Bands, Neuerscheinungen

Festivalisten Feuilleton: Böhse Onkelz – Memento

Steffen Neumeister

Festivalfficionado, Fotodude

Neurobiologe, Festivalliebhaber. Verdient seine Brötchen mit Webseitenkonsulting (Strategische Planung, Erstellung, Pflege) bei 70six.de.

Buy Me A Coffee

Kurbelt die Fenster eurer tiefergelegten Golf GTI’s runter und dreht die Anlage voll auf: Die Böhsen Onkelz sind wieder da.

Eigentlich sind sie das schon ein wenig länger. Nach ihren vor Superlativen strotzenden Reunionkonzerten 2014 und den „ey, das hat so gut geklappt und wir brauchen noch mehr Kohle“- Konzerten 2015, beide vor vielen hunderttausend Fans auf dem Hockenheimring, kommt nun endlich Memento, das erste Studioalbum der Böhsen Onkelz nach 12 Jahren.

„Aber warum schreiben denn die Festivalisten über diese Band?“ höre ich unsere Leser schon empört fragen. Klar, die Band hat nie in unserem Magazin stattgefunden und bei keinem unserer Redaktionsmitglieder wird irgendwo ein Onkelz Poster an der Wand hängen, doch heute fiel mir die Plattenkritik von Kollege Matthias Weckmann vom Metal Hammer in die Hände. Darin beschreibt Weckmann das Album als Neuerfindung und frischer als je zuvor. „Das Teil ist nicht nur ein Hit, sondern kompositorisch großes Kino.“, so Weckmann. Klar, das war schon immer die Stärke unserer Freunde aus Frankfurt. Ausgefuchste Kompositionen mit Liebe zum Detail. Verwirbelte Songstrukturen die zum Nachdenken anregen. All das erwartet uns also in frischer Form auf Memento.

Fangen wir mal von vorne an.
Alleine die Trackliste verspricht viel. Gott Hat Ein Problem, Markt Und Moral, Der Junge Mit Dem Schwefelholz oder auch Auf Die Freundschaft (Moment, das kommt mir bekannt vor) versprechen allerfeinsten Onkelz-Pathos in Reinform. Jetzt geht’s endlich los!

In Gott Hat Ein Problem röhrt Sänger Kevin Russell bedeutungsschwangere Floskeln auf Gitarrenriffs wie sie die Band AG der Philipp Burger Gesamtschule Brixen nicht besser hätte komponieren können. „Für immer Onkelz / Gott hat ein Problem.“ heißt es im Refrain, der sich kaum von den Strophen unterscheiden lässt. Fünf Minuten in denen wir erfahren, dass die Onkelz zurück sind und dickere Eier als je zuvor haben. Selbstreferenziell wie eh und je, so kennen wir die Racker nunmal.

„Wo wäre Jesus ohne die Evangelien? / Wo wären die Onkelz ohne das Seemannsgarn der Medien?“ Hach, da sind wir wieder bei einem altbewährten Thema dieser Band. Die Onkelz mochten die Lügenpresse schon nicht bevor es cool war die Lügenpresse nicht zu mögen. Und klar, wieder der Verweis darauf, dass die Onkelz größer als Jesus, Gott, Allah oder wer auch immer sind. Jeder Kriegt Was Er Verdient ist der vermutlich zwanzigste Rundumschlag-Song dieser Band (ABER VOLL FRISCH UND SO!!!) und legt sich mal wieder mit allem und jeden an. Ja. Wir haben es verstanden. Opfersongs für Opferfans, ihr lasst euch nicht unterkriegen, ihr steht immer wieder auf, diesdas Ananas.

Der Sound verändert sich über die gesamte Albumlänge eigentlich überhaupt nicht (Onkelzsprech: Der Sound bleibt sich treu!). Das ist schade. Denn der Sound ist ganz schön scheiße. Routiniert rattern die Onkelz ihre einfallslosen Riffs und Texte runter. Nichtmal eine gut gemachte Produktion könnte diese Songs noch retten. Deswegen ist die Produktion ebenfalls so lieblos gestaltet wie die Songs selbst. Totkomprimiert ohne Ende plätschern die Songs dahin, die vermeintlich brachialen Texte verpackt in allerfeinstem Schlagerrock. Helene Fischer wäre stolz.

Und da sind da noch diese immer wieder aufkommenden lyrischen Sternstunden. Das Highlight findet sich im Song Mach’s Dir Selbst: Man stelle sich die Situation vor, Stephan Weidner im Studio, seine Bandkollegen um ihn rum: „Ey Jungs, ich glaub ich habe eine super Zeile!“ – „Ich will keinen Ponyhof / Ich hasse Pferde / Risiko“. Kevin, Gonzo und Pe schauen ihn erst verwundert an bis der Produzent, der sich bis zu diesem Moment im Hintergrund hielt (irgendwer muss ja den Kompressor bis zum Anschlag drehen), aufsteht und langsam anfängt zu klatschen. Das Klatschen wird immer schneller bis auch alle anderen im Raum einsteigen und irgendwann tränenüberflutet Lyrikgenie Weidner um den Hals fallen. Ja, genau so stelle ich mir das vor.

Was bleibt also? Memento ist der Aufguss vom Aufguss vom Aufguss von ursprünglich schon enorm schlechter Musik. Dieses Album zu hören ist wie auf Kokain, Methadon und Psychopharmaka mit einem Audi R8 auf der A6 zwischen Frankfurt und Wiesbaden mit 230km/h mit einem anderen Auto zu kollidieren, dessen Insassen schwer zu verletzen und dann Fahrerflucht zu begehen.

Ich habe keine Ahnung, wie ich auf dieses, zugegebenermaßen sehr spezifische Beispiel komme, aber hey, Gefühle sind nunmal Gefühle.

+1
0
+1
0
+1
0
+1
0
+1
0
+1
0