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Coachella 2026: Zwischen Rekordgage, Wüstensturm und dem teuersten YouTube-Marathon der Festivalgeschichte

13. April 2026

Weekend 1 liefert Hollywood-Spektakel, ein 10-Millionen-Dollar-Comeback und eine Wetter-Absage. Was bleibt, wenn sich der Wüstenstaub gelegt hat?

Freitagabend, Empire Polo Club, Indio, Kalifornien. Die Sonne kriecht hinter die San Jacinto Mountains, die Hitze des Tages weicht einer trockenen Kühle, und auf der Coachella Stage entfaltet sich etwas, das man getrost als den ambitioniertesten Festival-Headliner-Auftritt des bisherigen Jahres bezeichnen darf. Oder als die teuerste Filmvorführung der Wüste. Perspektive ist alles.

Sabrinawood: Wenn Pop-Stars ganze Filmsets in die Wüste bauen

Sabrina Carpenter hatte 2024 bei ihrem ersten Coachella-Auftritt einen Satz ins Mikrofon geworfen, der im Nachhinein weniger Versprechen als Drohung war: “See you back here when I headline.” Zwei Jahre später macht die 26-Jährige genau das. Und sie hat offensichtlich nicht vor, irgendetwas dem Zufall zu überlassen.

Die Produktion hört auf den Namen “Sabrinawood”. Ein überdimensionaler Hollywood-Schriftzug thront über der Bühne, Sam Elliott spielt in einem schwarz-weißen Intro-Film einen knurrigen Cop, der Carpenter davor warnt, nach Kalifornien zu fahren. Susan Sarandon liefert später eine siebenminütige dramatische Rede als gealterte Version der Sängerin ab. Will Ferrell stolpert als Elektriker über die Bühne. 20 Songs, fünf Custom-Dior-Outfits, Pudel-Kostüme, Broadway-Choreografien, ein aufsteigender Wasserthron.

Man kann das als brillantes Pop-Theater feiern. Man kann es auch als Beleg dafür lesen, dass die Grenze zwischen Coachella-Headliner und Las-Vegas-Residency inzwischen fließend verläuft. Beides stimmt wahrscheinlich. Unbestritten: Carpenter liefert mit einer Souveränität, die den Abstand zwischen ihr und der Konkurrenz schmerzhaft deutlich macht. Als sie “Espresso” anstimmt, erinnert sie das Publikum daran, dass sie den Song genau hier vor zwei Jahren zum ersten Mal präsentiert hat, als ihn noch niemand kannte. Die Pointe schreibt sich selbst.

Anymas ÆDEN: Wenn die Wüste zurückschlägt

Was auf Carpenters Triumph folgen sollte, wurde zum ersten großen Drama des Wochenendes. Anyma, der italienisch-amerikanische Electronic-Produzent, sollte um Mitternacht sein neues Projekt ÆDEN auf der Coachella Stage debütieren. LISA von BLACKPINK war als Überraschungsgast geplant, ein Jahr Produktion steckte in der Show.

15 Minuten nach der geplanten Startzeit kam stattdessen eine Push-Notification über die Coachella-App: Absage wegen starker Winde. Böen von bis zu 40 mph machten den Bühnenaufbau unmöglich. Im Campingbereich flogen derweil Zelte durch die Luft, Vordächer brachen zusammen, Autoscheiben gingen zu Bruch.

“I’m heartbroken”, schrieb Anyma am nächsten Tag auf X. Die Wüste erinnerte alle daran, dass sie kein Filmset ist, egal wie sehr man sie als solches behandelt.

Samstag: 10 Millionen Dollar, ein Laptop und die Frage, was ein Headliner schuldig ist

Und dann kam Justin Bieber. Oder genauer: Dann kam die Geschichte, die dieses Coachella-Wochenende definieren wird, ob man will oder nicht.

Die Vorgeschichte liest sich wie ein Hollywood-Drehbuch. Seit dem Abbruch seiner Justice-Tour 2022 wegen des Ramsay-Hunt-Syndroms war Bieber von großen Bühnen verschwunden. Zwei Alben (Swag und Swag II) markierten 2025 ein musikalisches Comeback, vier Grammy-Nominierungen folgten. Die Coachella-Organisatoren zahlten dem 32-Jährigen laut Rolling Stone über 10 Millionen Dollar für zwei Wochenenden, rund 5 Millionen pro Auftritt. Die höchste Gage in der Geschichte des Festivals. Mehr als Beyoncé. Mehr als Lady Gaga. Mehr als The Weeknd.

