Das Lineup für die Festivalsaison 2026 nimmt weiter Gestalt an. Hurricane und Southside haben acht weitere Acts bestätigt – angeführt von einer Künstlerin, deren Karriere man durchaus als popkulturelles Phänomen bezeichnen darf. Nach der ersten Ankündigungswelle wird das Bild nun klarer: Die Veranstalter setzen auf eine Mischung aus etablierten Namen und Künstlern, die gerade an der Schwelle zum Durchbruch stehen.
Halsey: Dystopie als Trademark
Mit „Badlands” hat Halsey 2015 einen Entwurf vorgelegt, der das Unbehagen einer Generation in treibende Beats verpackte – und damit einen Nerv traf, der auch zehn Jahre später noch frei liegt. Das Album funktionierte damals wie ein Soundtrack für alle, die sich in einer Welt wiederfanden, die irgendwie aus den Fugen geraten schien. Dass diese Stimmung 2026 nicht weniger relevant ist, muss man wohl nicht erklären.
Die mehrfach platin-ausgezeichnete US-Amerikanerin hat seither bewiesen, dass Konzeptalben im Alternative-Pop keine Nische sein müssen, sondern Stadien füllen können. Jede Platte ein eigenes Universum, jede Tour eine durchinszenierte Produktion. Ihre Live-Shows bewegen sich irgendwo zwischen Broadway-Intimität und Arena-Pathos – ein Spagat, der auf einem Festivalgelände eine interessante Dynamik verspricht. Denn während Halsey in eigenen Shows jedes Detail kontrolliert, muss sie sich hier dem Festival-Setting anpassen: Tageslicht statt Lichtdesign, Biergeruch statt Bühnennebel.
Für Hurricane und Southside ist es ein Wiedersehen: 2017 stand Halsey schon einmal auf beiden Bühnen, damals frisch mit „hopeless fountain kingdom” im Gepäck. Wer damals im Fotograben stand, erinnert sich vielleicht an eine etwas ungewöhnliche Situation: Halsey betrat die Bühne in kurzem Croptop, die Security winkelte die Fotografen eilig heraus – die Künstlerin wollte definitiv keine Fotos. Eine kleine Erinnerung daran, dass Pop-Inszenierung auch bedeutet, genau zu kontrollieren, welche Bilder entstehen. Neun Jahre später kehrt sie als deutlich größerer Name zurück. Die Hurricane- und Southside-Auftritte sind 2026 exklusiv – für Fans also kein Ausweichen auf andere Festivals möglich. Beim Soutshide steht sie freitags auf der Bühne, beim Hurricane am Abschlusstag.
Clueso: Der Erfurter Dauerbrenner
„Vercluest” – so nennt Clueso es, wenn ein Song zu einem Clueso-Song wird. Das klingt nach Marketing-Sprech, trifft aber tatsächlich einen Punkt: Es gibt diesen spezifischen Sound, diese Mischung aus melancholischen Untertönen und einem Optimismus, der nie ins Kitschige kippt. Damit hat sich der Erfurter über zwei Jahrzehnte eine treue Fangemeinde aufgebaut, die quer durch alle Altersgruppen reicht.
Mit „Deja Vu 1/2″ steht ein neues Album in den Startlöchern, was den Festival-Auftritt zusätzlich interessant macht. Neue Songs im Live-Test, dazu die Hits, die mittlerweile zum kollektiven Liedgut deutscher Festivalgänger gehören. Clueso ist kein Act, der polarisiert – aber einer, der zuverlässig funktioniert. Manchmal ist das genau das Richtige für den frühen Abend, wenn die Sonne langsam tiefer sinkt. Zuletzt war er 2023 da.
Orville Peck: Country durch die Lynch-Brille
Orville Peck ist wahrscheinlich der interessanteste Name dieser Ankündigung für alle, die abseits des Mainstreams nach Entdeckungen suchen. Der kanadische Musiker trägt auf der Bühne eine Fransenmaske, die sein Gesicht verbirgt – ein Gimmick, das bei anderen Künstlern albern wirken könnte, hier aber Teil eines durchdachten Gesamtkonzepts ist.
