Wenn ein Zeitplan mehr Emotionen auslöst als manche Headliner
Es gibt Momente im Festivalkalender, die eine ganz eigene Dynamik entfalten. Die Lineup-Bekanntgabe. Der Ausverkauf. Und dann, irgendwo zwischen Vorfreude und Planungswahn: die Veröffentlichung des Zeitplans. Beim Orange Blossom Special, diesem eigensinnigen Pfingstfestival an den Weserwiesen in Beverungen, hat dieser Moment traditionell die Wirkung eines kollektiven Adrenalinstoßes. Die Veranstalter wissen das, und kommentieren es mit der ihnen eigenen Mischung aus Selbstironie und vorbeugender Konfliktentschärfung: Ja, sie haben sich etwas bei der Reihenfolge gedacht. Nein, es kann nicht mehr getauscht werden. Und nein, Neil Young tritt schon wieder nicht auf. Kraftklub übrigens auch nicht.
Was stattdessen passiert, ist allerdings bemerkenswert genug.
Freitag, 22. Mai: Americana, Post-Punk und ein Name, den man sich merken sollte
Hauptbühne: Willow Parlo (16:30–17:30), Bikini Beach (18:00–19:00), Israel Nash (19:30–20:40), Marlo Grosshardt (21:10–22:20), Man/Woman/Chainsaw (22:50–23:50) Minibühne: Lener (19:00–19:25 & 20:40–21:05)
Der Freitag setzt den Ton, und er setzt ihn bewusst anders als die meisten Festivalauftakte. Keine Aufwärm-Routine, sondern ein Programm, das mit Willow Parlo als sanftem Einstieg beginnt und sich über Bikini Beach und Israel Nash stetig verdichtet. Nash als Vertreter eines kosmischen Americana-Entwurfs dürfte in der Abendsonne an der Weser genau die Atmosphäre erzeugen, für die das OBS seit Jahren steht: weit, warm, entrückt. Marlo Grosshardt verschiebt den Abend dann in Richtung deutschsprachiger Singer-Songwriter-Intensität, bevor Man/Woman/Chainsaw als Closer den Freitag mit Post-Punk-Kanten beschließen. Ein Abend, der auf Dynamik statt Lautstärke setzt.
Samstag, 23. Mai: Von Schreng Schreng bis Tramhaus, und dazwischen Herrenmagazin
Hauptbühne: Schreng Schreng & La La (11:30–12:20), Worries and Other Plants (12:55–13:55), Grote Geelstaart (14:30–15:30), Jerry Leger (16:00–17:05), Nils Keppel (17:40–18:45), Frazey Ford (19:15–20:20), Herrenmagazin (20:55–22:05), Tramhaus (22:40–23:50) Minibühne: Kekse & Kakao (13:55–14:20 & 15:30–15:55), Schnuppe (18:45–19:10 & 20:20–20:45)
Der Samstag ist das Herzstück, und er beginnt bereits um halb zwölf. Wer Schreng Schreng & La La um diese Uhrzeit verpasst, verpasst den Moment, in dem das Festival wirklich beginnt. Die Mittagsstunden gehören mit Worries and Other Plants und Grote Geelstaart der leiseren, suchenden Fraktion. Jerry Leger bringt kanadischen Roots-Rock mit, Nils Keppel verschiebt den Nachmittag in Singer-Songwriter-Gefilde, und Frazey Ford dürfte mit ihrer souligen Stimme den emotional intensivsten Moment des Tages liefern, bevor die Sonne untergeht. Herrenmagazin als Quasi-Headliner setzen dann den introspektiven Indie-Rock-Akzent, der beim OBS seit jeher seinen natürlichen Lebensraum hat. Tramhaus schließen den Abend, und wer die Iren schon mal live erlebt hat, weiß: Das wird kein sanftes Ausklingen, sondern ein kontrollierter Exzess zum Tagesabschluss.
Sonntag, 24. Mai: Turbostaat als Closer, und ein Surprise Act zum Auftakt
Hauptbühne: Surprise Act (11:30–12:35), Mel D (13:00–14:00), Blush Always (14:30–15:30), Alela Diane (16:00–17:05), Maria Iskariot (17:35–18:40), Gringo Mayer und die Kegelband (19:15–20:20), Turbostaat (20:50–22:05), Wrest (22:40–23:50) Minibühne: Agassi (15:30–15:55 & 17:05–17:30) Sonderslot: Versteigerung für Viva con Agua e.V. (20:20–20:45)
Der Sonntag beginnt mit einem Surprise Act, was beim OBS traditionell alles bedeuten kann, von der lokalen Newcomer-Band bis zum impulsiven Booking in letzter Minute. Alela Diane am Nachmittag ist ein Statement: Folk-Songwriter-Kunst, die live eine Intimität erzeugt, die auf größeren Festivals kaum möglich wäre, hier aber, zwischen Weserwiesen und Freibad, genau richtig ist. Maria Iskariot verschieben die Stimmung danach in punkigere Gefilde, Gringo Mayer und die Kegelband liefern den absurden Humor, der als Ventil vor dem großen Finale dient. Und dann: Turbostaat. Flensburger Post-Hardcore-Veteranen, die seit über zwei Jahrzehnten die Blaupause dafür liefern, wie sich Intensität und Intelligenz nicht ausschließen. Ein würdiger Closer. Wrest beschließen danach den Abend als Late-Night-Bonus.
Das Rahmenprogramm: Mehr als Beiwerk
Was das OBS von den meisten Festivals unterscheidet, zeigt sich jenseits der Bühnen: Vogelbeobachtungstouren am Samstagmorgen, Kräuterwanderungen mit Marie, Yoga an den Weserwiesen, die Bella-Lugobsi-Schwimmprüfung im Freibad „Die Batze”, ein Mitmachzirkus auf dem Campingplatz, Lesungen, Kunst-Mitmachaktionen mit Laduka, das „Spiel des Überlebens” mit Music Declares Emergency und eine Versteigerung für Viva con Agua. Dazu ganztägig: Luftgitarrenverleih, Fotobox, UV-Infostand von Melanom Info Deutschland und Kinderspaß auf der Biergarten-Plaza. Walking Acts wie Animat (Freitag/Samstag) und Stoic Mind (Sonntag) tauchen irgendwo zwischen den Bühnen auf, „mal hier, mal da”, wie der Zeitplan charmant vermerkt.
Das OBS war nie ein Festival, das sich über seine Headliner definiert. Es definiert sich über das Gesamtpaket, und dieses Gesamtpaket ist 2026 so dicht wie selten zuvor.
Orange Blossom Special 28: 22.–24. Mai 2026, Beverungen an der Weser. Der komplette Zeitplan mit allen Details steht auf der OBS-Website.