Um 23:25 Uhr betrat Bieber die Bühne. Hoodie, Shorts, Sonnenbrille. Kein aufwendiges Bühnenbild, keine Tänzer, keine Pyrotechnik. Zunächst konzentrierte er sich auf neueres Material aus den Swag-Alben. Solide, aber für große Teile des Publikums: unbekannt.

Dann setzte er sich auf einen Hocker. Hinter einem Tisch. Mit einem Laptop.

Was folgte, ist je nach Perspektive entweder der mutigste Anti-Headliner-Move seit Frank Oceans desaströsem Auftritt 2023 auf derselben Bühne, oder der teuerste YouTube-Abend der Musikgeschichte. Bieber spielte seine alten Hits, “Baby”, “Never Say Never”, “Beauty and the Beat”, indem er die Originalvideos auf YouTube abrief und live dazu sang. Katy Perry kommentierte auf Instagram trocken: “Thank God he has Premium. I don’t want to see no ads.”

Die Reaktionen spalteten das Internet mit einer Vehemenz, die man sonst nur von Bundesliga-Schiedsrichterentscheidungen kennt. “Worst performance I’ve ever seen”, schrieb ein Nutzer. “Pure laziness.” Andere hielten dagegen: “You don’t need high production or 10 outfit changes to put on a good show. All you need is pure talent.”

Rolling Stone urteilte differenziert: Das Set sei zu simpel gewesen, um den Hype zu rechtfertigen, aber kein Desaster. Als Bieber gegen Ende Gäste holte, Dijon, Tems, Wizkid und Mk.gee, rettete er die Show zumindest teilweise. Der emotionale Höhepunkt blieb der Moment, als er “Baby” spielte und im Hintergrund das Video des 16-jährigen Bieber lief. “Das ist die Nacht, von der ich lange geträumt habe”, sagte er. Die Menge tobte. Der Rest des Internets weniger.

Die unbequeme Frage bleibt: Was schuldet ein Headliner seinem Publikum? 10 Millionen Dollar für einen Auftritt ohne Produktion, der zur Hälfte aus YouTube-Streams besteht? Oder ist genau das die konsequenteste Form von Authentizität, die ein Künstler zeigen kann, der drei Jahre von der Bühne verschwunden war?

Das große Geld: Wie Coachella zur teuersten Bühne der Welt wurde

Biebers Rekordgage lässt sich nur dann richtig einordnen, wenn man sie in den Kontext der Coachella-Gagenhistorie stellt. Und die erzählt ihre eigene Geschichte darüber, wie sich ein Alternative-Rock-Festival in eine Milliarden-Dollar-Maschine verwandelt hat.

2004: Radiohead – 1 Million Dollar. Als Thom Yorke und Co. das Festival headlinten, war das eine astronomische Summe für eine Veranstaltung, die damals noch ein einziges Wochenende umfasste. Coachella hatte gerade seinen ersten Ausverkauf erlebt, 110.000 Besucher über zwei Tage. Die Booking-Entscheidung für Radiohead gilt bis heute als der Moment, in dem das Festival von einem ambitionierten Wüsten-Experiment zu einer ernstzunehmenden kulturellen Institution wurde.

2006: Daft Punk – 350.000 bis 600.000 Dollar. Die Franzosen spielten nicht einmal als Headliner, sondern im Sahara Tent. Ihr legendärer Pyramiden-Auftritt veränderte trotzdem den Kurs der elektronischen Musik in den USA für immer. Ein Großteil des Geldes floss direkt in die Bühnenproduktion. Das Verhältnis von Gage zu kulturellem Impact: unerreicht.

2008: Prince – 5 Millionen Dollar. Für ein einzelnes Wochenende. Der Purple-Rain-Moment in der Wüste setzte einen frühen Maßstab dafür, was ein Einzelkünstler verlangen konnte.

2009: Paul McCartney – 4 Millionen Dollar. Ebenfalls für ein Wochenende. Bemerkenswert, weil McCartney damit weniger bekam als Prince ein Jahr zuvor. Obwohl er, nun ja, ein Beatle ist.

2017: Lady Gaga, Kendrick Lamar, Radiohead – jeweils 3 bis 4 Millionen Dollar. The New Yorker berichtete über die Gagen der drei Headliner. Interessant: Radiohead bekam 13 Jahre nach ihrem ersten Headliner-Slot nur das Drei- bis Vierfache. Der eigentliche Gagensprung kam woanders.

