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So war’s: Coldplay in Leipzig

16. September 2012

Man kann ja von Coldplay halten, was man will. Man kann die Briten als Radiopopband abstempeln. Man muss auch die Gefühlsduselei, die ihren Songs teilweise zu Grunde liegt nicht unbedingt mögen. Aber eines kann man ihnen nicht vorwerfen: eine schlechte Liveband zu sein.

Coldplay (Bildquelle:MLK/Sarah Lee)

Freitag, 14.09. gegen 23:00 Uhr. Ein riesige Menschenmenge schiebt sich durch einen Tunnel aus der Leipziger Red Bull Arena. Wie aus dem Nichts ertönt plötzlich ein beeindruckender Chor, der “Viva La Vida” zum Besten gibt. In Windeseile verbreitet sich dieser im Tunnel, fast alle Leute singen mit. Es ist für mich ein Zeugnis dafür, dass ich nicht der einzige bin, der von diesem Konzert stark beeindruckt war. Aber der Reihe nach.

Eins vorweg: Ich mag Coldplay, bin jedoch kein riesiger Fan. Den Ausschlag, mich um eine Karte zu bemühen, gab letztlich die imposante Show, die Coldplay anlässlich der Abschlussfeier der Paralympics am letzten Sonntag im Londoner Olympiastadion spielten.

Da mir alle Angebote aus dem Internet zu vage waren was die rechtzeitige Lieferung der Karten angeht, steht für mich ziemlich schnell fest, dass ich mich vor dem Stadion um eine Karte bemühen werde. Nichts leichter als das, denn an jeder Straßenecke stehen Leute, die noch Karten für das Konzert loswerden wollen. Für meine Karte muss ich schließlich 55€ berappen – ein guter Preis für einen Stehplatz eingedenk des Vorverkaufs-Preises von knapp 75€.

Direkt am Einlass wird jedem Besucher ein Bändchen mit einem recht klobigen Kasten ausgehändigt. Hätte ich zuvor keine Berichte über vergangene Konzerte gelesen, ich wäre perplex und wüsste nicht, was es damit auf sich hätte. Der erste Eindruck beim Betreten des Stadions ist imposant. Vor mir tut sich eine Bühne mit sage und schreibe fünf LED-Leinwänden auf. Der Sitzplatzbereich hinter der Bühne ist mit einem gigantischen Tuch ausgelegt, auf dem mit Neonfarben Städtenamen verzeichnet sind – vermutlich die bisherigen Tourstationen.

Los geht es pünktlich um 19:00 Uhr mit Charlie XCX. Was man sich dabei gedacht, eine solche “Künstlerin” als Support von Coldplay spielen zu lassen, ist mir ein Rätsel. Unpassend und unnötig. Und angesichts der ausbleibenden Publikumsreaktionen scheine ich mit dieser Meinung auch nicht alleine dazustehen. Ähnlich verhält es sich mit dem zweiten Support-Act Marina & The Diamonds. Denn mal ehrlich: Wer braucht denn einen billigen Katy Perry-Verschnitt als Vorband von Coldplay? Richtig! Niemand. Immerhin kann Marina auf ein paar wenige Radiohits zurückgreifen, die vom Publikum mit Applaus honoriert werden. Trotzdem bleibt am Ende lediglich die Erkenntnis, dass man diese 30 Minuten sinnvoller hätte verbringen können. Mit dem Geradebiegen von Bananen zum Beispiel.

Die unsäglichen Support-Acts sind aber sofort vergessen als gegen 21:15 Uhr das Theme von “Zurück in die Zukunft” aus den Lautsprechern ertönt. Mit “Hurts like Heaven” starten die vier Londoner in das Konzert. Gleich zu Beginn werden optisch sämtliche Register gezogen. Feuerwerk, übergroße Luftballons und Massen an Konfetti sorgen für einen fulminanten Auftakt. Und: Blinkende Bändchen. Man kann es albern finden oder übertrieben. Aber es sieht einfach beeindruckend aus, wenn Zehntausende von Armen in der Luft zum Takt des Songs aufleuchten. Frontmann Chris Martin verspricht den Zuschauern unterdessen das beste Konzert ihres Lebens – ein hoher Anspruch, den die Band bei vielen aber erfüllen dürfte.

