Läuft nicht uneingeschränkt gut dieses Jahr für Live Nations Rock im Park und Rock am Ring. Knapp drei Monate vor dem Start sind die Bandwellen durch, aber erst 115000 der rund 161000 (Park: 75000, Ring: 86000) verfügbaren Tickets abgesetzt. Der Vorverkauf lahmt. Die Suche nach dem Warum..

2017

Rückblende ins vergangene Jahr. Mit dem Headlinertrio Die Toten Hosen, System Of A Down und Rammstein lief es besser. Insbesondere für das Nürnberger Standbein. Rock im Park konnte schon zwei Monate im Vorfeld den Ausverkauf vermelden und war darauf besonders stolz. Erstmalig nämlich konnte man das „grosse“ Rock am Ring beim Vorverkauf überflügeln. Im Jahr der Rückkehr an den Nürburgring schrammte das prestigeträchtige Festival nämlich am sold out vorbei – wenn angeblich auch nur haarscharf.

2018

Auch wenn die Hater das anders sehen: Dieses Jahr haben die Zwillingsfestival erneut ein starkes (und mutmasslich auch sehr teures) Lineup zusammengestellt. Foo Fighters und Muse sind als Headliner über jeden Zweifel erhaben. Jared Letos 30 Seconds To Mars fallen im Vergleich ab, können für sich aber verbuchen, lange nicht mehr da gewesen zu sein. Und mit Gorillaz traut Live Nation sich mal was, das europäische Konkurrenten schon erfolgreich vorgelebt haben. Einsicht, wenn auch spät. Gefällt mir.
Abseits der Heads sicherte man sich die Creme der internationalen Rockszene: Rise Against, Marilyn Manson, Avenged Sevenfold, Stone Sour, A Perfect Circle, Parkway Drive.. wow. Als lokale Zugpferde schob man Casper, Bilderbuch und die reunionierten Kettcar an den Start. Abseits der Rockergemeinde lockt man die HipHop/Rap-Gemeinde mit Antilopen Gang, Trailerpark und RAF Camora. Die Genremischung stimmt.
Frage also: Was ist das Problem? Am Lineup selbst kann es eigentlich nicht liegen.

Seit der dritten Bandwelle vor zwei Wochen konnten beide Festivals zusammen nur weitere 5000 Karten verkaufen. Den eigenen Ansprüchen deutscher Branchenprimus zu sein wird das sicher nicht gerecht.
Neuzugänge wie alt-j, Bad Religion, Antilopen Gang und Seasick Steve, veröffentlicht am 1. März, vermochten die Nachfrage nicht nachhaltig zu befeuern.

Sind Festivals nach Jahren der Blüte auf dem absteigenden Ast? Haben sie in der jungen Zielgruppe das Prädikat „angesagt“ verloren? Sind die alten Recken zu alt für das jünger werdende Musikprogramm? Vielleicht ist das in Teilen so. Rock am Ring aber hat eher mit seiner eigenen, jüngeren Vergangenheit zu kämpfen.

Ring und Park haben mittlerweile in Sachen Kartenpreis ein Niveau erreicht, dass nicht mehr jeden automatisch zugreifen lässt. 244 bzw. 241,50 Euro rufen Rock am Ring bzw Rock im Park derzeit für Musikprogramm und Standardcamping ab.
Zahlungspflichtige Zusatzoptionen gibt es manigfaltig viele. Sei es Strom am Zelt (was selten wirklich funktioniert bzw in ausreichendem Mass vorhanden ist), Glamping für die älteren Semester, exklusive Annehmlichkeiten wie Tribühnenplatz und Parken direkt hinter selbiger.
Wer möchte kann summa summarum locker einen 1000er bei den Festivals lassen. Normalos dürfte das Wochenende auch mindestens  400 Euro kosten.
Da fragt man sich schon: Ist das Geld in einer Woche Strandurlaub nicht besser angelegt? Zumal es dort nicht wie in der Festivalsaison der vergangenen Jahre Unwetter und Absagen zu befürchten gilt.