2018: Beyoncé – 8 bis 12 Millionen Dollar (je nach Quelle). “Beychella” wurde zum kulturellen Ereignis, zur Netflix-Doku, zum Meilenstein. Billboard berichtete von mindestens 8 Millionen. Andere Quellen gehen von 4 Millionen aus, weil Beyoncé im Gegenzug die Rechte an der Performance behalten wollte. Ein Deal, der sich über die Homecoming-Doku um ein Vielfaches ausgezahlt haben dürfte. Im selben Jahr verdiente Eminem als Headliner angeblich 1 Million, und Cardi B ging mit 70.000 Dollar pro Wochenende nach Hause. Für ihre Bühnenproduktion gab sie 300.000 Dollar aus. Sie machte also Verlust. Das Coachella-Geschäft ist, freundlich gesagt, nicht für alle gleich.

2019: Ariana Grande – 8 Millionen Dollar. Variety bestätigte die Summe für zwei Wochenenden. Grande war die jüngste Frau, die das Festival je geheadlinet hatte.

2022: The Weeknd – 8,5 Millionen Dollar. Sprang für Kanye West ein, der kurzfristig absagte. The Weeknd stellte klar: gleiches Geld oder kein Auftritt. Er bekam, was er wollte.

2023: Bad Bunny – 5 Millionen Dollar. Laut dem Trapital Podcast. Ein strategisches Booking, das Coachellas Schwenk Richtung Latin-Musik und internationaler Headliner markierte.

2023: Frank Ocean – geschätzt 4 Millionen Dollar pro Wochenende. Sagte das zweite Wochenende komplett ab. Der Auftritt am ersten Wochenende ging als eine der schlechtesten Headliner-Performances in die Festival-Geschichte ein. Geld allein garantiert eben nichts.

2024: Tyler, the Creator – geschätzt 10 Millionen Dollar. Der Rapper deutete die Summe selbst in einem Song an: “eight figures” sei die Gage gewesen. Damit wäre er der erste Act gewesen, der die 10-Millionen-Marke erreichte oder überschritt.

2026: Justin Bieber – über 10 Millionen Dollar. Laut Rolling Stone verhandelte Bieber den Deal selbst, ohne Agentur, ohne Management. Ein Detail, das nach der Trennung von Scooter Braun besonders ins Auge sticht. Ob die Gage angesichts des Laptop-Sets nachträglich anders bewertet wird, bleibt abzuwarten.

Die Zahlen zeigen eine klare Entwicklung: Von Radioheads 1 Million (2004) zu Biebers 10+ Millionen (2026) hat sich die Headliner-Gage in gut zwei Jahrzehnten verzehnfacht. Forbes schätzte die Gesamtkosten des Festivals 2018 auf 355 Millionen Dollar. Die Performer-Gagen sind dabei nur ein Bruchteil des Budgets, aber sie verraten viel über Coachellas Selbstverständnis: Das Festival bezahlt nicht nur für Musik. Es bezahlt für kulturelle Momente. Für Schlagzeilen. Für die Gewissheit, dass am Montagmorgen die halbe Welt über das Wochenende spricht.

Dass diese Rechnung bei Bieber aufging, steht außer Frage. Über die Show streiten sie noch. Über die Rekordgage spricht jeder.

Unterhalb der Schlagzeilen: Was verdient der Rest des Lineups?

Die Millionen-Gagen der Headliner erzählen aber nur die halbe Geschichte. Denn auf dem Coachella-Plakat stehen über 130 Acts, und je weiter der Name nach unten rutscht, desto kleiner wird die Schrift, und desto drastischer schrumpft der Scheck.

Die Faustregel, die sich aus verschiedenen Branchenberichten und Insider-Aussagen zusammensetzen lässt: Acts in der untersten Zeile des Lineups bekommen durchschnittlich rund 10.000 Dollar für ihren Auftritt. Klingt nach viel für 45 Minuten auf einer Bühne. Klingt nach wenig, wenn man Flüge, Hotel, Crew und die sogenannte Radius Clause einrechnet, also die vertragliche Verpflichtung, monatelang keine Shows in der Region zu spielen. Für eine Band, die normalerweise von Club-Gigs in Los Angeles, San Diego oder Phoenix lebt, kann ein Coachella-Auftritt finanziell ein Nullsummenspiel sein, oder schlimmer.

