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Das Riesenrad dreht seine letzten Runden

12. Mai 2026

Irgendwo zwischen dem dritten Bier und dem Headliner hat es sich still und leise erledigt. Das Riesenrad, jahrelang das ikonischste Hintergrundelement der deutschen Festivallandschaft, dreht gerade seine letzten Runden. Oder hat damit schon aufgehört.

Rock am Ring verbannte das Riesenrad 2025 an den Infieldrand. Der neue Standort, etwas abseits der Hauptwege, reichte, um den Betrieb faktisch zu ruinieren. Keine Schlangen mehr, frustrierter Betreiber, leere Gondeln. 2026 ist es beim Ring komplett vom Geländeplan verschwunden. Rock im Park hat seinen Plan noch nicht veröffentlicht. Man darf gespannt sein.

Woher das Ding ursprünglich kam, ist kein Geheimnis: Coachella. Das Desert-Festival in Indio, Kalifornien, machte das Riesenrad zur ikonischsten Festivalkulisse überhaupt. Die “La Grande XL” von Ray Cammack Shows, rund 46 Meter hoch, über eine halbe Million LEDs, reist auf 20 Sattelschleppern an und braucht fünf Tage Aufbauzeit. Für den Betreiber ist es “das i-Tüpfelchen, das das gesamte Rad vervollständigt”, ohne das alles irgendwie unfertig wirkt.

Die Logik dahinter war für europäische Veranstalter schnell verinnerlicht. Ein Riesenrad kostet vergleichsweise wenig, wirft aber visuell viel ab. Nachts eine kostenlose Beleuchtung des Areals, tagsüber ein Fixpunkt für Drohnenaufnahmen, und für Livestream-Übertragungen war der langsame Schwenk aufs erleuchtete Rad immer gut für einen Establishing Shot. Instagram und später TikTok taten den Rest: Das Riesenrad war eines jener seltenen Motive, bei dem der Algorithmus mitspielte. Der klassische Forced-Perspective-Shot, bei dem man das Rad scheinbar zwischen zwei Fingern hält, produzierte tausende Aufrufe und faktisch kostenloses Marketing für die Veranstalter.

In der DACH-Festivallandschaft war das Riesenrad irgendwann auf fast jedem größeren Gelände: Rock im Park, Rock am Ring, Hurricane, Southside, Deichbrand, Highfield. Keine eigene Attraktion, eher ein Statuszeichen. Ein “wir sind groß genug, dass sowas hier steht.”

Nur: Trends verschleißen. Was 2013 noch eine halbstündige Schlange produzierte, stand zuletzt zunehmend einsam in der Gegend herum. Das Motiv hatte sich abgenutzt, das Fotopotenzial war ausgereizt, und die Generation, die sich einmal begeistert davor fotografiert hatte, kennt den Trick inzwischen auswendig.

Und dann war da noch Highfield 2024. Im August fing das dortige Riesenrad Feuer, zwei Gondeln brannten während der Fahrt, 65 Personen wurden verletzt. Niemand kam ums Leben, aber das Bild, das danach kursierte, war das genaue Gegenteil von dem, wofür das Riesenrad eigentlich stand. Nicht mehr das leuchtende Wahrzeichen im Hintergrund. Sondern brennende Gondeln, die sich im Halbdunkel drehen. Anti-Marketing vom Feinsten.

Das ist natürlich der dramatischste Punkt einer ohnehin schon laufenden Entwicklung. Das Riesenrad hat seine Zeit als Festivalstatement schlicht hinter sich. Der Platz, den es auf einem Gelände einnimmt, kann besser genutzt werden. Die Schlangen blieben weg, lange bevor Highfield brannte.

Ein jedes hat seine Zeit. Das Riesenrad hatte eine ziemlich gute. Und wer weiss: Vielleicht kommt es ja irgendwann wieder – wie so ziemlich jeder Trend.

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Thomas Peter

ein diplomierter Biologe mit starkem Hang zu Fotokamera und der besonderen Festivalatmosphäre.