Was sich gestern anbahnte wird heute offizielle Realität: Die grosse Sause zum 50jährigen Bestehen des Glastonbury Festivals fällt dem Coronavirus zum Opfer. Es könnte der erste Dominostein sein, der die europäische Festivalsaison zum Fallen bringt. Aber: Man sollte bei der Beurteilung auch ein paar Besonderheiten des Glastonburys berücksichtigen.

Veranstalterin Emily Eavis wendet sich gemeinsam mit ihrem Vater an die Festivalisten. Sie schreiben:

Es tut uns so leid, dies bekannt zu geben, aber Glastonbury 2020 muss abgesagt werden. Es wird ein erzwungenes Brachjahr für das Festival sein.

Dies war eindeutig NICHT, WAS WIR UNS für unser 50-jähriges Jubiläum erhofft hatten, aber nach den neuen Regierungsmaßnahmen, die diese Woche angekündigt wurden – und in Zeiten solch beispielloser Unsicherheit – ist dies nun unsere einzige realisierbare Option.

Wir hoffen sehr, dass sich die Situation in Großbritannien bis Ende Juni enorm verbessert hat. Aber selbst wenn dies der Fall ist, können wir die nächsten drei Monate nicht mehr mit Tausenden von Besatzungsmitgliedern hier auf der Farm verbringen, DIE uns bei der enormen Aufgabe HELFEN, die Infrastruktur und Attraktionen aufzubauen, die erforderlich sind, um mehr als 200.000 Menschen in einer temporären Stadt AUF dieseN Felder BEGRÜSSEN ZU KÖNNEN.

Wir möchten uns aufrichtig bei den 135.000 Personen entschuldigen, die bereits eine Anzahlung für ein Glastonbury 2020-Ticket geleistet haben. Die Restzahlungen für diese Tickets wÄren Anfang April fällig und wir wollten vorher eine Entscheidung treffen.

Wir verstehen, dass es nicht immer einfach ist, ein Glastonbury-Ticket zu sichern. Deshalb möchten wir all diesen Personen die Möglichkeit bieten, ihre Einzahlung von 50 GBP auf das nächste Jahr zu verlängern und die Möglichkeit zu garantieren, ein Ticket für Glastonbury 2021 zu kaufen. Diejenigen, die eine Rückerstattung von £ 50 bevorzugen, können sich in den kommenden Tagen an See Tickets wenden, um dies zu sichern. Diese Option bleibt bis September dieses Jahres verfügbar. Für diejenigen, die gerne ihre Einzahlung verlängern, geschieht dies automatisch. Weitere Informationen – einschließlich Details zu Rollover-Bus-Paketen, offiziellen Buchungen von Unterkünften und lokalen Sonntags-Tickets – werden in den kommenden Tagen auf unserer Website veröffentlicht.

Die Absage des diesjährigen Festivals wird zweifellos ein schrecklicher Schlag für unsere unglaubliche Crew und Freiwilligen sein, die so hart daran arbeiten, dieses Ereignis zu verwirklichen. Diese Absage wird unweigerlich auch schwerwiegende finanzielle Auswirkungen haben – nicht nur für uns, sondern auch für die Wohltätigkeitspartner, Lieferanten, Händler, lokalen Landbesitzer und unsere Gemeinde des Festivals.

Wir haben uns so darauf gefreut, Sie alle zu unserem 50-jährigen Jubiläum mit einer Reihe fantastischer Künstler und Darsteller begrüßen zu dürfen, dass wir unglaublich stolz darauf waren, gebucht zu haben. Auch hier tut es uns so leid, dass diese Entscheidung getroffen wurde. WIR HATTEN KEINE Wahl. Aber wir freuen uns darauf, Sie nächstes Jahr wieder auf diesen FELDERN begrüßen zu dürfen. bis dahin senden wir Ihnen allen unsere Liebe und Unterstützung.

Michael & Emily

Quelle

Man hat es sich mit der Entscheidung sicher nicht leicht gemacht. Aber die Absage ist verständlich und letztlich wohl auch die einzig richtige Option. Fraglich nur, warum man vor 6 Tagen das Lineup veröffentlichte und nicht lieber noch eine Woche ins Land gehen liess, um die Situation zu beobachten. Dennoch: Ich hoffe die verständlicherweise enttäuschten Kartenoptionshalter werden nun nicht auf die Familie Eavis einprügeln. Würde mir wünschen, sie würden eher aufmunterndes Feedback bekommen, denn ohne Zweifel sind auch sie tief getroffen von der Absage – emotional und finanziell.