Big Sean brachte es vor einigen Jahren auf den Punkt, als er öffentlich anmerkte, er habe vor einem ähnlich großen Publikum wie Headliner Harry Styles gespielt, “except he got paid way, way, way, way more than me.” Die Gagen-Pyramide beim Coachella ist steil, steiler als bei den meisten Festivals, und die Fallhöhe zwischen den Zeilen des Plakats ist enorm.

Für das 2026er Lineup lässt sich das Gefälle grob so einordnen: Die Sub-Headliner wie The Strokes, The xx oder Young Thug dürften sich im sechsstelligen Bereich bewegen, geschätzt zwischen 500.000 und 1 Million Dollar. Mid-Tier-Acts wie PinkPantheress, Addison Rae, Labrinth oder Central Cee, die auf den mittleren Plakatzeilen stehen und volle Zelte ziehen, landen wahrscheinlich irgendwo zwischen 50.000 und 250.000 Dollar. Aufstrebende Acts mit viraler TikTok-Traktion wie BINI, KATSEYE oder fakemink spielen eher in der Kategorie 10.000 bis 30.000 Dollar. Und ganz unten auf dem Poster? Da stehen Namen, für die Coachella weniger ein bezahlter Gig als ein strategisches Investment ist: Die Gage deckt vielleicht gerade die Reisekosten, aber der Exposure-Wert eines gelivestreamten Sets vor einem YouTube-Millionenpublikum ist das eigentliche Zahlungsmittel.

Cardi B bleibt in diesem Kontext die ehrlichste Quelle, die die Branche je hervorgebracht hat. 2018 verdiente sie 70.000 Dollar pro Wochenende beim Coachella, gab aber 300.000 Dollar für ihre Bühnenproduktion aus. Sie ging also mit einem Minus von rund 160.000 Dollar nach Hause. Das ist keine Ausnahme: Viele Mid-Tier-Acts investieren mehr in ihre Coachella-Show als sie dafür bekommen, weil der Auftritt als Karrierebeschleuniger gilt. Die YouTube-Livestreams, die Social-Media-Reichweite, die Presse, all das hat einen Wert, der sich nicht direkt in Dollar messen lässt, aber in Booking-Anfragen für die restliche Festival-Saison.

Ein konkretes Beispiel, das die versteckten Kosten illustriert: Ein Act mit einem 14:30-Uhr-Slot im Mojave Tent bekommt vielleicht 15.000 Dollar Gage. Die Radius Clause verbietet ihm dann Shows im Umkreis von 1.200 Meilen zwischen Dezember und Mai, also fünf Monate kein Los Angeles, kein San Diego, kein Phoenix, kein Las Vegas. Dazu kommen geschätzte 50.000 Dollar für Marketing-Verpflichtungen rund um den Auftritt und mindestens 30.000 Dollar für Produktionskosten jenseits des Standard-Bühnen-Setups. Die Rechnung geht nur auf, wenn der Coachella-Boost in den Folgemonaten genug neue Gigs generiert, um das Loch zu stopfen.

Die Ironie: Während Bieber für 10 Millionen Dollar YouTube-Videos abspielte, performten drei Bühnen weiter Acts, die für einen Bruchteil davon ihre eigene Bühnenproduktion aus der Tasche bezahlten. Das Coachella-Gagenmodell ist, auf eine bestimmte Art, das brutalste Abbild der Musikindustrie 2026: Wenige verdienen absurd viel, viele zahlen drauf, und alle tun so, als wäre es ein Privileg.

Sonntag: Karol G schreibt Geschichte

Während das Internet noch über Biebers Laptop-Set diskutierte, schloss Karol G das erste Wochenende am Sonntagabend mit einem historischen Moment ab: Die Kolumbianerin betrat als erste Latina überhaupt die Coachella-Bühne als Headlinerin. Um 21:55 Uhr. Auf der größten Festival-Stage der Welt. Wobei “betrat” das Erlebnis untertreibt.

“Karolchella” nannten es die Fans. Was dann folgte, war etwas, das Carpenter und Bieber gleichermaßen in den Schatten stellte, zumindest was die Verbindung zwischen Künstlerin, Show und politischem Moment betrifft.