Unischerheit. Das ist wohl der wichtigere Aspekt im betrachteten Mikrokosmos. Abbrüche haben in den letzten beiden Jahren das Image von Rock am Ring ramponiert. Das färbt wahrscheinlich auch auf den Zwilling Rock im Park über.
Wir erinnern uns: 2015 und 2016 hatte Rock am Ring am damaligen Standort Mendig mit widrigen Wetterbedingungen zu kämpfen.
2015 sorgte ein Blitzeinschlag für 33 Verletzte, 2016 musste das Festival wegen Unwettern gestoppt und schliesslich abgesagt werden werden. 2017 zog Rock am Ring zurück an die Kultstätte Nürburgring und alles sollte gut werden. Pustekuchen. Aufgrund einer Terrorwarnung war abermals vorzeitig Schluss. Ausserdem waren all die Nachteile des Nürburgrings mit einem Schlag wieder da. Soundprobleme, Probleme nachmittags überhaupt noch einen vernünftigen Platz vor der Center zu bekommen und behalten, weite Laufwege..

Rock am Ring gilt also als belastet. Das erklärt vielleicht auch, dass der „kleine“ Bruder Rock im Park letztes Jahr beim Ausverkauf die Nase vorne hatte.

Die schwarze Null

Ring-Übervater Marek Lieberberg war es – glaub ich. Er sagte mal: Um auf die schwarze 0 bei einem Grossfestival zu kommen, brauche man eine Auslastung von mindestens 80 Prozent. Hiesse in unserem Fall: Ring und Park müssten knapp 130000 Wochenendtickets an den Festivalisten bringen. Das scheint in den verbleibenden 11 Wochen durchaus machbar. Aber eine 0 am Ende kann natürlich nicht das Ziel sein. Schliesslich ist der Aufwand für den Ausrichter enorm.

Tageskarten

Nun sollen es Tageskarten richten. Mit Tagesbesuchern hat man weniger Aufwand bei mehr Umsatz. Seit gestern kann man sich zu Preisen von 95 Euro bzw 99 Euro einen Tag in Ring und Park einkaufen.
Das sind aber nicht die realen Kosten. In Nürnberg braucht man noch einen Parkplatz und  eine Tagesticket für den Nahverkehr. Beides ist in der Tageskarte nicht inklusive.
Auch am Ring muss man für das Parken extra zahlen. Schlappe 20 Euro pro Auto.

Schnäppchen ist anders – zumindest aus der Sicht eines Festivalisten. Tagesbesucher sind aber oftmals Konzertliebhaber, die möglicherweise das Treiben auf Zeltplätzen befremdlich finden. Für diese Klientel sind 120 Euro für das gebotene Musikprogramm immer noch ein Schnäppchen. Sie denken nämlich in Konzertpreisen. Und wie wir wissen, kennen auch die Seit Jahren auch nur eine Richtung – den Himmel.

Ausgang für Live Nation und Rock am Ring/ Rock im Park: offen. Aber Superlative scheinen dieses Jahr unerreichbar. Das muss nichts schlechtes sein. Denn weniger Besucher sind für die, die da sind meistens gar kein Fehler.
Auf lange Sicht aber könnte sich der Veranstalter die Frage stellen: Steht dem Aufwand ausreichend Ertrag in Form von Geld oder Imagegewinn gegenüber?
Verbunden damit die Frage: Wie bekommen wir das Schiff wieder auf Kurs? Günstigere Tickets? Angesichts der beständig steigenden Kosten für Bands und Equipment bzw Personal unwahrscheinlich. Mehr Komfort und Wohlgefühl für alle? Wenn ja wie..

Interessant wird sein, wie sich andere grosse Player schlagen. Das wird zeigen, ob es sich um einen generellen Trend handelt oder nur um ein „Einzelschicksal“.

[UPDATE: Eure Kommentare. Danke!

Ein paar Gedanken.

Gepostet von Festivalisten am Donnerstag, 15. März 2018