend.

Denn bereits der ruhige Opener I Should Live In Salt packt den Zuschauer am Kragen und führt ihn für die kommenden 120 Minuten in eine ganz eigene Welt – eine Welt, in der sich die Bariton-Stimme Matt Berningers noch tiefer in den Gehörgang des Zuhörers bohrt als sie es schon aus der Konserve zu tun vermag. The National leben vom zwiespältigen Wesen ihres Frontmannes, der in diesem Moment noch geradezu apathisch Worte über seine sich kaum bewegenden Lippen murmelt, nur um im nächsten Moment seinem Publikum voller Inbrunst My mind’s not right, My mind’s not right aus dem Song Abel ins Gesicht zu schmettern. The National leben von den treibenden Rhythmen, die Drummer Bryan Devendorf aus seinen Trommelfellen zaubert. Und The National leben von diesen Momenten, die ein wenig an Sigur Rós erinnern – sei es weil Bryce Dessner Slow Show mit dem Cellobogen auf der Gitarre begleitet, sei es der wunderbare Funkenregen, der das unglaublich schöne England auf der LED-Wand untermalt.

The National sind drauf und dran sich in die Riege der potentiellen Headliner zu spielen. Denn niemand wirkt bei reinen Instrumentalparts so sympathisch verloren auf der Bühne wie Matt Berninger. Und niemand kann Verzweiflung so authentisch vermitteln, wie er es durch ein hingebungsvoll dahingerotztes Squalor Victoria tut. Das lässt es auch verschmerzen, dass die Animation zum Klatschen durch die Dessner-Brüder zum Teil etwas deplatziert wirken und der Fokus angesichts sechs zu Buche stehender Studioalben zu sehr auf dem neuen Werk Trouble Will Find Me lag.

The National liefern mit solchen Konzerten die besten Gründe für eine stetig wachsende Fangemeinde. Zwei Stunden lange große Emotionen, viel Gänsehaut und Melancholie. Und das auch ganz ohne Rotwein.

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