Karol Gs Set war eine knapp zweistündige Produktion, die visuell in einer anderen Liga spielte als alles, was an den Vortagen passiert war. Das Bühnenbild zitierte eine antike Adobe-Architektur, flankiert von über einem Dutzend Tänzerinnen und Tänzern. Die Choreografie stammte von Parris Goebel, derselben Choreografin, die Lady Gagas Coachella-Set 2025 und Rihannas Super-Bowl-Halbzeitshow verantwortet hatte. Zahlreiche Kostümwechsel strukturierten den Abend in Akte: In einer Sequenz tanzte Karol G auf einem gigantischen Ara, in einer anderen stand sie in einer traumhaften See-Landschaft, während ihre Tänzerinnen sie mit Wasser übergossen. Eine komplette Mariachi-Band, besetzt ausschließlich mit Frauen, spielte die Vallenato-Passagen live. Es war eine bewusste Hommage an Patricia Teherán, die kolumbianische Sängerin, die Karol G als eine ihrer wichtigsten Inspirationen nennt.

Die Setlist spannte den Bogen von “Bichota” über “TQG” und “MAMIII” bis zu den neueren Tropicoqueta-Tracks und endete mit einem Techno-Remix von “Provenza”, zu dem Feuerwerk die Wüstennacht erleuchtete. Der YouTube-Livestream begann mit rund 30 Minuten Verspätung, was die Vorfreude online nur weiter anheizte.

Doch die Show war mehr als Spektakel. Karol G hatte im Vorfeld deutlich gemacht, dass sie den Moment politisch nutzen wollte. In einem Interview mit dem Playboy-Magazin hatte sie angedeutet, stärker als erwartet Stellung zu beziehen: “Ich will nicht einfach nur ‘ICE Out’ sagen und dann passiert nichts. Ich werde wahrscheinlich etwas weiter gehen.” Die Aussage bezog sich auf Bad Bunnys vieldiskutierten Moment bei den Grammys 2026, als er bei seiner Dankesrede “ICE Out” rief. Karol G war damals im Publikum, sie hatte zuvor bei Bad Bunnys Super-Bowl-Halbzeitshow “La Casita” mitgewirkt. Laut Newsweek wurde ihr von Teilen ihres Teams geraten, sich mit Statements zurückzuhalten. Sie tat es trotzdem.

Vom Intro-Video bis zum letzten Song fühlte sich das Set wie eine durchgehende Feier von Frauen an, wie es der Hollywood Reporter zusammenfasste. Die Tänzerinnen, die Musikerinnen, die Mariachi-Band: alles weiblich besetzt. Für ein Festival, das in 25 Jahren Headliner-Geschichte überwiegend von Männern dominiert wurde, war das eine Aussage, die über die Musik hinausging.

Branchenberichte schätzen Karol Gs Gage auf 5 bis 10 Millionen Dollar, offiziell bestätigt ist nichts. Was feststeht: Wer nach Carpenters Filmset und Biebers YouTube-Karaoke noch nicht wusste, welche Art von Headliner-Show 2026 tatsächlich funktioniert, bekam am Sonntagabend die Antwort. Ambition plus Substanz plus ein Moment, der größer ist als die eigene Karriere. So schließt man ein Festival.

Weitere Highlights: Nine Inch Noize, BINI, BIGBANG und The Strokes

Abseits der Headliner zeigte das Coachella 2026 ein Lineup, das die zunehmende Globalisierung der Festivalkultur widerspiegelt, aber auch, dass die spannendsten Momente manchmal abseits der Main Stage passieren.

Nine Inch Noize: Der Industrial-Albtraum-Rave im Sahara Tent

Wer am Samstagabend früh genug von der Main Stage wegkam, bevor Bieber seinen Laptop aufklappte, konnte im Sahara Tent Zeuge eines Moments werden, den mehrere Kritiker bereits als einen der besten Coachella-Auftritte aller Zeiten einordnen. Nine Inch Noize, die Kollaboration aus Trent Reznors Nine Inch Nails, Atticus Ross und dem Berliner Produzenten Boys Noize, spielten ihr allererstes vollständiges Set.

Die Vorgeschichte: Boys Noize hatte auf der Peel It Back Tour 2025 als dritter Akt in einer kompakten Bühnenkonfiguration NIN-Klassiker live dekonstruiert und remixed. Für Coachella wurde daraus ein eigenständiges Projekt mit eigenem Album (HALO 38, angekündigt für den 17. April) und einer Show, die alles übertraf, was die kurzen Tour-Einlagen hatten erahnen lassen.