Mit “In My Place” folgt dann direkt der erste große Hit. Störend wirken hier nur die unfassbar zahlreichen Blitzlichter und Kameradisplay, die vor allem kleingewachsenen Zuschauern den Blick auf die Bühne erschwert haben dürften. Weiter geht es mit “Major Minus” und “Lovers In Japan”, worauf mit “The Scientist” direkt die nächste große Nummer folgt.
Mein persönlich Highlight des Abends ist jedoch dieser kleine Moment der Ruhe, in dem die Bühne komplett in warmes gelbes Licht getaucht ist und Chris Martin die ersten Takte von “Yellow” auf dem Klavier spielt. Die Band spielt sich von Hit zu Hit durch das Set – immer untermalt von beeindruckenden grafischen Animationen auf den LED-Wänden, begleitet von Konfetti-Regen und blinkenden Armbändern.

Den ersten Teil des Konzerts beschließt “God Put A Smily Upon Your Face”. Denn nun findet sich die komplette Band auf dem Steg zusammen, der weit ins Publikum hineinragt. Das herkömmliche Drumset wird gegen das elektronische getauscht und die Band spielt mit “Princess of China” den einzigen wirklich entbehrlichen Song des Abends. Denn abgesehen von der Tatsache, dass der Song schon auf “Mylo Xyloto” qualitativ eher abfällt, wirkt es live auch etwas lächerlich, wenn Rihanna ihren Part nur vom Band zum Besten gibt.

Es ist unglaublich viel Bewegung auf der Bühne. Insbesondere Chris Martin und Jonny Buckland nutzen immer wieder die gesamte Breite um sich dem Publikum zu präsentieren. Mit dem Zwischenspiel “A Hopeful Transmission” kehren die Briten dann wieder zur herkömmlichen Aufstellung auf der Bühne zurück. Alles ist perfekt durchchoreografiert. Auch als Chris Martin scheinbar entkräftet zu Boden geht, ist das wohl nicht mehr als inszeniert. Mit “Viva La Vida” und “Charlie Brown” folgen die nächsten großen Hits, bevor das “reguläre Set” dann mit “Paradise” beschlossen wird. Es ist der Moment, in dem mir deutlich vor Augen geführt, wieviele Hits die Band in den zwölf Jahren seit Veröffentlichung des Debüt-Albums “Parachutes” geschrieben hat.

Doch – wer hätte das erwartet – auch Coldplay geben natürlich eine Zugabe. Aber Coldplay wären nicht Coldplay, wenn sie nicht auch dafür noch eine Überraschung auf Lager hätten. So herrschte erst einmal ungläubiges Staunen als die ersten Töne der Zugabe zu hören sind, auf der Bühne von der Band jedoch weit und breit nichts zu sehen ist. Des Rätsels Lösung: Im hinteren rechten Bereichs des Innenraums hatte man noch eine Mini-Bühne installiert, die bei zwei Songs zum Einsatz kam.

Ein bisschen Magie liegt schließlich in der Luft als pünktlich zur Zeile “Like a river to a raindrop, I lost a friend” die ersten Regentropfen aus dem ansonsten freundlichen Leipziger Nachthimmel fallen.

Für den größten Lacher des Abends sorgt schließlich Chris Martin persönlich, als er inmitten von “Clocks” Carly Ray Jepsens “Call Me Maybe” anstimmt. Etwas deplatziert wirkt im Anschluss das “Singing In The Rain”-Intro zu “Fix You”, denn der Regen hat sich zu diesem Zeitpunkt schon wieder verzogen. Einen würdigen Abschluss bildet schließlich “Every Teardrop Is A Waterfall” – erneut untermalt von Unmengen an Konfetti, blinkenden Armbändern und Pyrotechnik.

Vielen Dank Coldplay für eine großartige Show. Vielen Dank für 100 Minuten großartige Unterhaltung. Oder um es mit euren Worten zu sagen: You put a smile upon my face!

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Sven Morgenstern