Ob das nun der Todesstoss für den europäischen Festivalsommer oder zumindest den Juni/Juli 2020 war?
Noch immer schwer zu prognostizieren. Nichts ist in dieser Zeit morgen so wie es heute war. Betrachte ich es wissenschaftlich nüchtern wird es aus Festivalsicht ein bedrückender Sommer.
Dafür spricht: In Europa gelten schon jetzt viel restriktiviere Massnahmen als aktuell auf der Insel. Es ist nicht absehbar, wann diese gelockert werden. Wahrscheinlicher ist, dass wir demnächst noch eine Verschärfung in Form einer Ausgangssperre sehen werden.

Aber um fair zu sein: das Glastonbury ist auch nicht 100%ig mit einheimischen Festials zu vergleichen. Es ist im Vergleich zu allen europäischen Festivals (ausser vielleicht dem Sziget) viel grösser, Bedarf einer längeren Vorbereitung am Standort und setzt auf ein anderes System Tickets an den Festivalisten zu bringen.

Anders als bei unseren lokalen Festivals (wo erste Handwerker 2-3 Wochen vorher gesichtet werden) wären zum Glastonburyaufbau demnächst schon die ersten Mitarbeiter in Pilton angerückt, um die Worthy Farm für Ende Juni in Schuss zu bringen.
Das passt nicht zu den seit Montag drastisch verschärften Massnahmen der britischen Regierung im Kampf gegen das Virus. Wollte man bis dahin der Ausbreitung freien Lauf lassen und setzte auf eine auftretende Herdenimmunität, vollzog das UK angesichts einer Prognose von 250.000 Toten bei Beibehaltung dieses Kurses eine dramatische Kehrtwende. Oberstes Ziel ist es nun auch auf der Insel die Infektion einzudämmen, u.a. durch “Social Distancing” – also dem Abstand halten von anderen Personen, um die Ausbreitung der Infektion zu minimieren. Die Briten sind spät dran mit ihrem Kurswechsel und er ist verglichen mit dem status quo in Deutschland immer noch überschaubar. So sind bisher Schulen und Universitäten noch offen, von Besuchen von Kinos, Pubs und Restaurants wird bisher nur abgeraten. Kurzum: Die UK sind mit ihrer Politik etwa da, wo wir vor einer Woche waren. Dennoch ist abzusehen: Tausende Helfer würden politisch nicht mehr lange auf der Worthy Farm geduldet – von der sozialen Verantwortung der Veranstalter ihren Angestellten gegenüber gar nicht zu reden.

Verschärfend näherte sich beim Glastonbury der Termin der Abschlusszahlungen für reservierte Ticktes. Anfang April hätten 135.000 potentielle Besucher der Ausgabe 2020 aus ihrer bisherigen Anzahlung von 50 GBP eine Vollzahlung machen müssen.
Wie die Eavis sagten, wollte man Klarheit schaffen, bevor diese Zahlungen eintreten und hat auch allein wegen dieses drohenden Termins unter einem gewissen Entscheidungsdruck gestanden.
Sinnvoll allein deshalb, weil eine Rückabwicklung auch wieder Geld gekostet hätte.

Ich denke trotz dieser unterschiedlichen Voraussetzungen: es wird nicht mehr lange dauern, bis wir auch von den lokalen Playern im Juni eine definitive Absageentscheidung bekommen werden. Mit jedem Tag des Wartens wächst der Druck, weil mehr Geld auf allen Seiten der Gleichung verbrannt wird: Sei es bei Veranstaltern, Bands, Bandmanagements, Lieferanten, Händlern/Ständebetreibern und nicht zuletzt auch dem Festivalbesucher. Und davon ist sicher nicht alles per Versicherung abgesichert.
Also: Machen wir uns darauf gefasst, dass wir unser Zelt heuer im eigenen Wohnzimmer aufbauen müssen und der Ausbruch aus dem Alltag diesen Sommer auf anderem Wege erfolgen muss.