Die Bühne im Sahara Tent bestand aus einer steilen, grauen Schaumstoff-Berglandschaft, die an ein Dune-Filmset erinnerte. Reznor, Ross und Boys Noize standen in einer Halbkreis-Formation, umgeben von ihrem Synth-Arsenal. Rund ein Dutzend Tänzerinnen und Tänzer in grauen Ganzkörperanzügen krochen, schlichen und schlängelten sich durch das Set: Mal bewegten sie sich wie ein einzelliger Organismus, mal brachen sie in Chaos aus, mal schwärmten sie die Bühne wie eine Zombie-Horde. Trent Reznors Ehefrau Mariqueen Maandig, bekannt aus dem gemeinsamen Projekt How to Destroy Angels, sang bei der Hälfte der Songs mit, darunter das HTDA-Stück “Parasite” und der Set-Opener, ein Remix des 2007er NIN-Deepcuts “Vessel”.

45 Minuten, elf Songs, null Kompromisse. Die Setlist las sich wie ein Greatest-Hits-Albtraum-Remix: “Closer” wurde zu einer noch brutaleren Version seiner selbst, während Reznor den Bühnenberg erklomm und die Tänzer ihn zurückzerrten. “Heresy” bekam eine himmlisch-verstörende Neuinterpretation. Ein Soft-Cell-Cover (“Memorabilia”) bewies, dass das Projekt über bloße NIN-Remixe hinausdenkt. Consequence of Sound brachte es auf den Punkt: Coachella hatte bewusst einen Albtraum-Rave auf denselben Abend gelegt wie seinen größten Pop-Headliner. Die Ironie war offensichtlich, und sie funktionierte.

Für NIN-Fans, für Industrial-Fans, für alle, die in den letzten Jahren befürchtet hatten, Reznor würde sich endgültig in die Oscar-prämierte Filmmusik-Ecke zurückziehen: Dieser Auftritt war das Statement, dass die Bühne noch nicht abgeschrieben ist. Und mit einem Album im Anmarsch und einer Produktionsqualität, die nach einer eigenen Tour schreit, dürfte Nine Inch Noize 2026 noch für deutlich mehr Schlagzeilen sorgen als nur 45 Minuten in der Wüste.

Die philippinische Girlgroup BINI wurde die erste Filipino-Gruppe in der Geschichte des Festivals und lieferte nach Einschätzung von Billboard Philippines und Rolling Stone eine der stärksten Debüt-Performances des Wochenendes. K-Pop-Legenden BIGBANG kehrten auf die Bühne zurück, sechs Jahre nachdem ihr geplanter Auftritt 2020 der Pandemie zum Opfer gefallen war.

Addison Rae gab am Samstag ihr Coachella-Main-Stage-Debüt vor ausverkauftem Feld. FKA twigs, die 2025 wegen Visa-Problemen absagen musste, lieferte am Sonntag die experimentellste Performance des Wochenendes. Und The Strokes spielten am Samstagabend parallel zu Bieber, was für alle, die früh genug wechselten, die bessere Entscheidung gewesen sein dürfte.

Das Fazit, soweit man nach Weekend 1 eines haben kann

Coachella 2026 in seiner 25. Ausgabe zeigt ein Festival am Scheideweg. Die Pop-Dominanz ist vollständig. Die Gagen explodieren. Die Produktionswerte schwanken zwischen Hollywood-Blockbuster und bewusstem Null-Budget. Der Wind erinnert gelegentlich daran, dass Festivals in der Wüste stattfinden und nicht im klimatisierten Konzertsaal.

Die drei Headliner-Abende erzählen dabei eine bemerkenswert vollständige Geschichte über den Zustand der Live-Musik im Jahr 2026: Carpenter zeigt, was passiert, wenn jedes Detail auf maximale Kontrolle getrimmt ist. Bieber zeigt, was passiert, wenn ein Künstler auf Kontrolle komplett verzichtet. Und Karol G zeigt, dass historische Momente manchmal einfach dadurch entstehen, dass jemand eine Bühne betritt, die vorher für Leute wie sie nicht vorgesehen war.

Weekend 2 startet am 17. April. Anyma bekommt eine zweite Chance für ÆDEN. Bieber darf seinen Laptop nochmal aufklappen. Und die Wüste wird tun, was die Wüste tut.

Quellen: Rolling Stone, Variety, Billboard, NPR, Blick, Hello Magazine

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Thomas Peter

ein diplomierter Biologe mit starkem Hang zu Fotokamera und der besonderen Festivalatmosphäre.