Seine Musik nimmt klassischen Country und dreht ihn durch einen Filter, der irgendwo zwischen Roy Orbison, Ennio Morricone und einer David-Lynch-Produktion liegt. Die Stimme ist tief und dramatisch, die Songs handeln von Einsamkeit, queerer Identität und dem amerikanischen Westen als mythischem Sehnsuchtsort. Dass so etwas auf einem deutschen Rock-Festival landet, zeigt, wie durchlässig Genregrenzen mittlerweile sind. Für Neugierige: „Dead of Night” als Einstieg, dann „Hexie Mountains” für die volle Dosis Weirdness.
Drunken Masters: Elektronische Unterfütterung
Jedes Festival braucht DJs, die zwischen den Gitarrenbands für Abwechslung sorgen. Drunken Masters aus Hamburg erfüllen diese Rolle seit Jahren zuverlässig. Ihr Sound bewegt sich im Bereich zwischen Hip-Hop, Trap und elektronischer Musik – perfekt für die späteren Stunden, wenn das Publikum weniger nach Mitsingen und mehr nach Bewegung sucht. Kein revolutionärer Act, aber einer, der weiß, wie man eine Menge bei Laune hält.
Levin Liam: Der Schauspieler-Musiker
Levin Liam kennen viele noch aus der Netflix-Serie „How to Sell Drugs Online (Fast)”. Dass Schauspieler Musik machen, ist per se kein Qualitätsmerkmal – die Liste der gescheiterten Versuche ist lang. Bei Levin Liam klingt das Projekt allerdings weniger nach Hobby als nach ernsthafter zweiter Karriere. Sein Sound bewegt sich im Bereich deutschsprachiger Pop mit elektronischen Einflüssen, die Texte persönlich und reflektiert. Ob das auf einer Festivalbühne die gleiche Wirkung entfaltet wie in intimeren Settings, wird sich zeigen.
Kasi und Røry: Die Newcomer-Fraktion
Jede Festivalankündigung braucht Namen, die noch nicht jeder kennt. Kasi aus Deutschland verbindet Pop und Rap auf eine Weise, die gerade den Zeitgeist trifft – melodisch genug für die Playlists, kantig genug für Credibility. Die britische Singer-Songwriterin Røry wiederum setzt sich bewusst über Genregrenzen hinweg, was in der Praxis nach einer Mischung aus Folk-Einflüssen und modernen Produktionstechniken klingt. Beide Acts sind Wetten auf die Zukunft – noch nicht auf Augenhöhe mit den Headlinern, aber mit dem Potenzial, in zwei Jahren selbst weiter oben im Lineup zu stehen.
Leila Lamb: Nur für Southside
Eine Besonderheit gibt es beim Southside: Leila Lamb spielt exklusiv in Neuhausen ob Eck. Die Sängerin gilt als Geheimtipp für alle, die experimentierfreudigen Pop mögen, der sich nicht um Konventionen schert. Wer beim Hurricane ist, muss also mit dem Lineup ohne sie leben – oder im nächsten Jahr zum Southside wechseln.

Was noch kommt
Die Veranstalter kündigen weitere Acts an, dazu Überraschungen zum 30. Hurricane-Jubiläum und das Programm der Warm-up-Partys. Das Lineup ist also noch nicht komplett, aber die Stoßrichtung wird deutlich: Eine Mischung aus internationalen Headlinern, deutschen Publikumslieblingen und Newcomern, die das Programm abrunden. Ob die Jubiläums-Überraschungen tatsächlich überraschen oder nur nostalgisch gefärbte Reunion-Ankündigungen sind, bleibt abzuwarten.
Tickets und alle weiteren Informationen auf hurricane.de und southside.de.




